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Interview mit Benedikt Eppelsheim

Artikel in 'Interviews', hinzugefügt von Schorsch, 13.Februar.2008. Current view count: 1076.

Interview mit Benedikt Eppelsheim
Benedikt Eppelsheim fasziniert auf der Frankfurter Musikmesse nahezu jeden Besucher seines Standes mit seinen Instrumenten, die einfach tiefer sind als alle anderen. Doch woher kamen die Ideen, solche aussergewöhnlichen Instrumente zu bauen, und was war der Anreiz, neben dem tiefsten auch das höchste aller Saxophone zu konstruieren? Diese und viele andere interessante Fragen beantwortete uns Benedikt Eppelsheim in einem ausführlichen und sehr aufschlussreichen Interview. Hörproben seiner hier angesprochenen Instrumente gibt es auf seiner Website: www.eppelsheim.com.

saxophonforum.de: Sie gelten als einer der innovationsfreudigsten Instrumentenmacher überhaupt – wie sind Sie das geworden? Was ist Ihre berufliche Vorgeschichte?

B. Eppelsheim: Die berufliche Vorgeschichte fängt damit an, daß mein Vater Musikwissenschaftler ist mit Schwerpunkt (Holzblas-) Instrumentenkunde. So bin ich zwischen Instrumenten aufgewachsen, und meine hauptsächlich technische Interessenlage hat sich später eben auf Instrumente gerichtet. Nach Abitur und Zivildienst habe ich bei Ganter (München) und Wenzel Meinl (Geretsried) Blechblasinstrumentenbau gelernt; nach zwei Jahren bei Münchner Blech GmbH wollte ich dem Beruf zunächst den Rücken kehren und Architektur studieren (mein anderer Jugendtraum), aber meine mäßige Begabung dafür und mein immer noch brennendes Interesse für die Blasinstrumente haben mich zurück an die Werkbank gezwungen.
In der Werkstatt von Franz Traut (München) habe ich dann jahrelang Experimente mit S- Bögen gemacht und Saxophone repariert; in dieser Zeit habe ich auch zwei experimentelle Instrumente gebaut, die zwar an sich nicht interessant sind, aber unentbehrliche Schritte auf dem Weg zu eigenen marktfähigen Entwicklungen waren. 1998 folgte der Schritt in die Selbständigkeit, zunächst als Reparaturbetrieb.

saxophonforum.de: Sie sind bekannt für Ihre tiefen Instrumente. Wann und aus welcher Motivation heraus kam Ihnen zum ersten Mal die Idee zum Bau des Tubax?

B. Eppelsheim: Ich kann die Idee zurückverfolgen bis 1992 oder 93; damals war ich bei Münchner Blech beschäftigt und bekam auch Kontrabaß- Sarrusophone und Baßsaxophone in die Hände.
Es gab zu dieser Zeit kein praktikables Kontrabaß- Saxophon, daher lag die Idee nahe, eines zu bauen und in etwa so wie Sarrusophone zu formen, oder auch ähnlich wie das "Saxophone Bourdon" auf der Sax´schen Patentzeichnung.

saxophonforum.de: Es gibt doch aber zum Beispiel einige noch erhaltene Kontrabaß-Saxophone von Evette &Schaeffer. Was ist genau der Grund dafür, dass diese "nicht praktikabel" sind – die veraltete Applikatur, die schlechte Intonation oder das unhandliche Format?

B. Eppelsheim: Alles zusammen: Schlechte Intonation heißt immer auch schwere Ansprache: Da die Partialtöne bei schlechter Intonation nicht ganz genau in ganzzahligen Verhältnissen (1,2,3,4...n) stehen, dämpfen sich die Resonanzen der einzelnen Partialtöne eher als daß sie sich gegenseitig verstärken.
Der obere Teil des Evette- Kontrabaßsaxophons besteht aus drei Bariton- Korpusteilen (Bariton- Hauptrohr, Ober- und Unterbügel), die nicht genau auf die Kontrabaß- Mensur abgestimmt sind. Außerdem sind die Tonlöcher verhältnismäßig winzig, da nur die vorhandenen Deckel vom Baßsaxophon verwendet wurden.

saxophonforum.de: Was bedeutet eigentlich der Name "Tubax"?

B. Eppelsheim: Eben das Tuba- Saxophon.

saxophonforum.de: Stimmt es, dass der Luftverbrauch durch die engere Mensur des Tubax zwar gesenkt wird, dafür aber auch der Ton etwas an Volumen verliert?

B. Eppelsheim: Natürlich kann man nicht alle Eigenschaften in demselben Instrument vereinen: Was das die engere Mensur des Tubax an Agilität und rhytmischem Akzent gewinnt, verliert sie an Luftverbrauch und Volumen.
Andererseits: Wer ein Tubax nicht voluminös spielen kann, wird an einem "dicken" Kontrabaßsaxophon vollends scheitern.
Alexander Reffgen vom Cologne Saxophone Quintet kann mit einem sehr weit geöffneten Mundstück, aber vor Allem mit perfekter Spieltechnik einen sehr voluminösen Bass auf dem Tubax spielen.
Wir bereiten aber auch ein weiter mensuriertes Kontrabaß- Instrument vor.

saxophonforum.de: Wie lange dauerte es von der ersten Idee der Konstruktion des Tubax bis zur Umsetzung?

B. Eppelsheim: Etwa sieben Jahre; dabei dauerte die tatsächliche Konzeption des Tubax nur etwa eine Woche, die Entwicklung des Prototypen vier Monate. Die meiste Zeit brauchte die Entwicklung des "Rezepts" zur Berechnung der Mensur und der Tonlochpositionen, gestützt auf Fachliteratur von

  • Cornelis Johannes Nederveen: “Acoustical aspects of woodwind instruments”
  • Arthur H. Benade: “Fundamentals of musical acoustics”.
saxophonforum.de: Wie viele dieser Instrumente haben Sie bisher gebaut?

B. Eppelsheim: 42

saxophonforum.de: Stimmt es, dass es damit bereits mehr Tubaxe gibt als in den letzten 100 Jahren hergestellte "normale“ Kontrabaß-Saxophone?

B. Eppelsheim: Meines Wissens ja.

saxophonforum.de: Kam die Idee zu Ihrem Basssaxophon vor oder nach dem Tubax?

B. Eppelsheim: Lange danach: Etwa 2001.

saxophonforum.de: Ihr Basssaxophon ähnelt äußerlich wesentlich mehr den heute noch erhaltenen von Adolphe Sax selbst konstruierten Instrumenten als einem Basssaxophon von z.B. Keilwerth oder Selmer – ist das Zufall? Wie verhält es sich klanglich im Vergleich zu einem anderen modernen Basssaxophon?

B. Eppelsheim: Mein Baßsaxophon ist so kompakt wie möglich gebaut, darin liegt vielleicht eine Ähnlichkeit. Der Bogen ist aber ganz anders geformt.
Mein Baßsaxophon klingt dunkler und voller als andere, bedingt durch die weitere Mensur.



saxophonforum.de: Eine andere Ihrer Schöpfungen ist das Soprillo. Vom tiefsten Saxophon zum höchsten - das liegt auf den ersten Blick nicht nahe. Wie kam es zu diesem "Stimmungswandel"?

B. Eppelsheim: Als kleiner Handwerksbetrieb hat man keine andere Wahl, als sich Nischen zu suchen: Hier ist noch Entwicklungsarbeit möglich, da für große Hersteller der Bau solcher Extreminstrumente unwirtschaftlich wäre; daher wurde auch nie viel Aufwand in die Entwicklung solcher Instrumente gesteckt.
Genau darin liegt die große Gemeinsamkeit von Soprillo und Tubax. Außerdem ist für einen Kleinbetrieb ein professionelles Marketing unerschwinglich; die Produkte müssen also selbst auffällig genug sein, das Interesse zu wecken.
Hätte ich 1999 versucht, ein Altsaxophon (ganz gleich wie gut oder schlecht) auf der Frankfurter Musikmesse zu präsentieren, hätte das niemand gemerkt.

saxophonforum.de: Vor fünf Jahren (2001) kam dann das Subkontrabasssaxophon. Sehen Sie für diesen Giganten eine realistische Chance im Orchester, oder worin lag die Motivation, es zu bauen?

B. Eppelsheim: Es gibt im symphonischen Orchester keine Chance für neue Instrumente, da die Besetzung und das Repertoire weitgehend feststehen. Allenfalls Weiterentwicklungen bestehender Instrumente können, wo nötig, dort noch Eingang finden, so wie das Kontraforte.
Die Motivation, Tubaxe auch in Bb und C zu bauen, waren Bestellungen. Es gab vor den Bestellungen auch keine Prototypen.

saxophonforum.de: Welche Versionen des Tubax gibt es bisher insgesamt, und welche ist die beliebteste?

B. Eppelsheim: Eb, Bb, C, in dieser Reihenfolge.

saxophonforum.de: Welches der beiden Instrumente ist einfacher zu bauen: das Soprillo oder das Tubax? Oder kann man das nicht so einfach sagen, und jedes hat seine eigenen Besonderheiten und Probleme?

B. Eppelsheim: Jedes hat seine eigenen Schwierigkeiten; natürlich dauert die Herstellung eines Tubax oder Baßsaxophons viel länger als die eines Soprillos.

saxophonforum.de: Welche Leute kaufen sich solche Exoten - sind es hauptsächlich Berufsmusiker oder haben Sie auch viele Sammler aus Leidenschaft unter Ihren Kunden?

B. Eppelsheim: Berufsmusiker, Hochschullehrer, Sammler, Amateure, Blaskapellen- sehr gemischt.

saxophonforum.de: Aber sie haben sich ja nicht nur dem Saxophon verschrieben - aus Ihrem Haus kommt auch ein Sarrusophon. Und das, wo die beiden Instrumente früher eigentlich eher Konkurrenten waren. Soll es wie damals bei manchen Gelegenheiten das Kontrafagott ersetzen, oder wo sehen sie seine Einsatzmöglichkeiten?

B. Eppelsheim: Das Sarrusophon war von Gautrot als Konkurrenz zum Saxophon gedacht, hatte aber keinen vergleichbaren Erfolg, teils auch wegen der mangelhaften akustischen Qualität der alten Sarrusophone.
Heute wird man damit nicht das Kontrafagott ersetzen wollen, das scheitert schon an der für Fagottisten ungewohnten Saxophon- Griffweise. Es gibt einige wenige Orchesterstimmen für Kontrabaß- Sarrusophon in C, so wenige, daß die fast immer mit dem Kontrafagott gespielt werden.

saxophonforum.de: Konkurriert das Sarrusophon nicht mit dem Kontraforte?

B. Eppelsheim: Nein, es ist ihm chancenlos unterlegen. Das Kontraforte bietet die gleichen dynamischen Möglichkeiten und ist durch die Fagottgriffweise für Fagottisten sofort spielbar. Außerdem ist es ein Kontrafagott und wird als solches in symphonische Orchester aufgenommen.

saxophonforum.de: Wird der Bau der verschiedenen Instrumente wenigstens dadurch vereinfacht, dass einige Bauteile mehrfach verwendet werden können, oder ist das nicht möglich?

B. Eppelsheim: An allen Tubax- Baugrößen gibt es viele gemeinsame Mechanikteile. Auch mein eines C- Kontrabaßsarrusophon basiert auf der Tubax- Mechanik, die freilich deutlich abgewandelt werden mußte.
Gemeinsame Korpusteile kann es nicht geben, da die akustischen Einbußen zu gravierend wären.

saxophonforum.de: So viele so gewaltige Instrumente - wie viele Mitarbeiter sind mit der Konstruktion eines einzelnen Instruments wie lange beschäftigt?

B. Eppelsheim: Vier Mitarbeiter, außerdem viele andere Fremdfirmen, die auch auf meiner Website erwähnt sind. Die Bauzeiten hängen natürlich stark vom einzelnen Modell ab. Ein Tubax summiert sich auf etwa 300 Arbeitsstunden, Fremdfirmen noch nicht mit eingerechnet.

saxophonforum.de: Was sind Ihre aktuellen Projekte?

B. Eppelsheim: Da ich neue Modelle gerne mit einem Überraschungseffekt präsentiere, verweise ich Sie auf die Frankfurter Muikmesse (29.3.- 1.4. 2006) und auf meine Website (Anm. v. saxophonforum.de: www.eppelsheim.com).

saxophonforum.de: Was ist für die Zukunft zu erwarten?

B. Eppelsheim: Immer mehr und bessere asiatische Produkte werden westliche Hersteller immer weiter unter Druck setzen. Übrig bleiben auf Dauer nur ein qualitativ sehr hochwertiges und teures Segment, und eben sehr kleine Marktnischen für exotische Produkte.
Soziale Standards werden sich innerhalb Europas, oder vielleicht darüber hinaus, nivellieren müssen.

saxophonforum.de: Es gibt inzwischen einige sehr engagierte Anhänger des C-Melody Saxophons. Wie hoch wäre der Aufwand, um es in ansprechender Qualität mit heutigen Methoden zu bauen?

B. Eppelsheim: Moderne Methoden sind an große Stückzahlen gebunden, da anders der enorme Werkzeugaufwand für jedes einzelne Kleinteil nicht zu finanzieren wäre.
Da das C Melody- Saxophon ein typisches Amateurinstrument ist und wohl bleiben wird, wäre es zu europäischen Herstellungspreisen kaum verkäuflich.
Der Markt für eine große Serie, beispielsweise in Taiwan gefertigt, ist nicht zu erkennen, da Vintage- C- Instrumente immer noch massenhaft billig erhältlich sind.

saxophonforum.de: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass dies jemals passieren wird?

B. Eppelsheim: < 1%- dabei besteht noch die große Gefahr, daß ein solches Projekt zu einem Flop wird:
Viele C Melody- Spieler schätzen das C- Instrument gerade wegen seines ungewöhnlichen Klanges, wünschen sich dabei aber eine moderne Intonation.
Da Klang und Intonation aber beide von derselben Partialtonreihe abhängen, ist es unmöglich, ein Instrument zu bauen, das modern stimmt und nicht auch modern klingt.
Daß ein C- Tenor, das sich klanglich nur wenig vom Bb- Tenor unterscheidet, einen Markt hätte, bezweifle ich schwer. Man denke nur an die geringe Verbreitung von C- Klarinetten oder C- Trompeten. Beide sind erhältlich. Aber kann man wider besseres Wissen ein schlecht stimmendes Instrument bauen, nur um des besonderen Klangs willen? Ich glaube kaum.

saxophonforum.de: Was müsste geschehen, damit es passiert?

B. Eppelsheim: Die einzige Möglichkeit sehe ich in einer Bestellung auf Subskriptionsbasis.
Erst wenn eine höhere vierstellige oder gar fünfstellige Zahl an Bestellungen und Anzahlungen vorläge, wäre das Risiko, ein neues C- Tenorsaxophon zu produzieren, vertretbar.
Ein weiteres schlecht stimmendes und nicht professionell spielbares C- Melody- Saxophon würde nach meiner Einschätzung die C- Begeisterung endgültig in Verruf bringen.
Sehr gerne würde ich an solch einem Projekt als Entwickler teilnehmen, und der Entwicklungsaufwand wäre verglichen mit den Werkzeugkosten gering; aber wegen der Stückzahlen und der klanglichen Frage bleibe ich skeptisch.

saxophonforum.de: Herr Eppelsheim, wir danken Ihnen vielmals für dieses interessante und aufschlussreiche Interview.