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Interview mit Michael Lutzeier

Artikel in 'Interviews', hinzugefügt von matThiaS, 28.Mai.2008. Current view count: 1017.

saxophonforum.de: Hallo Michael, mit 'SchlagerhitZ - Berlin film songs jazzified' ist dir in meiner Meinung nach ein tolles Album gelungen. Wie ist denn die Idee entstanden, die heutzutage mehr oder weniger bekannten Tonfilmschlager aus UFA-Filmtagen in dieses neue Gewand zu stecken?

MICHAEL LUTZEIER: Ich bin immer auf der Suche nach großen Kompositionen und außergewöhnlichen Melodien. Nach meiner CD mit Texten von Walter Serner - „Letzte Lockerung“ – die ich mit Titeln aus den 30er Jahren beidseits des Atlantiks illustriert habe, kam es wie von selbst, mal ein Programm zu machen, welches ausschließlich deutsche Komponisten als Ausgangspunkt für Modern Straight Ahead Jazz nutzt.
Es ist vielleicht vielen nicht bewußt: Rund 60-80% des aktiven Jazz-Repertoires besteht aus amerikanischen Tin Pan Alley und Broadway-Schlagern der 20er bis 40er Jahre. Weltweit. Hast Du schon mal die oft säusligen und kantigen Originalversionen gehört, z.B. von All The Things oder Body &Soul? Erst die Jazzmusiker haben das Kommerz-Kleid runter gerissen und die Melodien im Jazz-Idiom gespielt, und das beflügelt uns heute noch.
Wenn die Melodie „gut“ ist, dann ist das Stück auch jazz-bar. Warum also nicht mal deutsche Schlager nehmen? Wenn ich’s nicht sage, daß es UFA-Hits sind, denken eh viele Kollegen, das seien irgendwelche nicht so bekannte Jazz-Standards!

saxophonforum.de: Die Stücke sind zum Teil sehr ausgetüfelt arrangiert. 'Ich Weiß, Es Wird Einmal Ein Wunder Geschehn' beginnt mit einem Duo Saxophon und Gitarre, gefolgt von einem langsamen Walzer, nach einem Zwischenspiel legst du in einem Swingteil mächtig los bevor das Stück in einem hymnischen Schlußteil endet. 'Kann Denn Liebe Sünde Sein', das ich bisher nur in einer Version gesungen von Manfred Krug in einer Tatort-Folge kannte, erinnert mich ein wenig an die Art von Sonny Rollins, alte Schleifer liebevoll ironisch zu interpretieren. Wem gebührt die Ehre, die Stücke auf diesem Album arrangiert zu haben?

MICHAEL LUTZEIER: Mit Sonny Rollins liegst Du schon ganz richtig, den habe ich immer sehr geliebt. Auch Getz hat eine unwahrscheinliche Gabe Schwieriges einfach und das Einfache subtil klingen zu lassen. Alle Stücke sind von mir arrangiert und orchestriert.
Allerdings wußte ich auch ganz genau mit welchen Musikern ich das mache, so konnte vieles wachsen. Rick Hollander ist einer besten und am meisten unterschätzten Schlagzeuger Europas, Thomas Stabenow ist die deutsche Autorität am Kontrabass und mit Bernd Hess an der Gitarre wird die moderne Note des Quartetts unterstrichen.

saxophonforum.de: Bei 'Der Wind Hat Mir Ein Lied Erzählt' meine ich einen Anklang an Quadro Nuevo zu hören, die ja beim selbem Verlag tätig sind. Ist das reiner Zufall, bist du mit den Musikern von Quadro Nuevo bekannt?

MICHAEL LUTZEIER: Ich kenne und schätze Mulo seit Jahren, obwohl wir musikalisch nie miteinander gearbeitet haben. Die anderen Mitglieder von Quadro Nuevo werde ich erst im Oktober auf der Jazz-Cruise im Schwarzen Meer kennenlernen und da freu ich mich drauf.
Es ist also eher Zufall, daß ich auch, wie teilweise Quadro Nuevo, auf den „entertaining“ Aspekt im Jazz setze, auf gehobene Unterhaltung und eben nicht „Kunstmusik“. Denn seit Jahren ahne ich, daß Jazz in einer Sackgasse herum-manövriert und zunehmend den Kontakt mit dem breiten Publikum verliert. Was schade ist – bei einer so großartigen Musik!

saxophonforum.de: Gab es einen 'magic moment' in dem dir klar wurde, Saxophon ist mein Ding? War Bariton schon von Anfang an dein Lieblingssaxophon, spielst du nur Bariton?

MICHAEL LUTZEIER: Ich spiele hauptsächlich Bariton und da kennt man mich, aber ich spiele auch alle anderen Saxophone. Mit der Gruppe Embryo spiele ich auch Sopran, mit meiner Big Band, den Munich Lounge Lizards regelmäßig Alto. Mit Louis Orelli auch das C-Melody. Begonnen habe ich – nach meiner Stromgitarre in Schulbands – mit Tenorsaxophon. Auf meiner Sextett-CD „Artbop“ ist auch meine Bassklarinette zu hören, die ich natürlich gelegentlich in den Bigbands spiele, z.B. bei der Bobby Burgess Big Band Explosion.
saxophonforum.de: Wie verlief deine Karriere als Musiker?

MICHAEL LUTZEIER: Wie Karl Valentins Brunnenaufdreher. Learning by tooting.
Okay, Spaß beiseite und in aller Kürze: Ich habe mit 4 Jahren angefangen Musik zu machen, erst mit Blödflocke und dann mit Gitarre und viel Singen. Schulbands folgten, in denen ich dann relativ spät, mit glaube ich 18 Jahren begann das Saxophon einzubauen. Dann war ich oft in München im alten Jazzclub Unterfahrt und lernte die Szene kennen. Ein paar Jahre Landesjugend Jazz-Orchester bevor ich nach Hilversum auf die Hochschule ging und dort bei Ferdinand Povel, Erik van Lier und Kenny Napper studierte. Während dieser Zeit nahm mich auch Dusko Goikovich unter seine Fittiche, später begann die ungemein lehrreiche Zeit mit Al Porcino. Dann hatte ich das Glück bei fast allen deutschen Radio Big Bands eingeladen zu werden. Und das Telefon klingelt immer noch, ich konnte mit Tom Harrell’s Octet spielen, vor zwei Jahren war ich in Los Angeles und spielte mit Med Flory, dieses Jahr lud mich das junge Talent Paul Kirby nach Edinburgh ein. Auch in Deutschland gibt es sehr viele außergewöhnliche Musiker, mit denen ich spiele und die mich inspirieren.

saxophonforum.de: Zu deinem Setup. Verdienst du doch so wenig, dass es nicht für ein Selmer Mark VI oder wenigstens für ein Conn New Wonder oder 12M reicht? Oder was hat das Holton, das du spielst, Besonderes?

MICHAEL LUTZEIER: Naja, das Holton ist halt besser. Zumindest für mich. Dieses Holton wird regelmäßig von Max Frei überholt, er ist ganz großartig. Ich habe noch kein Selmer gespielt, was intonationsmäßig mit dem Frank Holton mithalten konnte. Und ja – zeig mir ein gutes Conn oder auch King, ich bin immer wieder interessiert. Schenken wäre dufte.

saxophonforum.de: Kannst du auf das tiefe A verzichten wenn du z.B. in Big Bands spielst?

MICHAEL LUTZEIER: Ja. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Ich habe alles mögliche ohne tiefes A gespielt. Sogar Tower of Power. Ich bin nunmal hauptsächlich solistisch auf dem Bariton unterwegs, und da ist ein Instrument mit Tief-A einfach zu langsam und unhandlich. Ein sehr guter Instrumentenbauer, Benedikt Eppelsheim, hat mir kürzlich gesagt, daß bis jetzt noch kein Saxophonhersteller die Verlängerung des Trichters wirklich richtig berechnet habe. Und überhaupt – was soll die Manie, wie wärs mit einem Tief-Ab? Schließlich gibt es ja Bass-Posaunen.

saxophonforum.de: Spielst du noch auf einem Noname-Mundstück? Das Foto auf deiner Webseite zeigt ja ein BergLarsen.

MICHAEL LUTZEIER: Mein gelbes Keilwerth aus den 50ern ist mir leider gerissen, seitdem spiele ich ein Berg, 110-3M, mit dem ich sehr zufrieden bin.

saxophonforum.de: Gerade die Baritonblätter sind ja sehr teuer. Hast du schon mal Kunststoffblätter versucht?

MICHAEL LUTZEIER: Jep, habe ich, und zwar schon oft und viele Marken. Das mit Abstand beste für mich ist das Legeres. Das nehme ich gern, wenn ich zuhause spiele um meine Holzblätter zu schonen. Aber der Holzklang und die Eigenschaften eines gewachsenen Materials kann meiner Ansicht nach nicht gefertigt werden. Auch die Legeres haben bei großer Dynamikbreite Ausfälle. Es ist eine Illusion, daß ein Blatt exakt so klingen kann wie ein anderes. Wenn alle Menschen gleich wären, würde ja einer genügen. Fällt mir grad ein.

saxophonforum.de: Muss man das Bariton anders üben als Tenor oder Alt?

MICHAEL LUTZEIER: Nein, jedes Instrument will gehegt und gepflegt werden. Man muß mit den Eigenarten des Instruments vertraut werden. Und letztendlich soll ja gute Musik gemacht werden und das ist sicher bei allen Instrumenten gleich schwer. Coltrane soll gesagt haben: “You can play a shoestring, if you’re serious“.
Bei der Gelegenheit vielleicht ein Wort zum „üben“. Ich finde es effektiver zu „spielen“. Der spielerische Umgang mit dem Instrument – wie ein Kind mit seinem Spielzeug – ist wichtiger als das sture Einpauken von Abläufen. Wenn ein Kind versucht aus seinen Klötzchen einen Turm zu bauen, und, weil er immer wieder umfällt, es erneut und geschickter probiert – so ist das eher spielen als üben. Oft wird heutzutage erst die Kantenlänge und die Oberflächen-adhäsion der Klötze berechnet, bevor gespielt wird. Kein Wunder, daß Individualität immer seltener wird. Und das ist doch ein Schlüssel-Element in der Musik. Hier noch was von Paul Desmond: „I tried practicing, but I ended up playing too fast“

saxophonforum.de: Wie man von dir bei einigen Stücken auf der CD hört, kann man auf dem Bariton auch in der tiefen Lage Subtone spielen, was meiner Erfahrung und dem Bericht anderer Baritonisten nach vom F abwärts ziemlich schwer ist. Meinst du das liegt am Setup oder gibt es Übungen, das zu trainieren?

MICHAEL LUTZEIER: Also F müßte noch gehen, nur wenn man gleich Tief Bb hauchen will, also sozusagen den Hausbau mit dem Erker links hinten beginnt, statt mit dem Keller, muß es regelmäßig schiefgehen. In den seltensten Fällen liegts am Setup. (Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt’s an der Bad’hosn). Das wichtigste ist ein lockerer Ansatz, so wie ihn Joe Allard beschreibt, eine solide Stütze und ein schrittweises langsames Vorgehen.

saxophonforum.de: Hast du einen Tipp für Saxophonisten, eine spezielle Übung, oder auch eine Herangehensweise an Musik?

MICHAEL LUTZEIER: Jeder braucht seine eigenen Tipps, Übungen, Spielereien und Liebhabereien zur ihm geeigneten Zeit. Das ist die Kunst eines guten Lehrers. Mit der Zeit sollte man sich selbst der beste Lehrer werden.

Aber was die Herangehensweise an Musik betrifft, so will ich ganz simpel daran erinnern, daß das Wichtigste in der Musik das Gehör ist. Nicht das Auge, nicht die Finger, sondern die Ohren. Der Musik lauschen – nicht nur hören, Gehörbildung, Transkribieren, Augen zu – Ohren auf, Singen – es muß ja nicht schön sein – ist sehr wichtig, es fördert Atmung und Tonbildung. Statt eine Etüde vom Blatt zu husten, das neueste Skalen-Konzept zu pauken, bin ich für den großen Lausch-Angriff [​IMG]

saxophonforum.de: saxophonforum.de bedankt sich herzlich bei Michael Lutzeier für dieses Interview.