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Interview mit Peter Wespi

Artikel in 'Interviews', hinzugefügt von matThiaS, 13.Februar.2008. Current view count: 5213.

Lieblingsmusik
Dieser Punkt wurde oben bereits teilweise beantwortet, wobei das Wespi-like-latene Wischiwaschi durchschimmert: Jazz bedeutet für mich Musik-Entwicklung in spannendster Form. Ich habe zwei grössere Projekte der Geschichte des Jazz gewidmet und attestiere diesem Stil mit seinen unzähligen Sounds einen grossen Tribut. Big Band Jazz ist für mich etwas vom grössten zum Mitspielen und ich würde gerne mehr in diesem Bereich tun. Eine Art Ersatz für dieses Manko bilden die Swing-Combos mit 3 oder 4 Hörnern in der Front-Line. Gute Arrangements lassen eine solche Combo schon fast wie eine Big Band erklingen.
Noch bevor Ray Cooder mit den Buena Vista-Recherchen einen neuen Latin-Trend auslöste, spielte ich in einer Salsa-Band mit einem argentinischen Bandleader und geniesse diesen Sound, sowohl beim Spielen als auch nur beim Anhören. Ich schrieb auch die Arrangements der Horn-Secion für diese Band.
Seit den ersten Trailern von Blues Brothers 1980 fuhr ich auf diesen Sound total ab und spielte 8 Jahre später in einer ähnlichen Band mit. Während dieser Zeit begann ich mit dem Schreiben meiner ersten Horn-Section.
Ich mag World Music sehr, vor allem wie bereits erwähnt haben es mir die afrikanischen Einflüsse sehr angetan. Ebenso kann ich mich in klassischen Werken völlig verlieren.
In dieser Masse von musikalischen Vorlieben herrscht zuoberst ein ganz wichtiger Parameter: Die Musik muss gut produziert sein! "Gut" bedeutet dabei nicht zwingend "fehlerfrei", sondern steht für "echt", "individuell" und "lebendig". Mir ist es lieber, wenn hier und da mal ein kleiner Patzer passiert, dafür aber die Sache lebt. Es gibt zu viele zu Tode produzierte Aufnahmen und vor allem im heutigen Charts-Einheitsbrei tönt so viele Musik einfach heruntergeträllert. Dazu erinnere ich mich gerne an die Aufnahme-Session mit meinem Projekt Swiss Old Time Session, als wir während 7 Stunden mit 12 Musikern in 18 verschiedenen Besetzungen 18 Songs in den Kasten hauten. Der Tontechniker war vor diesem Job über Monate hinaus damit beschäftigt, für die Sendung "Schweiz sucht den Music-Star" die Playbacks zu produzieren. Er hatte diesen klinisch-staubfreien wohl ziemlich bis oben hin satt, denn seine Reaktion beim ersten Stück sprach Bände: Er lehnte sich zurück, ein Lächeln im Gesicht, geschlossene Augen, dann sein Kommentar. "Dem Himmel sei gedankt - endlich wieder mal etwas, das echt gespielt wird und man auch hören darf, dass richtige Menschen aus Fleisch und Blut echte Instrumente spielen." Von diesem Moment an wusste ich, dass wir beide sicher für die nächsten 7 Stunden gute Freunde sein würden...

Lieblings-Resumée
Beim Beantworten dieser Frage tauchte plötzlich eine Erinnerung vor meinen Augen auf. Es war die Situation aus einem Präsentations-Workshop in einem ortsnahen Musik-Geschäft. Irgendein dunkler Ami-Drummer war zu Gast und zeigte, was er so alles drauf hatte. Und das war bei weitem nicht wenig: Er funkte, rockte, jazzte, swingte wie ein Irrer. Dies aber mit Gefühl, Dynamik und einem schon fast unheimlichen Engagement.
Der Geschäftsinhaber und Veranstalter des Workshops war selber Drummer und stellte bei der anschliessenden Diskussions-Runde eine lange vorbereitete und überlegte Frage. Aus meiner Erinnerung wiedergegeben war sie in etwa so: "Du hast uns vorhin eine Menge vorgespielt. Da waren Rock, Funk, Jazz, Latin (und es folgten noch eine ganze Litanei weiterer Stile und Patterns im Drummer-Jargon) und bei jedem hatte man das Gefühl, dass ein diese in einer derart stilistischen Sicherheit gespielt wurden, wie sie nur von einem Musiker kommen könnten, der sein Leben lang nur diesen Stil geübt und ausgeübt hat. Wie bringst du dies alles unter einen Hut? Machst du dafür Mental-Training oder übst du möglichst viele Stile durcheinander?"
Wer nach dieser Monster-Frage eine ebenso umfangreiche Antwort erwartet hatte, hatte sich sehr getäuscht. Denn diese war ebenso kurz wie treffend: "Hey Man - I just play love..."

saxophonforum.de: Gab es in deiner musikalischen Entwicklung Vorbilder für das Spielen des Instruments? Hältst du Vorbilder eher für eine Anregung oder eine Beschränkung?

Peter Wespi: Vorbilder sind für die persönliche Entwicklung eines jeden Musikers sehr wichtig! Vor allem wenn man bedenkt, dass beim Improvisieren das gezielte Anhören von Musik etwa 30 bis 40% ausmachen soll. Viele Musizierende auf allen Instrumenten haben ein einziges, persönliches Vorbild. David Sanborn soll bei einem Interview mal gesagt haben, dass es mittlerweile Saxophonisten gäbe, die Sanborn besser spielten als er selber. Tatsächlich hat es in unserer Szene Leute, die das gleiche Setup und die gleiche Frisur wie Sanborn haben und seinem Klang auch sehr nahe kommen. Das ist aus meiner Sicht Mist, denn die persönliche Note geht dabei verloren und man wird immer die nicht ganz gelungene Kopie von etwas oder jemandem sein und auch bleiben.
Ich habe im Laufe der Zeit von vielen Saxophonistinnen und Saxophonisten gewisse Eigenschaften zum Vorbild genommen: Da ist Cannonball Adderly's Power, Eddie Harris' Spielwitz, Michel Brecker's Technik und Speed, Paquito d'Riviera's Latin-Feeling und Speed, Dexter Gordon's Layback-Feeling in gewissen Epochen, Joe Henderson's Abgebrühtheit, Sonny Rollins' harmonisches Denken bei Improvisationen, King Curtis' Groove, Bob Berg's Umgang mit Patterns und Melodiephrasen und da kämen noch viele andere!
Erstaunlicherweise ist in meiner CD-Sammlung der Interpret, von dem ich am meisten Scheiben habe, nicht ein Saxophonist, sonder ein Trompeter: Miles Davis. Er hatte in seinen Bands immer sehr gute Musiker und was er in so vielen verschiedenen Bereichen (manchmal halt auch etwas ungewollt - man erinnere sich an "Time After Time"...) alles geleistet hat, ist schlicht gigantisch. Wenn man sich eine gute Version eines Standards beschaffen möchte, kommt man an Miles sicher nicht vorbei.
Ich gehe mit offenen Ohren durch das Musik-Leben und beobachte akustisch, was mir gefällt. Dann kommt die Frage, warum es mir gefällt und schliesslich wie ich es in mein Spiel einbauen kann. Und dies müssen nicht zwingend nur Instrumentalisten des krummen Horns sein, sondern können aus völlig anderen Bereichen stammen. Mein Sax-Teacher an der Jazz Schule hörte beispielsweise sehr gerne Nirvana, weil die betreffend Groove tierisch abgehen. Schlussendlich ist es auch enorm wichtig zu wissen, dass ein irgendwann mal gewähltes Vorbild dies nicht bis in die sakrosankte Ewigkeit bleiben muss. Eine echte persönliche Entwicklung bedingt die regelmässige "Anpassung" der Hierarchie von gewählten Vorbildern.