altes Sax lackieren?

Dieses Thema im Forum "Reparatur und Instandhaltung" wurde erstellt von der_wenzel, 30.September.2007.

  1. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    Hallo Leute,
    Ich besitze seit längerem ein vermutlich um die 70 Jahre altes Sax und will es endlich restaurieren.(siehe P.S.)

    Man sieht ihm an, daß daran heftig herumgekratzt wurde, an einigen Stellen scheinen kleine Lackreste erhalten zu sein. Aber im großen und ganzen ist es ohne Lack und besonders da, wo die Hände Kontakt haben, (also an Becher, Daumenhaken und -auflage, Drücker der Oktavmechanik, Seitenhebel) zeigen sich starke Abnutzung und Oxydationsspuren.

    Mein Fragen:

    - Wurden Saxophone auch unlackiert gebaut?
    - Welche Lacke kamen in den dreißiger Jahren zum Einsatz
    - Würdet Ihr ein so altes Sax von seiner Patina befreien und polieren oder lackieren?

    Ich weiß, daß die Fragen speziell sind und bin auch für Hinweise dankbar. Vielleicht hat der eine oder andere auch einen Literaturtip zur Restauration von alten Instrumenten.

    Herzliche Grüße
    Dirk


    P.S.
    Als ich vor über 15 jahren mein erstes Saxophon kaufte, nahm ich schlechten Rat an und gab viel Geld für ein Alt-Sax in beinahe schrottreifem Zustand aus. Es stammt vermutlich aus den 30iger Jahren. Die undichten Polster und die dilettantisch 'reparierte' Mechanik ließen mich damals beinahe verzweifeln.

    Auf der Bechergravur kann man noch erkennen:

    Breveté S.G.D.G.

    J.Gras
    Fournisseur de l'armee
    [?]2. Chaussée d'Antik

    C [?]

    (die Gravur bedeutet:

    Patentinhaber/Lizenznehmer ohne Garantie der Regierung (sans garantie du gouvernement)

    J. Gras
    Ausstatter der Armee
    ...

    Auf dem Korpus ist über dem Tonloch des Ds die Seriennummer 1625 eingeschlagen. Dabei kann es sich natürlich auch um eine Inventarnummer handeln

    Der Tonumfang reicht von Tief B bis Hoch-F. Es hat einen Oktavhebel mit Automat. Die Hebel für die kleinen Finger sind mit Röllchen aus Leder(?) versehen. Es gibt noch originale Perlmuttknöpfe, einige wurden mit rotem Zelluloid ersetzt (super empfindlich, brennt wie der Teufel, wenn man ihm nur zu nahe kommt), welche jetzt wohl rausfliegen und mit selbst gefertigten Perlmuttknöpfen ersetzt werden wird.

    Sollte jemand mehr über J.Gras wissen, würde ich mich darüber sehr freuen. Bilder kann ich auf Anfrage bringen, aber im Moment nur im zerlegten Zustand.
     
  2. kingconn

    kingconn Ist fast schon zuhause hier

    Hallo,

    ich habe auch ein Gras Sax. Die Firma war in Lille ansässig. Meins ist allerdings neuer und ziemlich baugleich mit einem SML.

    Ja, es wurden auch unlackierte Instrumente hergestellt. Oft wurde das Messing aber auch mit einem Zelluloselack überzogen (zaponiert). Bei den frühen Goldlacken habe ich schon die dollsten Sachen erlebt, z.B., daß sich der Lack beim Abreiben mit Spiritus auflöste.

    Schöne Grüße

    kingconn
     
  3. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    Hallo Kingconn,
    interessant, bisher hatte ich noch niemanden getroffen, der ein 'Gras' hat. Von wann stammt Deines etwa? Was bedeutet SML ?

    Lille hab ich schon mal gehört. Bei einer Recherche im Internet tauchte ein Prospekt der Firma auf.

    Meinst Du mit 'Zelluloselack' Nitrozellulose (Nitrolack?).
     
  4. kingconn

    kingconn Ist fast schon zuhause hier

    Ja, ich meine Nitrozelluloselack (Silberzapon). Ich habe einige Saxe und Metallklarinetten restauriert, die diesen Überzug hatten. Der ließ sich nur mit einer speziellen Verdünnung entfernen, nicht mit normaler Nitroverdünnung oder mit halbstündigen Kochen in 3prozentiger Ätznatronlösung. Nach dem Kochen konnte man den Überzug wie eine Wurstpelle abziehen.

    Von wann mein Gras stammt, weiß ich nicht genau. Ich schätze aus den 50er Jahren. SML heißt Strasser Marigaux Lemaire Paris. Die Firma gibt es noch. Die bauen heute noch erstklassige Oboen.

    Schöne Grüße

    kingconn
     
  5. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    Womit hast Du sie anschließend lackiert, auch wieder Silberzapon? Ist das Material wärmeresistent, übersteht also das Erhitzen beim Polsterwechsel?

    Hm, Wikipedia kennt 'Zaponlack' (nicht Silberzapon) und nennt Amylacetat, Ethanol, Ethylenglykol und Ethylacetat als Lösungsmittel. Kann natürlich sein, daß die nur als Verdünner für den Auftrag wirken und nach dem Aushärten nix merh ausrichten. 'Wie eine Wurstpelle' klingt gut, allerdings frag ich mich, was Du für Töpfe zur Verfügung hast. Oder reden wir von Soprillos ;)


    read you
    Dirk
     
  6. rbur

    rbur Moderator

    hi,
    ich würde es nicht polieren oder lackieren.
    Aber wenn Stellen da sind, die wirklich auf echte Korrosien hindeuten, da würde ich mich schon drum kümmern.
     
  7. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    wie?
     
  8. kingconn

    kingconn Ist fast schon zuhause hier

    Hallo Dirk,

    hier sind zwei Datenblätter:

    hier
    und hier.

    Das Lösungsmittel ist CLOU 790.

    Ich habe die Instrumente teilweise neu zaponiert, teilweise nicht lackiert. Obwohl im Datenblatt 60 Grad als Temperaturobergrenze angegeben ist, habe ich bei vorsichtigem Erwärmen der Klappen keine Probleme gehabt.

    Der Kochtopf war ein riesiger Einkochtopf (Sax nach 30 Minuten einmal umgedreht), für Metallklaris drei aufeinander gelötete Konservendosen als Topf.

    Schöne Grüße

    kingconn
     
  9. rbur

    rbur Moderator

    kommt darauf an :cool:
    ob es durchgerostet ist, oder nur Flugrost hat
    ich hab meins an den verdächtigen Stellen mit Polierpaste behandelt, anschließend hat es dann wieder eine "kontrollierte" Patina angesetzt
     
  10. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    vielen Dank kingconn!

    gut zu wissen, daß es den Lack von Clou aus der Dose gibt.

    Kremer-Pigmente bietet wasserfesten Zaponlack flüssig in verschiedenen Gebinden an. Allerdings braucht man halt was zum Sprühen.

    Freundliche Grüße
    Dirk
     
  11. kingconn

    kingconn Ist fast schon zuhause hier

    Das wichtigste ist, daß die Oberfläche völlig fettfrei ist. Also mit der Verdünnung oder mit Aceton peinlichst reinigen. Sonst gibt es keine perfekten Ergebnisse. Ich habe die Spraydose im Wasserbad vorher vorsichtig angewärmt und das Instrument mit einem Heißlüfter etwas erwärmt. Und nicht zu dick auftragen, der Lack hat wasserartige Konsistenz und läuft leicht.

    Schöne Grüße

    kingconn
     
  12. mos

    mos Ist fast schon zuhause hier

    Ich weiß gar nicht, ob ich es überhaupt lackieren würde. Viele möchten z.B. ein Sax komplett ohne Lack haben, weil ihnen mit die besten Klangeigenschaften nachgesagt werden.
    Einige Hersteller bieten, dies auch als Option an. Ob du es polierst oder nicht ist Geschmackssache. Es ist eine echte Aufgabe ein Messingsax wieder auf schön zu polieren. Das ist viel schwieriger als z.b. ein versilbertes Sax zu polieren. Ich habe das 1x gemacht und nie wieder. Versiberte poliere ich dagegen total gerne.

    Wenn du es poliert hast, sieht es fast aus wie Goldlack, ist allerdings sehr anlaufgefährdet. Ganz besonders dort, wo es mit Handschweiß in Berührung kommt. Es gibt Polierpasten mit einem Anlaufschutz, der das ganze etwas verzögert, aber alles in allem, wird es wieder eine schöne Patina bekommen.

    So wie du das Sax beschreibst, klingt es eigentlich, als sei es viel gespielt worden. Das ist normalerweise ein gutes Zeichen. Wer spielt schon ein Sax das nicht gut klingt? Die Roller waren meistens aus Perlmutt oder z.b. bei Buescher aus Kunststoff. Die kann man einzeln bekommen, da musst du allerdings hier in Deutschland suchen.
     
  13. der_wenzel

    der_wenzel Schaut nur mal vorbei

    @mos:
    Ich kann den Einfluß auf die Klangeigenschaften nicht nachvollziehen. Für mich wäre die Annäherung an den Originalzustand das Ziel. Zudem finde ich, daß man einem alten Instrument ruhig auch seine Geschichte ansehen soll.

    Ich würde also nur polieren, wenn das wahrscheinlich dem Originalzustand entspricht. Allerdings kann ich mir das nicht recht vorstellen.

    @kingconn
    Das man sorgfältig entfetten muß, wußte ich. Sax und Lack anzuwärmen ist ein interessanter Tip.