Bläserklasse - Wünsche, Chancen und Missverständnisse

Dieses Thema im Forum "Anfänger Forum" wurde erstellt von Brille, 26.März.2016.

  1. Brille

    Brille Ist fast schon zuhause hier

    Ich selbst mache mit dem Bläserklassenmodell seit 9 Jahren Erfahrungen. Solche, die Ermutigen, solche, die überraschen und jene, die enttäuschen. Nach wie vor sehe ich eine BK als eine gute Chance, Menschen an ein Musikverständnis heranzuführen, das über den reinen Konsum weit honaus geht.
    Und ihr , Leute?
     
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  2. polly

    polly Kann einfach nicht wegbleiben

    Haha, gute Idee :)
    Der Thread hätte nur 1 Tag vorher schon geöffnet werden müssen. Jetzt ist quasi das ganze Pulver verschossen :D

    Gruß polly
     
  3. bebob99

    bebob99 Ist fast schon zuhause hier

    Bei uns im Musikverein gibt's auch eine Bläserklasse, jetzt schon ein paar Jahre.

    Bei uns ist das aber immer ein Bundle. Bei der Anmeldung zur Bläserklasse ist die Anmeldung an der Musikschule zwingend dabei. Da geht es auch ganz konkret nicht um individuellen Einzelunterricht, sondern um das "Zusammenspiel vom ersten Ton an".

    Wir hoffen immer noch, dass da mit der Zeit ein paar Jungmusiker für das Orchester heran wachsen. Die drop-out Rate ist aber sehr hoch und hat eigentlich immer den gleichen Grund: Die Kids sind daheim nicht motiviert und machen ihre Übungen nicht. Nicht die der Musikschule und nicht die der Bläserklasse.

    Entstprechend durchwachsen ist dann auch der Fortschritt. Für die nicht-Über ist das frustrierend, weil sie nicht mit kommen. Für die Über ist das frustrierend weil die ersteren ein vernünftiges Zusammenspiel wirkungsvoll verhindern. Hier sind wohl eher die Eltern diejenigen die ihr Kind gerne musikalisch fördern möchten. Oder die Kinder sind es nicht gewohnt, dass man für Erfolg auch mal was machen muss. Wenn die Eigenmotivation hoch ist lässt man sich vom Üben wahrscheinlich eh nicht abhalten und freut sich an jedem Fortschritt.

    Solche musikalische Frühförderung darf man nicht überbewerten. Hin und wieder bleibt doch jemand dabei. Eine Flöte und eine Trompete hat's schon ins Orchester geschafft. Auf eine Oboe warten wir noch...

    Die Instrumente bekommen die Kinder von uns gestellt. Es sind gute Instrumente, die durchaus auch im Orchester gespielt werden können. Um aber jedem Kind ein 4.000€ Übungsinstrument zur Verfügung zu stellen fehlt uns auch das Geld.
     
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  4. moloko_plus

    moloko_plus Ist fast schon zuhause hier

    Bläserklassen sind für viele Kinder eine Möglichkeit, eine musikalische Grundbildung zu erhalten, die ihre Familie ihnen, aus welchen Gründen auch immer, nicht ermöglichen könnten. Von einer musikalischen Grundbildung kann mensch ein Leben lang profitieren, auch abseits einer gerdadlinigen Musikerkarriere.

    Wir haben schon viele Seiten hier gefüllt mit Beschreibungen, was mit uns passiert beim Musizieren, in welchen Zustände wir uns befördern können... Weshalb sollte das bei Kindern anders sein? Im besten Fall beflügelt das Musikmachen den Geist, schärft alle Sinne, wirkt sich in umfassender Weise auf die Intelligenz, auch auf die emotionale, aus. Wenn nur einigen Kindern ein Werkzeug an die Hand gegeben werden kann, wie sie für ihre Entspannung sorgen können, dann ist das schon Grund genug, weiter in Bläser- und andere Instrumentalklassen zu investieren.

    Das Ziel sollte nicht nur sein, dass die Kinder dabei bleiben, sondern eine Basis zu legen. So manch ein Kind, das hier vielleicht nicht gerade brilliert, wird vielleicht in späteren Jahren zur Musik zurückkehren und froh sein um die Basics, die er als Kind vermittelt bekommen hat.

    Im näheren Umfeld bekomme ich Schüler von Bläserklassen mit, die einen grottenschlechten Lehrer haben. Ich hatte etliche Jahre lang einen grottenschlechten Mathelehrer. Das Fach Mathe wurde trotzdem nicht abgeschafft, und heute bin ich durchaus froh über die Möglichkeit, einen Dreisatz anwenden zu können und im Kopfrechenn einigermaßen fitt zu sein :)...

    In diesem Sinne habe ich großen Respekt vor all den Lehrern, die Bläserklassen betreuen.
     
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  5. moloko_plus

    moloko_plus Ist fast schon zuhause hier

    Hier ist die Diplomarbeit von Christine Santner, einer Lehrerin für Sonderpädagogik und aktiven Musikerin, zum Thema Musik und ihre Bedeutung für den Menschen. Eine schöne Zusammenfassung, wie ich finde.
     
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  6. SomethingFrantic

    SomethingFrantic Ist fast schon zuhause hier

    Haben die Schüler einer Bläserklasse das dann als Schulfach?
    Bei mir in der Gegend gibt es so was gar nicht...
     
  7. Isachar

    Isachar Guest

    Ich muß jetzt mal ganz doof fragen :

    Was genau sind solche Bläserklassen bzw was unterscheidet die vom gängigen Gruppenunterricht ?
    Ich hab von Musikvereinen und Bläserklassen null Ahnung !

    Grüßle

    Isach
     
  8. Isachar

    Isachar Guest

    @SomethingFrantic

    Ah schön ! Du scheinst es auch nicht so genau zu wissen, dann bin ich ja ob meiner mangelnden Allgemeinbildung nicht alleine !

    ;-)

    Isach
     
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  9. rbur

    rbur Moderator

    Die Orchesterprobe findet bei uns in der Schule statt. Das macht der Musiklehrer, der auch die zwei Bigbands betreut (Joachim Müller, ein genialer Lehrer dem wir viel zu verdanken haben)
    Der Gruppenunterricht ist in der Schule oder in der Musikschule, je nachdem wie das grade passt.
    Gymnasium und Realschule bieten das in der 5. und 6. Klasse an. Allerdings nicht für den ganzen Jahrgang sondern ein oder zwei Klassen.
    http://www.gge-em.de/gge/index.php?id=179

    hier gibt's auch Info (das ist der mit den 93,4 Punkten bei unserem Wertungsspiel)
    https://breithack.wordpress.com/

    Bläserklasse hat erstmal mit dem Musikverein nichts zu tun, auch wenn viele Vereine die Lehrer stellen wenn sich das anbietet.
     
  10. polly

    polly Kann einfach nicht wegbleiben

    Hi!
    Eine Bläserklasse ist im Normalfall eine Klasse, zB 5b, in der alle Schüler ein Instrument erlernen können, meist in in begrenzten Zeitrahmen (2 Jahre z.b.). Das wird von der Schule organisiert, geprobt wird in der regulären Schulzeit, also die Schüler haben dann auf dem Stundenplan das Fach (Bläserklasse). Die Lehrer werden teils von der Schule, teils von außerhalb besorgt.
    Das ganze wird dann auch benotet, auf dem Zeugnis. Dafür entfällt meist das normale Fach 'Musik' für die Bläserklasse. Bei uns war es so, dass wir statt der üblichen 2 Stunden Musik 3-4 Stunden BK pro Woche hatten.

    Gruß polly
     
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  11. moloko_plus

    moloko_plus Ist fast schon zuhause hier

    So wie bei @polly ist es bei uns (Hessen) auch.

    Die Schüler haben die Möglichkeit, in eine Bläserklasse, eine Sportklasse oder eine "ganz normale" Klasse zu wechseln beim Übergang in die weiterführenden Schule (5. Klasse).
    Der Instrumentalunterricht findet in Kleingruppen statt, ca. 4 Schüler, zusätzlich gibt es eine Einheit für Ensemblespiel. In einigen Schulen gibt es zusätzlich eine Big-Band für die höheren Jahrgänge.
     
  12. onomatopoet

    onomatopoet Ist fast schon zuhause hier

    Ist hier in NRW ähnlich, nur dass der Unterricht der Register in 2er, maximal 3er Gruppen stattfindet; es gibt Licht und Schatten: meistens können die Kinder schon früh ganz gut aufeinander hören und zusammen spielen und sin rhythmisch oft fitter als Einzelschüler, dadurch dass es die Konnotation zur Schule gibt, wird es oft als lästige Pflichtveranstaltung gesehen und es ist dementsprechend schwierig, viele zu anderen Musikstilen zu motivieren, bzw. an ihren individuellen Fortkommen ausserhalb des Schulorchesters "über dem Tellerrand" zu motivieren, wie CLOWNFISCH schrieb, kommt dann gerne noch ab Klasse 7 die Pubertät dazu.
     
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  13. Amopehe

    Amopehe Ist fast schon zuhause hier

    Ich kenne auch das @polly Modell und meine Erfahrungen sowohl als Lehrerin, die selber dort unterrichtet hat, als auch als Musikschulleiterin, die mit den "Nachwirkungen" umgehen muss, sind eher schlecht.

    Wie von @bebob99 beschrieben verlieren die Motivierten oft die Lust, weil die meisten einfach nicht mitziehen, sprich nicht üben (Originalzitat "Bei den anderen AGs müssen wir auch keine Hausaufgaben machen!").
    Ich hatte ein Mädchen dabei, dass sich nur wegen ihrer besten Freundin angemeldet hatte (auch typisch) und nach 3 Monaten immer noch nicht ihr Sax zusammenbauen konnte.

    Hin und wieder hat man mal einen Schüler, der anschließend mit den regulären Unterricht weitermacht, die meisten hören aber wieder auf.

    Daher rate ich interessierten Schülern und Eltern in der Regel ab, zumal ich finde, Kinder sollten Musik möglichst früh als positiv belegte Freizeitbeschäftigung ansehen (auch wenn es Mühe macht) und nicht als Schulfach.

    Es gibt auch ein paar Ausnahmen, wo es besser funktioniert, aber in der Regel ist es mehr Schein als Sein.
     
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  14. Peter1962

    Peter1962 Ist fast schon zuhause hier

    Ich habe es an andere Stelle schon geschrieben. Unser BO bekommt fast den ganzen Nachwuchs aus
    einer Bläserklasse. Einige werden gut und bleiben, einige gehen bald wieder..
    Diejenigen, die schon zu DDR Zeiten im Verein sind, reden nicht darüber, dass jetzt der Nachwuchs schlechter ist als früher.

    Schöne Ostern Peter
     
  15. Peter1962

    Peter1962 Ist fast schon zuhause hier

    es kommen eher Aussagen," Wenn man überlegt auf was für Instrumente, wir früher
    lernen mussten". Ggf. wird die Situation auch mit dem Selbsterlebten verglichen und bewertet.

    LG Peter
     
  16. Bereckis

    Bereckis Ist fast schon zuhause hier

    Immerhin konntest du errechnen, dass ich dir zu viel Geld überwiesen hatte! Dies hätte ich nie gemerkt, obwohl ich gute Mathe-Lehrer hatte.

    :):danke:
     
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  17. Amopehe

    Amopehe Ist fast schon zuhause hier

    Leider ist allerdings die musikalische Erfahrung, die Kinder in den Bläserklassen machen, oft regelrecht abschreckend. Auch bei Kollegen, die ich sehr schätze und bei denen ich weiß, dass sie sich wirklich große Mühe geben und nicht 08/15mäßig "Essential Elements" (typische Schule für Bläserklassen von Yamaha) durchkauen, kommt bei vielen Schülern nicht viel an.

    Ich persönlich befürchte, dass mehr Schülern der Spaß am Musizieren genommen wird (auch langfristig) als dass andere zur Musik hingeführt werden. Das mögen subjektive Erfahrungen sein, aber auch ich beschäftige mich seit rund 10 Jahren mit der Thematik.

    Es gibt aber tatsächlich auch einen positiven Effekt, den ich beobachten konnte: einige sonst eher exotische Instrumente werden von Kindern wahrgenommen und gelernt, zB Tuba oder Fagott(ino). Diese Kinder entwickeln häufig auch eine größere Motivation.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27.März.2016
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  18. polly

    polly Kann einfach nicht wegbleiben

    O ja, musste ich als Schüler auch durchmachten. Kein so cooles Buch. Aber Alternativen gibt es wahrscheinlich eher weniger.
    Gruß polly
     
  19. Isachar

    Isachar Guest

    @polly
    @moloko_plus

    Danke für die Aufklärung !
    Das erinnert mich an das Amerikansiche Schulsystem, wo es statt konventionellem Musikunterricht ja auch "Bandclass" gibt als Unterrichtsfach.
    Auch die Erfahrungen damit decken sich in etwa mit dem, was hier geschrieben wurde. Viele Schüler wählen das als einfaches Fach so nebenbei oder auch viele Eltern für ihre Kids in der Hoffnung da mal eben nebenbei eine gute musikalische Erziehung für ihre Sprößlinge zu bekommen.
    Das Ergebnis ist motivationsbedingt oft jedoch eher fragwürdig.

    Grüßle

    Isach
     
  20. Rick

    Rick Experte

    Von meinen Beobachtungen habe ich ja schon im anderen Thread geschrieben, ich mag mich nicht wiederholen und freue mich nebenbei bemerkt über jeden erfolgreichen Fall, wo so etwas gut funktioniert.

    An meinem Gymnasium gab es damals (1974 bis 1983*) von offizieller Seite her nur ein Schulorchester, vorwiegend Streicher und ein paar Flöten, das ein regulärer Musiklehrer leitete, ein cooler Hund und talentierter Musiker (selbst Geiger, lernte während meiner Schulzeit noch Oboe).
    Das Repertoire bestand vorwiegend aus Renaissance und Frühbarock, was ich als langweilig empfand (zumindest so, wie es da gespielt wurde). Auf meiner Frage, warum sie denn nicht mal etwas Moderneres (ich meinte eigentlich Romantik) spielen würden, antwortete der Lehrer nur: "Dann schreib uns doch mal etwas!"
    Auf diese Weise kam es zu meinen ersten Orchesterkompositionen, die der Lehrer dann auch wie versprochen in den Proben anspielte und mir mit Kommentaren zurück gab ("Ganz nett, aber das kannst du besser!"), meine zweite, ein Saxofon-Konzert, wurde sogar öffentlich aufgeführt. :)

    Abgesehen davon gab es keine Musikensembles an der Schule, von Bläserklassen ganz zu schweigen, es gab auch sehr wenig Bläser (außer den erwähnten, zumeist weiblichen Flötisten).
    ABER man unterstützte das Engagement von uns Schülern: meine diversen Schülerbands, von denen wir die erste mit 13 Jahren gegründet hatten, wurden sogar zu offiziellen Empfängen engagiert, wir durften die Musikräume für unsere Proben benutzen und selbst organisierte Kulturveranstaltungen in der Aula durchführen.

    Das war eben auch die Zeit der selbst verwalteten Jugendhäuser usw., wir Jugendlichen hatten Ideen und Motivation, wollten etwas Eigenes auf die Beine stellen; alles, was "von oben" kam, galt als langweilig bis suspekt, man war allgemein gegen Bevormundung allergisch.
    Deshalb denke ich, dass man wohl von männlicher Seite her, wie hier schon angedeutet, so eine "Bläserklasse" eher als "spießig" abgelehnt hätte.
    Die beliebtesten Lehrer waren eher dufte Kumpel als gestrenge Respektspersonen, sie unterstützten und förderten wohlwollend unser Eigenengagement.

    Ich finde es schade, dass man heutzutage anscheinend die jungen Leute zu allem mühsam einladen muss, dass diese offenbar nur noch wenig Eigeninitiative entwickeln, zumindest im musikalischen Bereich.
    Es würde mich aber sehr freuen, wenn ich diesbezüglich eines Besseren belehrt würde! ;)


    Schöne Grüße,
    Rick

    P.S.:
    * Danke für den Hinweis, @last!
     
    Zuletzt bearbeitet: 28.März.2016
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