Welchen Stellenwert hat Jazz in Deutschland?

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von Gelöschtes Mitglied 5328, 4.August.2014.

  1. Gelöschtes Mitglied 5328

    Gelöschtes Mitglied 5328 Guest

    Ich sitze grad in sommerlicher Stimmung auf der Terrasse und höre "Radio Swiss Jazz".
    Gleich kommt mein bekannter mit seinem Piano und wir machen Jazz....

    Bei "Radio Swiss Jazz" gibt es täglich von 15.00 bis 17.00 Uhr die Rubrik:
    "Jazz und Soul Made in Switzerland". Da werden tolle Sachen gespielt, ausschließlich von Musikern aus der Schweiz.

    "Jazz Radio.com", ein weiterer toller Jazz Kanal, kommt aus UK. Auch da gibt es eine aktive lebendige Jazzszene.

    Klar und USA, ganz viele Jazzkanäle....West coast Jazz, Traditional....what ever.

    Letzlich sind diese Musikkanäle ja nur Ausdruck einer lebendigen Jazzszene, sprich die Zielgruppe ist groß genug.

    Und in Deutschland? Weitgehend Fehlanzeige (Radio FFH hat jetzt einen ganz passablen Jazzkanal oder Deluxe Musik. Viel Mainstream bis ins Populäre, keine deutsche
    Jazzmusik).

    Sind die Gründe dafür, dass Jazz in Deutschland nicht mal 'ne Nische ist sondern eher ein Haarriß, immer noch nur im III. Reich begründet, wo grade in der Blüte des Jazz in den USA die Musik in D als "entartet" eingestuft wurde? Oder hat es nach 45 noch andere Entwicklungen gegeben, die Jazz hier im Vergleich zu anderen Ländern zu einer Randerscheinung macht?

    (Wie ist es eigentlich ich F, ES, I....auch eher nicht, dafür aber BeNeLux und Skandinavien?)

    Und noch ein Phänomem. Habe ich besuch und sage ich höre gerne Jazz, bekomme ich oft zu hören "ne, mag ich nicht, ist mir zu elitär, klingt nicht schön..."

    Dann lege ich Sachen auf wie "Blue Moon", "Summertime", "The Girl from..."
    "Over the Rainbow" oder die Swing CD von Robby Williams oder Roger Cicero.
    Reaktion "tolle Musik hast Du hier", dann ich "das ist auch Jazz"....großes Staunen und Überraschung.

    CzG

    Dreas
     
  2. onkeltom

    onkeltom Ist fast schon zuhause hier

    Naja,

    so spontan fällt mir das Internet-Portal nrwjazz.net ein.
    Die versuchen schon die hiesige Szene bekannter zu machen.
    Die haben sogar schonmal über einen Workshop bei Rainer Diehl
    mit Angelika Niscier berichtet, an dem ich auch teilnehmen durfte!

    Grüße aus Bochum

    Thomas
     
    Tinka gefällt das.
  3. saxhornet

    saxhornet Experte

    Jazz in Deutschland lebt ein Nischendasein und gefällt meist älteren Menschen. Häufig wird es auch als Musik des Bildungsbürgertums angesehen, was so sicherlich nicht stimmt.
    Das Problem ist, daß die Leute mit Jazz etwas anderes verbinden als das was Du deinen Gästen aufgelegt hast und der Modern Jazz, Be Bop, Free Jazz etc. haben beim Zuhörer, der eher gemässigter hört, viel Schaden angerichtet. Mehr Schaden als es die Neue Musik, die viele genauso schrecklich finden, im Klassikbereich anrichten konnte. Ich kannte sogar Leute, die fanden, wenn Gesang bei ist, ist es kein Jazz und die hat das sinnlose Sologedüdel immer genervt.

    Lg Saxhornet
     
  4. Gast_13

    Gast_13 Guest

    Welchen Stellenwert hat Bildung in Deutschland?

    Kannst Du genau so gut fragen - kommt aufs gleiche raus!
     
  5. Gast

    Gast Guest

    Hi,

    ich weiß dass Jazz z.B. in Portugal auch eher ein "Insider" ist. Als Musiker bekommst Du dort wenig Gage und deshalb ziehen viele Jazzmusiker in´s Ausland.

    In Spanien sind Jazzfestivals der Hit! Da treten jedes Jahr sehr bekannte Leute auf.

    In Tschechien (ja, Tschechien!) ist der Jazz wohl unglaublich beliebt bei der Jugend.

    In Deutschland sehe ich zwar wenig Jazzinteressierte unter den Jugendlichen, aber es gibt genügend Publikum. Ausserdem wird in Deutschland nicht schlecht bezahlt. Dass in Deutschland, Schweiz und Holland gut bezahlt wird, ist auch den Amerikanern klar. Die wollen nämlich nach Europa, um hier von der Musik leben zu können. Warum aber Jazz in Deutschland kein breites Publikum erfährt, würde mich interessieren.

    Jazzige Grüße,
    Sara
     
  6. saxhornet

    saxhornet Experte

    Nicht nur den Amerikanern.

    Das Problem ist, daß es kein breites Publikum für deutschen Jazz gibt bzw. viel weniger Personen zu deutschen Künstlern als zu anderen auf Konzerte gehen und auch weniger Platten von deutschen Künstlern kaufen und diese von den Musikern meist selbst produziert werden müssen. Ausser es sind irgendwelche Schauspieler, die jetzt auch unbedingt singen müssen oder Leute wie Kübelböck, die jetzt Jazz machen. Selbst so mancher nicht so dolle Spieler, der in Amerika scheitern würde, hat hier noch gute Chancen besseres Geld zu verdienen, auch als bessere deutsche Kollegen. So kenne ich dann einige Musiker, die seit 10-20 Jahren hier wohnen aber immer noch kein deutsch sprechen, während Dir dann in der U-Bahn studierte russische Musiker begegnen, die da Strassenmusik machen, um zu überleben. Image ist alles.

    Lg Saxhornet
     
  7. Gast

    Gast Guest

    Dass das Jazzpublikum in Deutschland lieber die Amerikaner hört, ist klar. Obwohl es in Deutschland genauso gute Jazzmusiker gibt, wie in Amerika. Man denkt sich als Zuhörer "Boah ey, der kommt aus Amerika - der ist einfach nur Hammer!!!".

    Was mich dennoch immer noch interessiert ist, warum die breite Jugend (16-35 Jährige) kein Jazz hört. Meine Freunde in meinem Alter z.B. finden Jazz nicht schön. Manche behaupten sogar, Jazz wäre nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Noten. Die Popindustrie und der Free Jazz haben den traditionellen, guten Jazz kaputtgetreten (für die breite Masse). Trotzdem: warum ist der Jazz dann in Spanien und Tschechien so beliebt und hier in Deutschland nicht?

    LG,
    Sara
     
  8. saxhornet

    saxhornet Experte

    Mit Jazz können sie sich selten von den Eltern wirklich abgrenzen und Bewunderung und Anerkennung bekommen sie von der Gruppe bei der Musik auch nicht (Gruppenzugehörigkeit). Dann hat die Musik keine Funktion für viele Jugendlichen, sie peitscht Dich nicht hoch (im Vergleich zu so manchem groovendem Popstück oder Rock oder Metall), Du musst zuhören, Du kannst nicht wirklich zu tanzen. Kinder hören selten Musik der Schönheit der Musik wegen, diese hat meist eine Funktion und die erfüllt meist Jazz für sie nicht. Für mich war das als Jugendlicher anders, weil ich aber auch Leute um mich hatte, die genauso dachten und stundenlang Coltrane zuhören konnten oder Ella Fitzgerald etc.
    Die Jugendlichen mit denen ich zu tun habe fangen sich eher für die Musik an zu intressieren, wenn Du ihnen erzählst, daß ein Teil der Jazzer, Zuhälter, Polygamisten, Drogendealer, Drogis etc. etc. waren, dann wird es plötzlich spannend aber dann geht es nicht mehr um die Musik..... Und das Standardjazzpublikum hört häufig was ihnen suggeriert wird, durch Namen oder Artikel, was man hören sollte.

    Lg Saxhornet
     
  9. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Aber Robby Williams und Roger Cicero können doch gut leben von "Jazz".... :-D
     
  10. reiko

    reiko Strebt nach Höherem

    Wie es Saxhornet schon angedeutet hat haben Dinge dann einen hohen Stellenwert, wenn sie zur Bestimmung des gesellschaftlichen Ranges dienen. Das sind in Deutschland Autos, Häuser, Reisen ...
    Bei Jugendlichen ist es häufiger auch Musik, dann aber Metal Hiphop Punk ...
    Dementsprechend hat Musik im allgemeinen und Jazz im besonderen wenig Stellenwert. Ich finde das gut so, weil es den Leuten, die sich dafür interessieren nicht um Status geht, sondern um Liebhaberei. Das macht solche Nischen bunt und lebendig. Man muss sie nur finden und sich darin bewegen.
    Also: Jazz hat einen niedrigen Stellenwert und das ist gut so!
    In diesem Sinne einen schönen Feierabend Reiner
     
  11. deraltemann

    deraltemann Strebt nach Höherem

    muss alles was man tut eine hohen Stellenwert für alle haben?
    Oder ist es vielleicht nicht wichtig welchen Stellenwert mein Tun für mich hat?

    Sicher Antwort auf die Frage bei Menschen die mit Musik verdienen müssen, mehr von den Gesetzen des Marktes bestimmt...
     
  12. saxhornet

    saxhornet Experte

    Klar ist es primär wichtig, was es für einen Stellwert für Dich hat, Jugendliche beurteilen diesen aber anders. Und dann geht es noch um das Wegbrechen oder das langsame Austerben einer Kulturform.

    Ja, eindeutig, wenn dein Markt nicht mehr funktioniert oder immer kleiner wird, musst Du schauen ob der Musikstil noch geht oder eher was fürs Hobby ist.

    Lg Saxhornet
     
  13. homer_2424

    homer_2424 Nicht zu schüchtern zum Reden

    Man kommt wenn man sich nicht etwas mit Musik (oder eher ihrer Bandbreite) beschäftigt auch nicht auf sowas wie Jazz. Der vorherrschende Umgang mit Musik ist denke ich: Radio hören/Fernsehen, wenn etwas gefällt CD kaufen. Da kommt man eben nicht sehr weit über die Popmusik hinaus. Wenn man jedoch ein Instrument lernt, dann spielt man eben auch mal Sachen, mit denen man nicht gerechnet hätte und findet Gefallen daran (Paradebeispiel Klassik). Auch ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich mal CD's mit dieser "Fahrstuhlmusik" besitzen werde. :)

    Als ich Pfingsten in New York und im Blue Note bei Lou Donaldson war, saß ein netter junger Mann an unserem Tisch, mit dem wir in der Pause ins Gespräch kamen. Er war völlig entsetzt, dass Donaldson in Deutschland keine Bekanntheit ist und es in unserer Umgebebung keinen bekannten Jazz-Club gibt. :)
     
  14. deraltemann

    deraltemann Strebt nach Höherem

    Und das ist zum Glück so, denn sonst gäbe es keine Weiterentwicklung ...
    aber mit Krampf etwas erhalten das keine Basis hat?
    Es gibt viele Dinge die sich überleben, das ist im Handwerk leider nicht anders als in der Musik / Kunst.

    Nur wenn ich selber daran Spass habe und es erhalte werde ich Gleichgesinnte finden ... wieviel ist unerheblich... solange ich kein Geld damit verdiene.
     
  15. Gelöschtes Mitglied 5328

    Gelöschtes Mitglied 5328 Guest

    Mich interessiert das auch noch im historischen Zusammenhang.

    Sicher ist, dass Deutschland durch das "III. Reich" den Anschluß an populäre Musik, damals auch Jazz, verpasst hat.

    Aber was war in den 50igern bis Ende der 60iger? Waren wie da so piefik, dass
    wir den deutschen Schlager brauchten?

    Und hat dann der "interlektuelle Jazz" der 70iger endgültig den Kontakt zum
    Normalbürger verloren?

    Saxhornet deutete sowas an....

    CzG

    Dreas
     
  16. mixokreuzneun

    mixokreuzneun Ist fast schon zuhause hier

    hi zusammen,

    tolles thema, das mit dem jazz.......

    das beginnt schon mit der frage, was jazz ist.....hehehe....und dann ob die ganzen jazz open festivals (mir kanns gar nicht open genug sein....)jazz transportieren.

    nach den festivals und deren derzeitiger popularität, boomt der jazz gerade, glaubt man dem feuilleton einschlägiger zeitungen und online medien, also kein grund zur sorge, unkraut vergeht nicht.

    grüsse

    mixo
     
  17. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    Ich bin bei mixo und kann nicht erkennen, dass in Deutschland Jazz auszusterben droht.

    Jazz war spätestens ab BeBop eher eine Musik der Minderheit.

    Der prozentuale Anteil der Bevölkerung, die Jazz hört, ist in Deutschland mit Sicherheit höher als in der USA.

    Die Auswirkungen des Dritten Reiches sind aus meiner Sicht, dass Jazzmusik in der BRD sehr amerikanisiert war, während in der DDR eine individuellere Entwicklung ähnlich wie in Frankreich, Norwegen, ... erfolgte.

    Die Globalisierung führt dazu, dass auch populäre Musik sich den Stilelementen sämtlicher Musikrichtungen bedient.

    Die Frage ist wirklich, war ihr zum Jazz zählen wollt.

    Gruß



     
  18. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    Hallo Saxhornet,

    im Jazzclub war zu meiner aktiven Zeit der größte Teil der Besucher Akademiker.

    Die Formulierung solltest du mal überdenken; denn sie macht mich ziemlich wütend. Du bist mir immer noch die Antwort schuldig, ob Jan Garbarek und John Surman in deiner Welt Jazzmusiker sind.

    Für die meisten Klassikhörer sind Strawinski, Ravel, Debussy schon zu modern. Mit Webern, Stockhausen, ... darfst du schon gar nicht kommen.

    Gruß
     
  19. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    Ja, aber auch in der USA!

    Jazz war eigentlich nur in der Swing- und Bigband-Zeit wirklich populär.

    Was spielt Götz Alsmann? Schlager oder Jazz?

    Was spielt Roger Cicero?

    Bitte bedenke, dass du heute an sehr vielen Universitäten in Deutschland Jazz studieren kannst.

    In Europa gibt es sehr gute Jazzlabels (ECM, Enja,...)

    Gruß
     
  20. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Da waren sie wieder, meine 3 Probleme..... :-D

    Meine Meinung: Die Frage kann nur jeder für sich beantworten.





    ab 1:10 :)

    Wer Musik als Broterwerb betreibt, sollte sich nicht mit dem Stellenwert von Jazz beschäftigen bzw. ganz scharf trennen zwischen Hobby und Job.
     
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