Wie konnte Charlie Parker so lange üben?

Dieses Thema im Forum "Saxophon spielen" wurde erstellt von Paul2002, 14.Juli.2019.

  1. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier

    In einem Interview sagte Charlie Parker, er habe zu einer Zeit in seiner frühen Karriere über ca. drei Jahre hinweg elf bis fünfzehn Stunden am Tag das Saxophon gespielt. War das nicht eher schädlich? Ich spiele seit ca. eineinhalb Jahren und habe eine strenge Routine, aber selbst mit leichten Blättern komme ich nie über 90 Minuten Übezeit, ohne dass ich merke, dass mein Ansatz zu erschöpft ist, um weiterzuüben, ohne schlechte Angewohnheiten zu entwickeln. Parker spielte erst 4-5 Jahre, als er diese überaus lange Routine begann. Er nahm zu dieser Zeit zwar schon leistungs- und konzentrationssteigernde Drogen, aber die haben seinen Ansatz doch sicher kaum verbessert, oder? Miles Davis sagte in mehreren Interviews, Parker habe manchmal zu sehr gebissen und daher bei Proben öfters mal Quietschtöne gehabt. Stammte diese Angewohnheit vom zu langen Üben?

    Wie lange sollte man an welchem Punkt in seiner Karriere üben und was ist eure Meinung zu dieser Geschichte über Charlie Parker?
     
  2. Atkins

    Atkins Ist fast schon zuhause hier

    Also fünfzehn Std. halte ich doch für etwas sehr übertrieben, glaube ich nicht. Es ist mir aber auch nicht wichtig, was da irgendwer irgendwann mal angeblich gemacht hat. Ich hoffe, dass mein musikalisches Dasein nicht von der Übungszeit abhängig ist. :) Klar muss man bisschen dran bleiben, aber man sollte das doch ganz relaxt sehen. 3 - 4 Std. übe ich manchmal, wenn ich draussen spiele ( gibt halt nix Anderes zu tun) und merke da recht wenig Erschöpfung, ist dann eher so, dass ich keine Lust mehr habe.Es sei denn, ich spiele Sopran, da bin ich ner Stunde auch fertig.
    Ansonsten habe ich so meine 1 - 2 Std. tgl und verordne mir auch 1 oder 2 Tage in der Woche, wo ich das Sax nicht anfasse.
    Aber okay....ich will auch keine Karriere, ich spiele nur so aus Spass an der Sache, gehe da also vielleicht etwas anders ran, bin ja auch schon büschen älter.
     
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  3. ppue

    ppue Experte

    Je öfter man mehrere Stunden hintereinander spielt, desto weniger Ansatzprobleme hat man.
     
  4. Atkins

    Atkins Ist fast schon zuhause hier

    Ja, aber 11 - 15 Std. üben tgl. ist schon ein wenig zu viel des Guten,oder? Ich kann mir für Profis durchaus so +/- 5 Std. vorstellen und ansonsten eher so 1 Std. tgl. als Hobbyspieler, um so einigermassen am Ball zu bleiben und weiter zu kommen. Wobei...? ist das wichtig?
     
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  5. ppue

    ppue Experte

    Für was zu viel? Jeder Jeck ist anders. Parker hat damit seinen Weltruhm gegründet. Wollte er vielleicht gar nicht haben, hat er dennoch bekommen.

    Wenn es richtig zitiert ist, sagt er auch nicht, dass er geübt habe, sondern gespielt.
     
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  6. Atkins

    Atkins Ist fast schon zuhause hier

    Ja gut, dann übt halt 15 Std. tgl. :) oder von mir aus spielt.....vielleicht geht ja noch bisschen mehr für die Karriere.
     
  7. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier

    Ist das nicht etwas pauschal? Ich habe letzte Woche täglich drei Stunde geübt (verteilt auf jeweils eine Stunde mit langer Unterbrechung), weil ich eine Lektion in einer Schule unbedingt schaffen wollte, und was den Ansatz angeht, weiß ich nicht, ob ich wirklich besser geworden bin. Der Erfolg beim Unterricht mit dem Lehrer war jedenfalls nicht größer als sonst. Und fast jeder Lehrer, den ich kenne, hat bisher gesagt, man solle nicht zu lange üben, weil man sonst schlampig werde und sich nur schade - sogar Londeix.
     
  8. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier

    Wörtlich war es glaube ich (das Interview mit Paul Desmond, aus dem der Satz stammt gibt es übrigens auf Youtube): ,,[...] I put 11 hours into the horn every day, sometimes up to 15 [...] “ - Zitat nach dem Gedächtnis.


    Das er den Ruhm wollte, den er bekam, ist allerdings wahr, denn er selbst hat nach der berühmten ersten Jamsession, bei der er mitspielte und ausgelacht wurde, zu einem Freund gesagt, er wolle nun der beste Saxophonist von allen werden. So steht es in der Biographie ,,Kansas City Lightning - The Rise and Times of Charlie Parker“ . Den Sommer darauf fing er auch mit dem vielen Üben an.

    Naja, ich bin ehrlich gesagt auch etwas neidisch, dass sein Körper das mitgemacht hat. Ich will oft länger üben, habe dann aber wunde und müde Lippen (unter anderem wegen meiner Zahnspange) und muss aufhören, obwohl ich noch Lust habe.
     
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  9. Rick

    Rick Experte

    Irgendwo habe ich mal eine Aufstellung des typischen Tagesablaufs von in Big-Bands spielenden Jazzmusikern um 1940 in New York gelesen, also zu Parkers "Frühzeit", da kamen schon an Auftritts-, Sessions- und Probezeiten um die 15 Stunden Musik täglich raus. Kein Wunder, dass die damals in der Breite so schweinegut waren, die hatten einfach jede Menge Routine!
    Und dann hatte Parker ja noch seine "Woodshedding"-Phase, wo er sich angeblich monatelang in eine Waldhütte verkroch und den ganzen Tag nur Akkordbrechungen in allen Tonarten übte, außerdem zu Platten spielte und sich Solos von Lester Young und anderen Musikern raushörte, die ihm gefielen - das wird ja bis heute allgemein als bestes Improvisations-Training angesehen.

    Ja, und zwar bereits beruflich mit Ensembles, und was das an täglicher Spielzeit damals bedeutete, siehe meine obige Aussage. ;)

    Er wurde früh süchtig gemacht von den "Agents" der Mafia, die damals nach dem Ende der Alkohol-Prohibition in den USA neue Produkte und Absatzmärkte suchten und deshalb Drogen mit starkem Abhängigkeitspotenzial zunächst zu niedrigen "Einführungspreisen" in ausgesuchten Wohngegenden (Armenghettos) unter die Leute brachten. Parker, Kind einer alleinerziehenden Putzfrau, war viel ohne elterliche Aufsicht und geriet so rasch in schlechte Kreise... :-(
    Man ist sich heute einig darüber, dass er nicht wegen, sondern TROTZ seiner überaus hinderlichen Heroinsucht fantastisch spielen konnte - allerdings nahmen die jungen Musiker, die ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere bewunderten und ihm nacheifern wollten, das falsch war und begannen auch mit dem Konsum, was einige vielversprechende Talente in ein schreckliches Schicksal führte.
    Dass er die Drogen, wie heute leider oft üblich, zur "Leistungssteigerung" nahm, ist völliger Unsinn. Ich wüsste auch niemanden, der sich durch Morphine besser konzentrieren kann, eher im Gegenteil - das Zeug macht schließlich vor allem schläfrig und träge.
    Bei Parker hatte es lediglich eine nivellierende Wirkung, weil er durch eine leichte Dosis seine Entzugserscheinungen bekämpfen konnte, die ihn sonst daran hinderten, zuverlässig den Alltag zu bewältigen - er musste also Drogen nehmen, um "klar" und schmerzfrei zu sein, ähnlich wie ein starker Alkoholiker, der morgens ein Sixpack Bier trinken MUSS, damit er den Tag durchsteht.
    Tatsächlich funktionierte das jedoch nicht immer, weil das Straßenheroin in seiner Konzentration ständig schwankt und der Konsument natürlich nicht vorher eine chemische Analyse durchführen kann - ist es zu schwach, dann hilft es nicht gegen die Entzugserscheinungen, ist es zu stark, fällt man schnell in Schlaf oder stirbt an Herzversagen -> Überdosis.
    Es gibt ja etliche Schilderungen darüber, wie Parker gelegentlich den Auftritt verschlief, weil das Heroin zu stark gewesen war, oder wie er, als er mit Dizzy Gillespie an der Westküste der USA tourte, dort nur zu schwachen "Stoff" fand, der nicht gegen seine Entzugserscheinungen wirkte, was ihn dann in ein Sanatorium brachte (Camarillo).

    Also: Heroin ist ein absolutes "Teufelszeug", wie jede stark abhängig machende Droge, wobei das Hauptproblem vor allem in den Qualitätsschwankungen auf dem Schwarzmarkt besteht, weshalb es heute ja kontrollierte Abgabe an Schwerstabhängige gibt - in diese Richtung dachte aber zu Parkers Lebzeiten
    noch niemand, Drogensucht galt als Verbrechen, die Kranken wurden gejagt, eingebuchtet und im Gefängnis dem so genannten "Kalten Entzug" unterworfen, wobei sie fürchterlichste körperliche Schmerzen durchlitten, was viele auch mit dem Leben bezahlten aufgrund des extremen Stresses, dem sie dabei ausgesetzt waren.
    An Heroinsucht ist nichts Romantisches oder gar "Leistungssteigerndes", das muss im Gegenteil für alle damals Betroffenen die Hölle auf Erden gewesen sein!

    Er hat mit sehr viel Kraft gespielt, zu der Zeit nicht unüblich, und benutzte angeblich sehr harte Blätter, bis zu Stärke 5, was ihm ermöglichte, viele Töne zu "ghosten", also zu verschlucken, was den quirligen, sehr rhythmischen Effekt seiner rasanten Läufe ausmachte. Das Quietschen mag daher gekommen sein.

    Auf jeden Fall war er nicht so relaxt und cool wie Davis, sondern im Gegenteil anscheinend ständig unter Strom, angeblich ein sehr temperamentvoller Mensch, der alle in seiner Umgebung begeistern und mitreißen konnte - wenn er denn gut drauf war.

    Das muss jeder für sich selbst entscheiden, es kommt ja auch darauf an, wie viel man in seinen Tagesablauf einbauen kann.
    Ich habe früher als Jugendlicher bis zu acht Stunden geübt, das war aber auch eher die Ausnahme, mehrere Stunden pro Tag waren es aber oft - jedoch nicht, weil das irgendein Übungsplan vorsah, sondern weil ich einfach besessen von Musik war. Ich MUSSTE spielen, es hatte mich einfach gepackt, ich WOLLTE es!
    Später hat sich das dann gegeben, heute übe ich nur noch nach Bedarf und bin auch mal froh, wenn ich Zeit OHNE Musik verbringen kann. :)
     
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  10. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier



    Er nahm beim Üben aber auch konzentrationssteigernde Drogen wie Benzendrin, nicht nur Morphide.
     
  11. Rick

    Rick Experte

    Um wahrscheinlich damit seine Heroin-Müdigkeit zu bekämpfen. Ohne Heroin hätte er bei seinem Temperament sicher keine Aufputschmittel nötig gehabt, die gab es beim Dealer meist mit, als "Paket" gegen die Nebenwirkungen.
     
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  12. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier


    Die biographischen Informationen dieses Posts kann ich zwar bestätigen, aber ich finde nicht, dass er zur Diskussion beigetragen hat, denn dass Parker wegen seiner Heroinsucht besser geübt hätte, habe ich nie behauptet. Mir ging es darum, wie seine Gesichtsmuskeln das so früh schon packen konnten, ohne dass er sich durch überspannte Ansatzmuskulatur die Technik versaut hätte.
     
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  13. Paul2002

    Paul2002 Ist fast schon zuhause hier


    Das Temperament eines Menschen hat nichts mit seiner Konzentrationsfähigkeit zu tun. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen Drogen, die aufputschen und solchen, die die Konzentration verbessern.
     
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  14. Jacqueline

    Jacqueline Ist fast schon zuhause hier

    Das muss man über einen größeren Zeitraum betrachten. Eher Jahre statt Monate und schon gar nicht Wochen. Zumindest was den Aufbau anbelangt.

    Und auch nicht die Dauer macht es sondern die Frequenz und Regelmäßigkeit der Übungseinheiten.

    Ich war bis vor kurzem für meine Verhältnisse sehr ansatzfit, da ich über einen längeren Zeitraum regelmäßig geübt habe.
    Jetzt ist das Pensum mangels Zeit und Urlaub stark zurückgegangen. Und das macht sich gerade massiv bei mir bemerkbar.
    1 Woche Pause verkraftet mein Ansatz, aber dann noch 2 Wochen unregelmäßigen Übens und es geht bergab.
    Hab Geduld, das baut sich schon auf.

    PS: Ich spiele jetzt 2 1/2 Jahre
     
    Zuletzt bearbeitet: 15.Juli.2019
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  15. djings

    djings Strebt nach Höherem

    nicht umsonst heißt es "übung macht den meister"
     
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  16. djings

    djings Strebt nach Höherem

    dann hat er wohl keine anderen verpflichtungen oder aufgaben gehabt... :)
     
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  17. Ton Scott

    Ton Scott Freak

    "Put into the horn" könnte man aber auch mit "sich beschäftigen mit" übersetzen, oder?
     
  18. djings

    djings Strebt nach Höherem

    gespielt ist auch geübt :)
     
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  19. Jacqueline

    Jacqueline Ist fast schon zuhause hier

    Es war sein(e) Beruf(ung).
     
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  20. Claus

    Claus Moderator

    Auch wenn das ihm zugeschriebene Zitat so korrekt ist: ob es wirklich jeden Tag mindestens 11-15 Stunden waren?! Ich habe da meine Zweifel, ob das wirklich Netto-Zeiten sind. Auch Musikgenies müssen schlafen, essen, duschen, Haare schneiden lassen, einkaufen, neue Drogen besorgen ( :confused: ), aufräumen, putzen, Wäsche waschen oder zur Reinigung bringen, sich zu Auftritten hin- und wieder zurückbewegen, mal mit anderen Menschen interagieren etc.

    Aber wofür ist die genaue Stundenzahl denn so entscheidend? Wir sind doch hauptsächlich fasziniert davon, weil es so "übermenschlich" erscheint.

    Fest steht, dass er extrem viel geübt haben wird, um so gut zu werden.
     
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