Soundkonzepte der Saxophonmarken

Dieses Thema im Forum "Saxophone" wurde erstellt von Gelöschtes Mitglied 5328, 24.Juni.2015.

  1. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    Wo kommen denn die ganzen Klassiker her?

    Weisst du, in welchem Land Selmer am meisten verkauft?
     
  2. Gelöschtes Mitglied 5328

    Gelöschtes Mitglied 5328 Guest

    @Bereckis

    Nein, Absatz nach Länder oder Regionen habe ich nicht.

    Bedenke aber, dass der Klassikmusikmarkt 10 mal größer ist als der Jazzmusikmarkt.

    Das Verhältnis spiegelt sich nicht 1:1 im Saxmarkt, aber in der Tendenz schon....

    CzG

    Dreas
     
  3. rbur

    rbur Gehört zum Inventar

    Wenn man Klassik als alles definiert, was kein Jazz ist, dann kommen noch die ganzen Musikvereine etc. dazu.
     
  4. ppue

    ppue Mod Experte

    In der Theorie sind die akustischen Berechnungen eines Saxophons nicht schwer. Die treffen aber nur auf einen idealen Konus zu. Beim Saxophon fehlt erst einmal die Spitze. Das fehlende Volumen muss das Mundstück ersetzen, das idealer Weise genau so viel Volumen hat wie es die gedachte Spitze des Konus hätte. Mit verschiedenen Mundstücken sind so schon verschiedene Abweichungen vorprogrammiert. Da hört es eigentlich schon gleich wieder auf mit einem Programm, das hier alle Eventualitäten mit berücksichtigen müsste.

    Viele andere Schwierigkeiten hat chrisdos oben genannt. Eine der größten dabei ist eben dieser Ziehbereich. Ich kann das Mundstück weit drauf stecken und alle Töne recht tief intonieren. Oder eben umgekehrt. Es gibt aber kein Instrument, dass bei beiden Anblasarten korrekt intoniert. Da kann man rechnen, wie man will, das geht physikalisch nicht.

    Was bleibt, ist Hörner zu bauen, die konsequent auf ein bestimmtes Anblasverhalten hin konzipiert sind und denn auch wirklich sauber intonieren. Das findet man auch und ich meine, man kann in vielen Fällen gar nicht meckern. Ein guter Spieler muss eh selber intonieren und kann sich nicht auf die Klappen verlassen. Die Klappen sind eine Hilfe, mehr nicht.
     
  5. Thomas

    Thomas Strebt nach Höherem

    Ich würd sagen: in der Theorie sind die Berechnungen für das Sax sauschwer, selbst beim idealen Konus werden bei den meisten von uns die Lichter ausgehen, wenn sie die Gleichungen vor sich haben..... :)
     
  6. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Ah, danke. Das hatte ich fast vermutet. Holzlagerung kostet. Also versucht man da zu sparen. Gier frisst Qualität. Wissen ist nicht verloren gegangen, sondern wird dem Altar des Mammons geopfert.

    Im Bekanntenkreis zweiter Ordnung hat einer bei der Renovierung Bohlen gefunden, die meahr als 100 Jahre alt waren, das richtige Holz und im perfekten Zustand. Hat sich bei einem örtlichen Bauer dann eine E-Gitarre und einen E-Bass bauen lassen. Das Ergebnis soll exzellent gewesen sein.

    Grüße
    Roland
     
    Zuletzt bearbeitet: 27.Juni.2015
  7. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Wie gesagt, dafür haben wir ja einen Rechenknecht. Gekoppelte Differentialgleichungen, Gleichungssysteme mit 10⁶ Variablen, da haben wir was.

    Gerade mal gefunden mit Dr. Google:
    http://www.music.mcgill.ca/caml/lib/exe/fetch.php?media=publications:phd_lefebvre_2010.pdf

    Ein kurzes Drüberscrollen hat jetzte keine Ehrfurcht induziert, ich gehöre zu den MINT-gehäreteten.

    Grüße
    Roland
     
  8. DiMaDo

    DiMaDo Ist fast schon zuhause hier

    Das erinnert mich an die Jungs, die an der Uni die perfekten Boxen gerechnet hatten, im schalltoten Raum optimiert und nach allen Regeln der Ingenieurskunst gearbeitet haben. Und dann die tränenreiche Ernüchterung dass die Dinger einfach sch.... klangen....
     
  9. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Jaja, es sollen schnelle Pferde gezüchtet werden. 1 Jahr Foschungszeit.

    Maschinenbauer: Die mit den längeren Beinen haben einen Vorteoil.
    Biologen: Araber haben sich als gut erwiesen.
    Physiker: Gegeben sei ein reibungsfrei gelagertes kugelförmiges Pferd im luftleeren Raum ...

    Naja, Boxen wechselwirken mit der Umgebung, Boxen können analytisch klingen pder schönfärben (Linn für den Sound, Dynaudio, um ein Solo rauszuhören), Aufstellung, ...


    Fazit:
    Rechnen, hilft, Simulation ist klasse.
    Es hat aber schon einen Grund, warum man nach computeroptimiertem Crashverhalten die Dinger dann in realiter gegen Wände semmelt. Aber man ist viel viel veil schneller im Eliminieren von ungunstigen Lösungen, wenn man mal eben was simuliert.

    Auf der Hardcore-Reihe der theoretischen Physik stand immer: theoria cum praxi.

    theoria und praxi alleine tun's nicht. Wie der Maler, der steif unf fest behauptet, man könne roas aus gelb und weiß machen. Hat er öfters beim Kunden gemacht. Feynman wollte das nicht glauben und zmeinte: zeigen'se mal. Er rührte eine halbe Stunde, wurde nix, kratzte sich am Kopf und meinte dann "nunja, normalerweise habe ich ja immer etwas rot zum Abtönen da ... "


    Gibt ganz viele Geschichten, wo nur Theorie oder nur Praxis Schiffbruch erleiden. Und damit meine ich nicht nur die Kreisquadrierer und Konstrukteur von perpetua mobila.

    Grüße
    Roland
     
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  10. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Apropos Kreisquadrierer.......das geht eben auch mit Hochleistungsrechnern nicht..........so auch beim Saxophon, bei dem die Entscheidung zugunsten eines Quadrates (mit leicht gerundeten Kanten) getroffen wurde.....:D

    Noch was zur Theorie, wieder mal vom guten Jaap Kool:

     
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  11. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Das ist ja gerade der Gag.
    Die Theoretiker wissen seit Ende 19. Jhd., dass man in endlichen vielen Schritten keinen Kreis mit Lineal und Zirkel qaudrieren kann. Praktiker suchen immer noch nach einer Lösung. Natürlcih vergebens.

    Oder wie ein Freund von mir nicht glauben wollte,, dass man exp(-x*x) nicht integrieren kann, sprich: es gibt keinen endlichen Term, bestehend aus +, -, *, /, e(x), sin(x) und deren Umkehrfunktionen, die eine Stammfunktion von exp(-x*x) ist.

    Nummerisch kann man sich beiden Problemen beliebig genau nähern, aber exakt geht halt nicht.


    Deswegen verstege ich den Einwand nicht ganz.

    Grüße
    Roland
     
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  12. Thomas

    Thomas Strebt nach Höherem

    Das ist gut zu wissen, dann sind wir hier im Forum ja zum Glück auf der sicheren Seite ...:)
    Die Basics kann man ja in alten Schinken wie Fletcher und Benade nachlesen. Die Tatsache, dass sich ein ganzer Wissenschaftszweig dem Thema widmet und man Dutzende von ähnlichen Arbeiten findet, die sich des Themas annehmen und dass das meistens wegen Komplexität in Simulationen mündet ist für einfache Gemüter wie mich nicht unbedingt ein Zeichen der ppue' schen Einfachheit der Berechnung....
    LG
    Thomas
     
  13. Wanze

    Wanze Strebt nach Höherem

    Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Roland ;)
     
  14. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Ich hatte auch keinen...:) Was ich sagen wollte: man kann im Saxophonbau nicht alles haben, weil die Parameter so miteinander verwoben sind. Und der wenige Spielraum wurde in der Vergangenheit zu Gunsten der Intonation genutzt.
     
  15. ppue

    ppue Mod Experte

    Ich sprach von einem einfachen Konus bei der Einfachheit der Berechnungen. Wie ich in der von Roland zitierten Arbeit sehe, ist aber selbst das Berechnen von Konus plus Tonkamin nicht weiter schwer. Warum auch. Zur Not könnte man sich ja einfach Tabellen erstellen. Da müsste man gar nicht rechnen.

    Wo die Schwierigkeiten anfangen, ist ja hinlänglich beschrieben.
     
  16. deraltemann

    deraltemann Strebt nach Höherem

    Also gelb und weis gibt schon rosa. Klingt komischist aber so, zu mindest wenn man weis und gelb in einen Lichtleiter einkoppelt....:pigeon:

    zurück zum Schall
    Also mich würde schon reizen mal ein Horn in einem Faserverbundwerkstoff zubauen.
    Was dieses Jahr definitiv nix wird, aber wenn es einen Verückten gibt oder zwei die das mit angehen wollen.... könnte man das fürs nächste Jahr mal ins Auge fassen...
    Kontakt gern per PM ... :welcome:
     
    Zuletzt bearbeitet: 28.Juni.2015
  17. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Warum sollen Berechnungen auch einfach sein? Das ist keine conditio sine qua non. :)

    Der eine schnallt bei Differentialgleichungen ab, der andere bei der Steuererklärung. Und Schwierigkeiten ... das sind Herausforderungen!

    Grüße
    Roland
     
  18. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Danke für den link, Roland! Kannte ich noch nicht.
     
  19. Woliko

    Woliko Strebt nach Höherem

    Unterstreicht den von @saxhornet und anderen immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten Hinweis, dass jedes "baugleiche" Instrument bzw. Mundstück anders klingen kann und nur individuelles Testen hilft.
     
  20. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Ich denke, ppue hat das mit den Soundkonzepten ganz gut zusammengefasst, zumindest höre ich das sehr ähnlich. Auch wenn jedes Horn anders klingt und Schubladen immer Ärger machen, weil sie nicht so ganz passen, würde ich aus meiner (subjektiven) Hör- und Spielerfahrung ganz grob ähnliche zwei Richtungen unterscheiden (für mich vor allem repräsentiert durch ein altes Conn 10M und ein neues Selmer Serie III Tenor, die ich beide sehr gut kennengelernt habe).

    Beim Tenor repräsentiert für mich das Conn Chu Berry oder 10M am fundamentalsten den "amerikanischen Vintage-Sound": Fett, groß, voll, offen, dunkel aber mit edge, manchmal auch mehlig. Außer den alten Amihörnern würde ich auch Keilwerth eher in dieser Ecke sehen. (Vielleicht ist es auch einfach der Sound der 30er und 40er, denn die Mark6-Vorgängermodelle BA und SBA sind vom Sound meines Erachtens zwischen beiden Welten).

    Das Selmer Mark IV ist der Hauptvertreter des eigenen ("französischen") Sounds, keines wurde öfter aufgenommen (zumindest im Jazz). Den Sound sehe ich (bei aller stilister Vielfalt und diversen Mundstückvarianten) im Vergleich zu den Amis etwas "schmäler", fokussierter, viel kultivierter, mit etwas Näseln, vielleicht etwas geschlossener mit einem knackigen unteren Ende und einer ganz charakteristischen Brillianz in den Höhen. Es gibt für mich immer einen Hauch Oboe im Sound, den die Amerikaner nicht haben. Für Yamaha und Yanagisawa war das Selmer Mark 6 wohl der Ausgangspunkt für neue Entwicklungen mit Fokus auf Technik, Ansprache, Intonation und Gleichmäßigkeit des Sounds. Selmer musste hier letztlich mitziehen, Brillianz und Projektion waren jahrelang angesagt, und somit gibt es jetzt eine große Menge an hellgoldenen, hell klingenden Saxophonen, die irgendwie in der Tradition des Mark 6 sind, nur ausgewogener und viele von ihnen technisch hervorragend. (Das klingt ein bisschen abfällig, soll es aber nicht sein, denn es war nie leichter, ein technisch hervorragendes Saxophon zu bekommen.)

    Den "klassischen" Selmersound hört man meines Erachtens bei vielen von Stan Getz, John Coltrane, dem späten Sonny Rollins bis zu Michael Brecker (trotz des unterschiedlichen Mundstücks und Stils). Beispiele für einen amerikanischen Vintage-Sound sind für mich z.B. der frühe Sonny Rollins und der frühe Dexter Gordon (wilde Tiere sind das).

    Was die Marken betrifft, glaube ich, dass bei vielen modernen Marken das Gesamtkonzept eine Weile identisch war: "Wie Mark6, aber bessere Intonation, homogenerer Klang, gleiche, aber wartungsfreiere Mechanik, vom Klang ein bisschen durchsetzungsfähiger als die Konkurrenz". Das Selmer Serie III Tenor sehe ich hier als eines von vielen Resultaten dieses Konkurrenzkampfs im helleren Bereich des Soundspekturms. Hier ist Homogenität und Ansprache Trumpf, fast als wäre es elektronisch. Unfassbarer Spielkomfort - zusammen mit einem high baffle piece bekommt man das krankhafte Allmachtsgefühl eines unsportlichen Übergewichtigen in einem Sportwagen - du denkst es liegt an dir, und verstehst, warum es einen Markt dafür gibt :) Es ist noch genug Selmersound drin, es gibt aber eine Tendenz zur Langeweile (im Prospekt steht dann "Flexibilität für verschiedene Stilrichtungen"), den vielleicht nötigen Edge baut man halt mittels Mundstück ein, je nach Gusto.
    Der Sound vom Conn10M ist dafür von sich aus viel lebendiger, offener, größer, heftiger, animalischer. Aber nicht so homogen. Den Wechsel der Oktavklappen hört man im Sound. Aufgrund der großen Vents sind manche Töne im pp nie rein, sondern haben immer etwas Luft. Im Jazz störts natürlich nicht. Seit einiger Zeit sind dunkle und erdige Sounds auch im Jazz wieder sehr angesagt. Ich glaube, dass es deshalb jetzt auch in der Mainstream-Industrie den Trend gibt, den alten amerikanischen Vintagesound in technisch moderne Saxophone einzubauen (zumindest ist "large bore" und "big bell" Vokabular aus modernen Werbebroschüren). Sehr erfreulich wenn so Klangvielfalt auf den Markt kommt. Keilwerth liegt damit m.E. voll im Trend. Ein paar der modernen Taiwanesen scheinen auch in diese Richtung zielen (P.Mauriat?, Cannonball?) und wohl auch die Edelitaliener und -schweizer, hab sie aber alle selber nicht gespielt und kann sie daher nicht wirklich beurteilen. Die Selmermarktforscher haben das auch schon länger erkannt, konnten sich aber nicht leisten, ein Reference-Conn aufzulegen (obwohl es ihnen gehört). Das hätte das eigene Ehrgefühl verletzt.

    Wie es technisch geht, einen französischen oder amerikanischen Vintage-Sound zu erzeugen? Keine Ahnung. Die Bohrung spielt ne Rolle. Insbesondere am S-bogen ist das Conn deutlich weiter als moderne Saxophone. Beim Material bin ich nicht so sicher. Das Conn ist knüppelhart, kann trotzdem softer oder kerniger klingen, je nach Bedarf. Das SBA eines Freundes ist butterweiches Messing, ist vom Sound vielleicht etwas weicher als das Conn, aber beide sind vom Sound näher aneinander als an modernen Saxophonen.

    Das ist natürlich alles sehr subjektiv, und andere werden ganz andere Empfindungen haben. Dass es aber gar kein Sound-Konzept beim Saxbau gibt und nur die Spieler den Unterschied machen ist völliger quatsch. Wer das glaubt, hat wahrscheinlich noch nicht viele Saxophone gespielt, oder nur zu ähnliche.
     
    edosaxt, Blofeld, Saxax und 7 anderen gefällt das.
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