Blues-Improvisation für Anfänger

Dieses Thema im Forum "Improvisation - Harmonielehre" wurde erstellt von Floyd123, 15.Dezember.2014.

  1. Sebastian

    Sebastian Ist fast schon zuhause hier

    Kann sein, wenn man sich z.B. Creole Love Call (1927) anschaut: https://musescore.com/user/39593079/scores/15956434 - (variierte) Bluesform, trotzdem kommt im ganzen Thema nur 1x eine Blue Note vor.
    Anderes Beispiel: Die Eröffnung von Black and Tan Fantasy (ebenfalls 1927): Die b3 im dritten Takt ist keine Blue Note, weil darunter ein Mollakkord liegt, kein Dur- oder Dominantseptakkord.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22.Januar.2026 um 09:53 Uhr
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  2. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Naja, auch im ersten Motiv von „Mood Indigo“ kommt die b3 der Grundtonart in der Melodie (harmonisiert als die 5+ der Dominanttonart).

    Oder auch im „so go your way…“ am Ende von „In a mellow Tone“ kommt die b3 der Grundtonart wiederholt in verschiedenen Akkordkontexten.

    In beiden Fällen bringt sie Bluesfeeling in die Melodie, und obwohl sie harmonisch in den jeweiligen Akkord passt ist es für für mich aufgrund der Melodiefärbung, die das erzeugt schon eine Blue Note im weiteren Sinne.
     
  3. Still

    Still Kann einfach nicht wegbleiben

    Fang damit an, wenn Du mit diesen Tönen, ohne Gis/ As, ein Gefühl für den Ablauf bekommen hast baue ein H ein und horche was wann wo im Ablauf dann passiert.
    Dann vergiß das H erst mal und nimm dir jetzt das Gis/As zur Brust. Wenn du es raus hast wann das passt, vergiß es wieder und zieh die selbe Nummer mit dem Fis durch.
    Du wirst merken wo du das bluesige verläßt, gerade beim Fis besonders deutlich, aber du wirst die Stelle finden wo der Ton nicht nur als Durchgangsnote taugt.
    Dann weg mit dem Fis, beim E wird es dann wieder etwas leichter etwas bluesiges zu kreieren.

    Nicht alles an einem Tag probieren!!!
    Mach es über Wochen, immer schön nach und nach. Nimm dich auf und halte es am Anfang rhythmisch möglichst einfach damit du den jeweils neuen Ton in der Aufnahme auch verorten und beurteilen kannst.
    Du kommst mit den genannten Tönen eigentlich ganz gut an verschiedene Arten und Charaktere von blusigen Sachen heran. Manche Sachen klingen dann ein wenig nach Muddy Waters andere eher jazzig, was den Blues aber ja nicht ausschliesst und bei einigen Sachen denkst du vielleicht eher an Rock'n'Roll der alten Schule. Wichtig ist das du weisst was du mit welchen Zusatztönen wo im Bluesablauf erreichst.

    Wenn du es noch richtig auf die Spitze treiben willst B und Cis sind auch noch Optionen. Aber vergiß nicht, melodisch sind die meisten Blues Titel, auch die jazzigen mit 48 Akkordvarianten, meistens eher einfach aufgebaut. Das geht weit zurück und beruht auf dem Textschema: Frage/Aussage, Wiederholung Frage/Aussage, Antwort/Reaktion und diese Form kann man auch beim solieren sehr schön einhalten. (Muß man aber nicht!)
    Selbst wenn in moderneren bluesigen Stücken der Textverlauf anders ist bleibt oft der melodische Aufbau in der vertrauten Form..

    Ich deinem 12 taktigen Beispiel wären die ersten 4 Takte über D7 Frage/Aussage, die nächsten 4 Takte über G7 und D7 die Wiederholung Frage/Aussage, die folgenden 2, evtl auch 21/2 Takte über A7, G7 und ggf. D7 Antwort/Reaktion und die lezten 2 Takte führen meist wieder zum Anfang. Als Klassiker dafür wäre der letzte Akkord anstatt D7 ein A7. Aber das ist das schöne am Blues alles kann, aber nichts muß!
    Spartaner wie John Lee Hooker sparten sich auch schon mal jegliche Akkordwechsel und der gute klang eigentlich immer bluesiger als der Blues selber.:)
     
    Zuletzt bearbeitet: 22.Januar.2026 um 10:47 Uhr
  4. ppue

    ppue Mod Experte

    Der frühe Ellington mit seinem Jungle Jazz ist halt der Anfang der Swing Aera und die hat wenig von den Baumwollfeldern. Andererseits würde ich nicht sagen, dass Blue Notes da nicht vorkommen. Ist halt so einiges direkt in Moll geschrieben und im Bigbandsatz war so etwas wie ein b10-Akkord noch nicht entdeckt worden (-:wenn ich da richtig liege).
     
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  5. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    Hallo @Floyd123 und @OnkelSax - ich glaube, man kann es auch einfacher angehen als hier in manchen Antworten beschrieben, ohne ausgefeilte Musiktheorie, mehr nach Gehör. Wir alle haben im Leben schon viele hundert Stunden Blues gehört. Sobald das Stück angefangen hat, wissen unsere Ohren recht genau, wie es weitergehen kann - und was bestimmt nicht passt.

    Und (da bin ich mit @giuseppe Post #56 sehr einverstanden): Blues erzählt, wiederholt, jammert vor sich hin. Das kann man zu Anfang auch auf einem einzigen Ton tun. Wenn Du auf dem Alt-Sax den D-Blues spielst - also klingend in F - kommst Du mit dem gegriffenen D recht weit. Geeignete Playalongs für den Anfang aus meiner Sicht z.B.:



    Ein anderer Sound:


    etwas andere Gangart:


    Das hier ist eine ganz andere Geschichte:


    Spiel nicht viele Töne, nicht schnell, sondern erzähl auf dem einen Ton das ganze Elend auf Deinem Saxophon. Nicht im preußischen Rhythmus, lass Dir Zeit und Freiheit. Bleib hinter dem Rhythmus zurück. Mach Pausen. Wenn Dir das D zu langweilig wird, nimm das F dazu, dann vielleicht auch das C. Gegen Ende, beim A-Dur-Akkord, passt das D vielleicht nicht mehr. Probiere, welcher Ton Dir an der Stelle besser gefällt. Dann probiere, was passiert, wenn Du die Geschichte zu den gleichen Akkorden nicht auf dem D, sondern auf dem A oder auf dem F erzählst. Zwischendrin leg das Sax zur Seite und singe stattdessen zur Begleitung, was Du in Dir hörst. Sing nicht zu nett, rufe.

    Das Zentrum eines einzigen Tones (höchstens zwei oder drei Töne) solltest Du beibehalten, auch wenn Du später weitere Töne aus dem Vorrat der Bluestonleiter dazunimmst. Wenn man diese Tonleiter nur rauf- und runternudelt, klingt es nicht nach Blues. Das Ohr führt. Belohne Dich schließlich mit dem Gis, das hat Spannung und Würze.

    Ja! Und das ist keineswegs nur der schlichte Anfang, sondern vollgültiges Material für jede Menge Musik.

    Auch eine sinnvolle Erkundungsübung: Entwickle mit dem Tonvorrat eine kleine Melodie, ein "Lick", das Dir über dem ersten Akkord gefällt. Dann wechselt die Harmonie, und Du spielst die gleiche Melodie unverändert auch auf den neuen Akkord. Wahrscheinlich passt das. Dann bist Du im Blues angekommen.

    Der hier zum Beispiel singt solchen elementaren Blues. Da fängt man nicht an, über Musiktheorie nachzudenken:



    Vielleicht ist das ein möglicher Zugang für Euch?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25.Januar.2026 um 01:05 Uhr
  6. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Hat irgendjemand außer Dir festgehalten, dass sich Musiktheorie und Gehör ausschließen (sollten)?
    Ja, die ist tief drin im Kopf, auch bei Menschen, die vielleicht mit Musik nicht so viel tun haben. Trotzdem ist Improvisaton unter Berücksichtigung von Stimmführung eine gänzlich andere Welt. Bei recht "schlichter" Bluesmusik vielleicht nicht passend.

    Die Idee, sich auf einzelne Töne zu beschränken und sich nicht selbst zu überfordern, ist natürlich gut. Da sollte man natürlich rhythmisch ein wenig was draufhaben.
     
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  7. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    Nein, weder ich noch jemand anders. Ich bin keinesfalls Theorie-feindlich, ich habe längere Zeit Musiktheorie an einer Hochschule unterrichtet. "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie."

    Aber ich nehme die Bitte des Thread-Erstellers ernst: "Macht es so einfach wie möglich. Noch mehr Fachbegriffe, die ich nicht verstehe, helfen mir auch nicht weiter." In den letzten hundert Posts ist sehr viel Richtiges und Differenzertes geschrieben worden, was für Fortgeschrittene wichtig werden kann, wenn sie Jazz-Blues spielen. Doch ich denke, für Einsteiger ist das überwältigend und entmutigend. Wer sich bei einer Reihe von hier aufgeschriebenen Akkorden nicht vorstellen kann, wie das klingt, für den ist das kein niedrigschwelliger Einstieg zum Spielen.

    Die Frage ist also nicht Theorie oder Gehör, sondern: Wo ist ein erfolgversprechender Eingang in die Blues-Improvisation für die Anfragenden? Mir ist wichtig, bei der Ressource anzufangen, die jemand schon hat: Hörerfahrung. Wenn man am Anfang die Komplexität gering genug hält, merkt das Ohr schon bei den allerersten Spielversuchen, ob der gespielte Ton in Frage kommt oder welcher besser passt. Das mittelfristige Ziel ist, die Verbindung zwischen den Ohren und den Händen aufzubauen: Der Spieler hört den nächsten Ton innerlich voraus und trifft ihn mit zunehmender Sicherheit richtig auf dem Instrument. Daraus kann sich später noch viel mehr entwickeln.

    Inzwischen sehe ich meine Empfehlung von gestern, mit einem einzigen Ton Blues zu spielen, selbst kritisch. Mit nur einem Ton eine interessante Musik zu gestalten, da liegt die Latte schon recht hoch. Heute denke ich: Zwei oder drei Töne aus dem Vorrat, das ist vielleicht einfacher für den Anfang. D und F; CDF; DFG; FGA - da sind, über das Playalong gespielt, überall interessante Blues-Stücke drin.

    Ja. Aber so gesagt ist das wenig ermutigend. Die Ausgangsfrage war nicht draufhaben, sondern draufkriegen. Ich habe oben einiges zum Umgang mit dem Rhythmus geschrieben. Die von mir vorgeschlagenen sehr übersichtlichen Blues-Playalongs geben dafür ein verlässliches rhythmisches und formales Geländer.

    Mir geht es darum, die Herausforderungen Schritt für Schritt anzugehen und die Komplexität so zu reduzieren, dass die Lernenden eine Chance für den ersten Schritt, dann für Fortschritte und immer für Ermutigung haben. Du unterrichtest ja selbst. Ich denke, Du tust das Gleiche, für jeden Schüler auf seinem Level, jede Woche - angemessen leicht einsteigen, erst dann eins nach dem anderen steigern. Ob es für @Floyd123 und @OnkelSax funktioniert, nur mit schriftlichen Anregungen aus dem Forum in den Blues zu kommen? Ich halte es für möglich. Wenn sie Blues als Einstig für ihr Improvisieren wählen, sind sie wohl mit dieser Musik gut vertraut.

    Im live-Experimentieren mit einem guten Lehrer mit ständiger Rückmeldung geht es wahrscheinlich leichter. Dessen Aufgaben wären dann, die Komplexität aufs aktuell Machbare zu reduzieren und die Fähigkeiten immer weiter entwickeln zu helfen, anknüpfend ans gerade Gespielte. Aber jetzt sind @Floyd123 und @OnkelSax ihre eigenen Lehrer, unterstützt durch ein paar Tipps von uns. Das kann gelingen. Viele beeindruckende und berühmte Musiker/innen sind oder waren Autodidakten ohne Noten, ohne Theorie-Unterricht und Studium - aber mit eigenen Ohren! Der Blues, der ja nicht im akademischen Mitteleuropa entstanden ist, könnte gut zu dieser Lern-Strategie passen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25.Januar.2026 um 10:05 Uhr
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  8. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Ich mache das eigentlich genau so mit Schülern, die das interessiert.
    Das ist hier nicht meine Kernkompetenz, zumal die Grundfrage ja die war, ob die Tonleiter "stimmt".
    Das was ich sagen wollte ist, dass man - will man dort landen - auch das "übliche" Übungsprogramm in diese Richtung orientiert üben sollte.
    Der Unterricht den ich genossen hab war leider in diese Richtung nicht kreativ, und meine SchülerInnen ziehen da leider überhaupt nicht mit mir mit wenn ich das so einbringe.
    Nicht mal die, die tatsächlich improvisieren lernen wollen.
    Wieder einmal war das Greg Fishman, der mir da die Augen geöffnet hat, wie man die Basics "jazzorientiert" üben kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25.Januar.2026 um 11:06 Uhr
  9. OnkelSax

    OnkelSax Ist fast schon zuhause hier

    Vielen Dank nochmal für eure vielen Beiträge auf meine Ausgangsfrage. Um es vorweg zu nehmen, es hat mich niemand entmutigt oder mit Fachbegriffen zugeworfen. Habe alles verstanden, auch die verschiedenen Arten der möglichen Herangehensweise. Ich für meinen Teil gehe jetzt so vor:
    Zum einen konzentriere ich mich erst mal nur auf diese Tonart des neuen Stückes (schnellerer Blues Rock, 4tel = ca 136-144) im MV und verwende überwiegend die Töne der Dm-Penta. Ich hab dann viel gehört, auch mal langsameres Tempo, bisserl nachgespielt (sofern) möglich, nach passenden Licks gesucht und mir für die Solostelle eine Art Fuschzettel in Form von einer Art Aneinanderreihung von Licks ausnotiert. Diese werde ich vermutlich nie so spielen, zumal ich auch keine Phrasierungen notiert habe. Ich denke, wenn ich das jetzt bei den ersten Proben verwende, werde ich handlungssicherer und bis zum Konzert sind es noch paar Monate. Dann vermute ich mal, dass ich das ganze Stück auswendig kann und mir auch andere Licks einfallen. Ist ein Solo-Stück für BariSax mit halt diesem Improteil.
    Diese Herangehensweise hab ich bereits 3-4 mal - wie ich und auch der Diri meint - erfolgreich angewendet. Sicher werden Profis oder erfahrenere Improvisateure vieles oder einiges anders machen.
    Hier noch mein "Fuschzettel". Für gut gemeinte Tipps bin ich dankbar, für andere eher nicht ;).
    Blues_Licks_D.jpg
     
    Cazzani gefällt das.
  10. ppue

    ppue Mod Experte

    Die beste Methode ist oft die eigene. Von daher machst du in meinen Augen alles richtig. Der eigene Weg hat den Vorteil, dass man kein konditioniertes Ergebnis bekommt, sondern dass er auch zu individuellen Lösungen führt. Ich habe das als Lehrer immer propagiert und versucht, mich im Grunde überflüssig zu machen.

    Man kann dem Schüler entweder jede Woche die nächste Etüde aufgeben oder ihn motivieren, seine Etüden selber zu erfinden. Mit dem Erfinden eigener Licks bleibt man authentisch und hat den meisten Spaß.
     
    OnkelSax, Alex_Usarov und Cazzani gefällt das.
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