Kirchentonarten lernen: Wie macht ihr das?

Dieses Thema im Forum "Improvisation - Harmonielehre" wurde erstellt von Dan, 11.Februar.2026.

  1. Dan

    Dan Ist fast schon zuhause hier

    Hallo zusammen,
    ich befasse mich gerade zwecks Improvisation mit den Kirchentonarten.

    Dabei fühle ich mich immer wieder wie ein Grundschüler, der rechnen lernt.

    Beispielsweise All Blues für das Tenorsax:
    Es finden sich verschiedene mixolydische Akkorde, also 5. Stufe, z.b. A7, D7, E7, G7.
    ...ich zähle (mit den Fingern, damit ich es nicht versemmle) 5 Stufen runter um die Tonart (erste Stufe) und damit ich die Vorzeichen bestimmen kann.

    Geht das einfacher oder sollte ich das Irgendwann besser auswendig können?
    Lernt ihr die Kirchentonarten "als ganzes" Stück für Stück auswendig?

    Bin für Tipps und auch Eselsbrücken dankbar.
    Hoffe dabei, dass ich dazu nicht ich den halben Sikora lesen und verstehen muss.

    Dan
     
  2. Werner

    Werner Strebt nach Höherem

    Irgendwann auswendig, also zB mixolydisch aus sich heraus begreifen, nicht erst durch Abzählen zur dazugehörigen Durleiter.
    Auf dem Weg dahin haben mir Patterns geholfen, mit Klärung der Akkordbezüge (aha, das ist gerade die Terz von G7 usw).
    Patterns, die (auch) stückchenweise, wie ein puzzle, nach und nach alle Grundtonbezüge klären. Also Pattern 1 mag zB die 1, 3, 5, 7 klären, Nr 2 die 1,2,3,4,5 usw. Zusammen werden nach und nach alle Töne geklärt, zunehmend gefestigt, und eben wie ein puzzle zum kompletten Bild zusammengesetzt.
     
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  3. Wanze

    Wanze Strebt nach Höherem

    Ich merke mir die 'typischen' Töne:
    z.B. mixolydisch: mixolydische Septime. Im Unterschied zur Dur Tonart hat Mixolydisch eine b7. Nix abzählen, sondern einfach die zugrunde liegende Tonleiter mit einer kleinen Septime spielen.
    oder dorisch: dorische Sexte. Dorisch hat als Unterschied zur natürlich Moll Tonleiter keine b6 sondern eine aufgelöste 6.

    Lydische Quarte: #4 , Dur
    Phrygische Sekunde b2, Moll

    Die Ausnahme ist lokrisch (das würde ich über X-7b5 spielen): das merke ich mir als Gegenstück zu Lydisch: alles mit b ausser der Quarte (und ausser dem Grundton, natürlich). (Lydisch wäre alles ohne Versetzungszeichen ausser der Quarte)

    Und, klar, @Werner hat natürlich recht, Ziel ist auswendig und als eigenständiger Klang verstehen.
     
  4. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Ich merke mir das so:

    dorisch, von D, Dur hätte 2 #, -> immer 2b mehr als Dur, bzw. 2 # weniger

    phrygisch, von E, Dur hätte 4 #, -> immer 4 b mehr als Dur, bzw 4 # weniger

    usw.

    dazu noch:
    dorisch, phrygisch, äolisch, lokrisch haben Moll Charakter
    die andern Dur Charakter.

    Gruß,
    Otfried
     
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  5. ppue

    ppue Mod Experte

    Gehe immer von dem tonalen Zentrum aus. Ist ein Stück in Dur, so hast du bestimmte Stufen, die zu der Leiter gehören. Stufen sind Akkorde auf den sieben Tönen der Durleiter.

    In C-Dur also

    C
    Dm
    Em
    F
    G
    Am
    Hdim


    Kommt die Septime dazu, sehen die Stufen so aus:


    Cmaj7
    Dm7
    Em7
    Fmaj7
    G7
    Am7
    Hdim7


    Fürs Improvisieren brauchst du nun die dazugehörigen sieben Kirchentonleitern, die du alle aus dem Effeff können solltest.

    Nein, Quatsch. Du kannst sie schon alle, weißt nur nicht, wie sie heißen. Ich weiß es auch nicht, denn das ist völlig Wurscht. Du spielst einfach nur die Töne der C-Dur-Leiter ab dem jeweiligen Grundton. Steht da also Em7, dann passt die Leiter E F G A H C D E.

    Diese Stufen haben in allen Dur-Leitern das gleiche Geschlecht und die gleichen Septimen. Selbst bei anspruchsvolleren Tonarten brauchst du also nur die zu Grunde liegende Tonart und den Grundton des Akkordes, um deine Leiter zu finden.

    Beispiel: Nehmen wir an, das Stück ist in E-Dur (zähle CGDAE -> 4 Kreuze) und da steht ein G#m-Akkord. Natürlich solltest du zuallererst jetzt die E-Dur-Leiter üben. Wenn du sie kannst, spielst du sie ab G#, also

    G# A H C# D# E F# G#

    Wenn du jetzt weißt, wie die Kirchentonleiter heißt, bekommst du noch einen Pluspunkt. Beim Spielen hilft dir das aber nicht.

    Passt ein Akkord nicht in dieses Stufensystem, dann solltest du schauen, welche Töne von diesem Prinzip abweichen.

    Großes ABER. Den Blues geht man etwas anders an, denn der hält sich eben gerade nicht an diese Stufen. Mach dich da eher mal mit Blues Scales kundig.
     
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  6. bthebob

    bthebob Strebt nach Höherem

    @Dan
    Idee:
    Was spricht dagegen, wenn du dich statt dessen konzentrierst

    auf die "Drei großen Skalen" nach Dave O'Higgins ?

    Dur / harmonisch Moll / melodisch Moll

    Einmal komplett rund um den Zirkel.

    Und ergänzen mit den drei Ganzton / Halbton Skalen
    und den zwei Ganzton / Ganzton Skalen

    Meine aktuell -besten Freunde- mit prägnantem Charakter sind.

    Die Hungarian scale und die Oriental.

    Brauchte ich für Musik der Band: "Die siebzehn Hippies"

    VG
     
  7. jabosax

    jabosax Ist fast schon zuhause hier

    Hallo @bthebob ,
    auch das ist eine Herangehensweise. Da dies keine Kirchentonleiternen sind, erkläre doch bitte kurz für die theoretisch noch nicht so weiten Lesern, was ist harmonisch oder melodisch Moll und Ganzton…
    Viele Grüße
    Michael
     
  8. Dsharlz

    Dsharlz Ist fast schon zuhause hier

    Tach Dan,

    ich verwend im training gern diesen Zettel - siehe attachment:
    linke Spalte die jeweilige (drunter die abweichenden Töne zur Durtonleiter m. gleichem Anfangston)
    rechte Spalte: die Durtonleiter m. gl .Anfangston z. Vergleich

    das finden meine Leute halbwegs übersichtlich, ev hilft das
    modale Grüße
    Dsharlz
     

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  9. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Moin,
    ich muss über diese Dinge nicht mehr nachdenken und weiß nicht genau, warum das so ist :)

    Jedenfalls habe ich massig diatonische Septakkorde in alle Richtungen, hin und her, her und hin gespielt. Ohne Approaches, mit approaches.

    Was ich auch gemacht habe, und das sollte man denke ich tun:
    Von allen Grundtönen alle Modes zu spielen.
    D.h. vom C Ionisch, Dorisch, Phrygisch etc......Dann ist es auch übersichtlicher, inwieweit sich die verschiedenen Dur- und Mollskalen unterscheiden - und man beginnt das auch sehr schnell zu hören, was ja das wichtigste überhaupt ist.

    Und singen sollte man die Modes natürlich auch können :)

    Gutes Gelingen!
     
  10. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Ah ja, die Eselsbrücke für die Jazzmusiker...


    I Don't Play Lame Music At Lunch! (wer's braucht..)
     
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  11. Dan

    Dan Ist fast schon zuhause hier

    Vielen Dank euch allen! - vor allem auch dafür, dass die Antworten nicht in ausufernde Abhandlungen der Theorie münden. Das hilft mir sehr, das Thema "Kirchentonarten" einigermaßen entspannt anzugehen.

    Da sind verschiedene Herangehensweisen, ich werde testen, welche für mich am besten funktioniert. :)

    Lg Dan
     
  12. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Erinnert mich an meinen kleinen Tick. Ab und zu summe ich 'Alle Jahre wieder' auf mixo #11.

    Grüße
    Roland
     
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  13. bthebob

    bthebob Strebt nach Höherem

    @jabosax
    Ich würde gern auf das Lehrmaterial von Dave O'Higgins verweisen.

    Dann kommt's aus erster Hand, ohne Umweg über meine holprigen Erklärungversuche.
    Bin ein bekennender "Jünger" seiner Materialien.

    Auf YT:
    Dave O'Higgins, Lehrmaterial "The Three Big Scales"

    Und wegen Ganzton / Halbton Skalen ....
    Am besten zu verstehen mit Klaviertastatur vor Augen.

    #1 beginnt mit -C-
    ...nächster Ton im Abstand von Ganzton = D / nächster Ton im Abstand von Halbton = Eb usw. bis zum höherem C.

    #2 beginnt mit -Cis-
    ... Prinzip wie in #1 ....

    #3 beginnt mit -D-
    ... Prinzip dito

    Der "Witz" ist, das diese Tonfolgen einen ganz eigenen Charakter haben.
    Nicht besser oder schlechter als Kirchentonarten, nur anders.

    Bei den beiden Ganzton-Folgen genau so, sind "schräg" im Klang.

    #1 .... C / D / E / Fis / Gis / Bb / C
    #2 .... Cis / Eb / F / G / A / B engl. / Cis

    VG



    #3 bginnte mit -D-
     
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  14. bthebob

    bthebob Strebt nach Höherem

    Die Zeile nach VG ist layout Fehler, Sorry
     
  15. Iwivera*

    Iwivera* Ist fast schon zuhause hier

    In der Physik lernt man alles logisch. (Hab ich von meiner Tochter). Da verwechsel ich lydisch und lokrisch nicht mehr. Lokrisch klingt ja fast wie logisch. Und phrygisch passt gut zu Physik.
     
  16. Juju

    Juju Strebt nach Höherem

    Die Kirchentonarten sind eher im Kontext des modalen Jazz zu verstehen. Wenn Du schon bei Miles' Kind of Blue bist, dann würde ich mir für Kirchentonarten eher Flamenco Sketches vornehmen, weil das tatsächlich eine bahnbrechende modale Komposition ist und von der Funktionsharmonik weg ist und wirklich die Farben dieser unterschiedlichen Skalen nebeneinanderstellt.
    Für alles, was im Jazz mit Funktionsharmonik zu tun hat, würde ich die Finger von den Kirchentonarten lassen und mich im wesentlichen auf die Funktion der Tonika vs die Funktion der Dominante konzentrieren (die Mollstufe ist als austauschbar mit der Dominanten zu sehen), Damit vereinfacht sich die Sache schon deutlich. Von daher würde ich die x7 Akkorde in einem Blues oder irgendeinem Standard auch eher als Dominantseptakkorde bezeichnen.
    Und ja, die harmonisch und melodisch Moll sind auch noch da und haben wiederum ihre eigenen Stufen, was es dann wieder komplizierter macht...
    LG Juju
     
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  17. tehjay

    tehjay Kann einfach nicht wegbleiben

    ...hier wurde sicherlich schon viel richtiges geschrieben, meine Ergänzung wäre: Kirchentonleitern helfen gerade beim Einstieg in die Improvisation -nach meiner Erfahrung- eher wenig bis gar nichts. Der m.E. geeigneteste Start ist die Pentatonik und Blue-Scales. Wenn das sitzt kann man sich, gemäss dem Motto -Chords are melody und melody are chords-, mit den Terzschichtungen eines tonalen Zentrums (= den von ppue aufgezählten Vierklang-Arpeggios) beschäftigen. Wenn das sitzt und man in der Lage ist z.B. bei 8tel-Läufen auf den starken Downbeats die Chord-Tones (Guidetones) zu spielen, ist es fast egal bzw. Individualgeschmack, welche Zwischentöne auf den Upbeats garnieren.....
     
    Zuletzt bearbeitet: 11.Februar.2026
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  18. gaga

    gaga Gehört zum Inventar

    Ich kenne die meisten dieser Skalen wenig bis gar nicht, obwohl ich viel und relativ geläufig improvisiere. Eine meiner Mollskalen ist dorisch, aber die leite ich wie alle anderen von der Mutter der Tonleitern ab, brauche sie auch kaum mal anders als bei modalem Gespiele. Die nach Dur für mich zweitwichtigste ist harmonisch Moll, dann Melodic Minor. "Natürlich" Moll ist so natürlich, dass es gar nicht vorkommt.
     
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  19. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Nur so rum macht es meines Erachtens für den Einstieg Sinn, zu einem Grundton eine Tonleiter bilden können. Der Umweg über eine irgendwie verwandte Tonleiter kostet zu viel Zeit. Später kommt dann vielleicht schon mal die Idee, dass D-Moll mit Dorisch über G7 eine Farbe erzeugt, obwohl das Tonmaterial gleich ist. Aber das macht für das schnelle erkennen gar keinen Sinn.

    Und das andere ist, wie @Juju schreibt, zu erkennen, wo die ganzen Skalen eher im Weg sind und man sich besser nicht mit diesem Ballast volllädt, wenn Zusammenhänge ZWISCHEN den Akkorden eigentlich wichtiger sind.
     
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  20. Guido1980

    Guido1980 Ist fast schon zuhause hier

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