Das Saxophon in der Protestmusik

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von Cazzani, 15.Februar.2026 um 00:20 Uhr.

  1. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    Auf der Seite des Mundstück-Herstellers Syos gibt es manchmal musikgeschichtliche Aufsätze mit Verbindung zum Saxophon. Aktuell: The Saxophone’s Place in Protest Music.

    Ich finde das anregend, zumal auch große Namen der Jazz-Geschichte auftauchen. Ich hoffe, dass das fürs Forum nicht zu politisch ist. Ich hätte es auch im thread "Was hört Ihr gerade?" veröffentlichen können - viele im Aufsatz als Meilensteine genannte Musikstücke sind auf Youtube zugänglich.

    Da der Text lang ist und dort nur auf Englisch und Französisch zur Verfügung stellt, habe ich die deutsche Übersetzung hier angehängt.
     

    Anhänge:

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  2. Woliko

    Woliko Strebt nach Höherem

    Wer das Thema vertiefen möchte, dazu das Buch von Peter Kemper, The Sound Of Rebellion, Zur politischen Ästhetik des Jazz, erschienen bei Reclam.
     
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  3. Ebeso49

    Ebeso49 Nicht zu schüchtern zum Reden

    Moin,
    Absolut lesenswerter Text !!!
    Werde mir die Tage mal die aufgelisteten Musikstücke unter diesem Gesichtspunkt (Rebellion-/Protest) anhören. Danke für Bereitstellung des Artikels.
     
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  4. AltoBari

    AltoBari Ist fast schon zuhause hier

    @Ebeso49
    Ich mag Dein Avatar mit der Meise auf der Schulter...sieht man auch nicht alle Tage...nur so nebenbei bemerkt ;-)
     
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  5. ppue

    ppue Mod Experte

    Gleich mal zu Anfang:

    "Als die Nazis 1933 in Deutschland die Macht übernahmen, war das Saxophon bereits ein Symbol für Jazz und afroamerikanische Kultur. Es wurde als „entartete Kunst“ bezeichnet und verboten."

    Das Saxophon wurde nicht verboten, allerdings stark diffamiert und boykottiert. Das Reichspropagandaministerium aber erkannte den Wert der populären Tanzmusik, weshalb Saxophone in der sogenannten „guten deutschen Tanzmusik“ durchaus erlaubt waren. Goebbels nutzte sogar Jazzbands (mit Saxophonen) für Propagandaaufnahmen, um die Alliierten zu demoralisieren.

    aus Guido Fackler
    ZWISCHEN (MUSIKALISCHEM) WIDERSTAND UND PROPAGANDA -
    JAZZ IM -DRITTEN REICH"·

    https://opus.bibliothek.uni-wuerzbu...d/3985/file/Fackler_Widerstand_Propaganda.pdf

    "Ökonomische Sachzwänge

    Wirtschaftliche Gründe führten insbesonders zu einer großzügigen Auslegung bzw.
    einer Vernachlässigung ideologischer Grundpositionen. So bekämpfte das Regime in
    den ersten Jahren nationalsozialistischer Diktatur intensiv das Saxophon, das erst durch
    seinen Gebrauch in Jazzbands europaweit verbreitet worden war. Sein besonderer
    Klang galt als besonders dekadent, denn "das einen Teil der heutigen Unterhaltungs-
    und Tanzmusik beherrschende Instrument verleiht [ ... ] einem Musikstück meist einen
    weichlichen, qualligen, zuweilen ungesunden, schwülen Klang, der von sehr vielen
    Freunden der Musik gänzlich abgelehnt wird." (Alfred Weidemann z. n. Wulf 1983,
    398). Die Kritiker hatten mit ihren Hetzartikeln einen unvorhergesehenen Erfolg: Das
    Saxophon wurde boykottiert; die deutschen Hersteller standen vor dem Ruin. Nun
    erschienen wiederum Erklärungen und Beiträge, unter anderem von Hans Hinkel, die
    das Saxophon rehabilitieren sollten; schließlich galt es, einen bedeutenden Zweig der
    Musikinstrumentenbranche zu retten. Manch einer schoß in seinem Rehabilitierungs-
    eifer über das Ziel hinaus und deutschte den belgischen Erfinder des Saxophons,
    Adolphe Sax, im Westdeutschen Beobachter vom 4.7.1935 kurzerhand ein}S
    Ökonomische Überlegungen führten ferner dazu, daß Jazzmusik nicht prinzipiell und
    ," HiDkels Erlaß ist abgedruckt in: Wulf 1983, 289; Schröder 1988, 182, Amn. 4; der Artikel im
    Westdeutschen Beobachter vom 4.7.1935 in: Wulf 1983,386. Die Kampagnen gegen das Saxophon
    trafen mit Sigurd M. Rascher auch einen bekannten Interpreten des klassischen Saxophons, der sich
    in einem Artikel von 1935 für das Saxophon eingesetzt hatte. Rascher emigrierte, weil er sn der Tür
    seiner Wohnung einen ZeUel mit folgender Aufschrift fand: "Saxophon - Kommt von Kohn - Weg
    davon" (VentzkelRaumbergerlHilkenbach 1987, 146, vgl. 142).
    452
    konsequent aus den Medien verbannt wurde. Trotz des Jazzverbots von 1935 "liefen
    selbst im deutschen Rundfunk viele der damals populären Swing-Nummern, mit
    verdeutschten Titeln und in nachproduzierten Versionen, wobei die Autorennamen der
    Originale selbstverständlich unterschlagen wurden" (Wicke 1987,423). "
     
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  6. Katzenmusiker

    Katzenmusiker Admin Mod

    Kein Problem, das ist ein ein hochinteressantes Stück Gesellschafts- und Zeitgeschichte.
     
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  7. altblase

    altblase Strebt nach Höherem

    Es ging eher darum, wie das Saxophon nicht (!) als Klangkörper eingesetzt werden sollte!

    Zur Erinnerung: Die Luftwaffenmusikkorps der der Wehrmacht wurden allesamt mit einem Saxophonsatz besetzt. Der Musikinspizient Felix Husadel konnte sich da durchsetzen. Symphonische Blasmusik brauchte nach seiner Ansicht den Saxophonsatz. Bei den Luftwaffenmärschen von Husadel tritt im Trio der Saxophonsatz in den Vordergrund.:cool:
     
    Matthias Wendt gefällt das.
  8. cwegy

    cwegy Ist fast schon zuhause hier

    Gibt es denn aktuelle Saxophonisten in der Protestszene? Klar, viele, auch hochkarätige Kulturschaffende sind sehr aktiv, aber spielt der Jazz, bzw. das Saxophon in der heutigen Zeit dort eine Rolle?
     
    Ebeso49 gefällt das.
  9. ppue

    ppue Mod Experte

    Das Saxophon insbesondere spielt wohl keine bedeutende Rolle mehr.

    Was mir in dem Bericht fehlt, ist die Rolle des Recording Bans, des 2. Weltkrieges und damit die Emanzipation des Jazz durch den Bebop als erste afroamerikanische Kunstform, die erst nach 1945, meist auf Independent-Labels, dokumentiert wurde. Nach der kommerziellen Ausbeutung des Jazz in der Swingaera ist das für mich die zweite Geburtsstunde des Jazz und die Grundlage für all die schwarzen Musiker, die in dem Bericht erwähnt sind.
     
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  10. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    Gute Frage. Ich habe jetzt nicht viel Zeit zum Recherchieren. Erste Ideen:

    Banda Comunale in Dresden


    Dota Kehr mit Bigband


    Das sind keine Promis am Sax. Aber es zeigt, was im Artikel auch an mehreren Stellen benannt wird: Das Saxophon kann beim Protest zur guten Laune und zur Mobilisierung beitragen.
     
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  11. ppue

    ppue Mod Experte

    Für mich hat das Musizieren immer einen politischen Aspekt. Mir ist das gemeinschaftliche Musizieren wichtiger als mein persönlicher Sound oder das Solieren.

    Das Orchester Pension Tina gibt es seit Ende der 1970er Jahre und es besteht noch heute, spielt Weltmusik und man sagt ihm eine linke Gesinnung nach. Es spielte auf mannigfaltigen Demonstrationen gegen den Bayerkonzern, gegen Dünnsäureverklappung, im Häuserkampf, für Antifaschismus und internationale Begegnung und ist bis heute politisch engagiert.
    Noch nicht so alt, aber in ähnlicher Tradition stehen die Kölner Blasorchester "Dicke Luft" und die "Schäl Sick Brass Band".

    https://pension-tina.eu/wp-content/uploads/2025/03/2014-Okester-Pension-Tina.mp4
     
  12. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    "Political Blues" vom World Saxophone Quartet

     
  13. Cazzani

    Cazzani Ist fast schon zuhause hier

    Ja. Wenn das so weitergeht, ist handgemachte Musik von Menschen ohne KI demnächst ein subversiver Akt.
     
  14. Alex_Usarov

    Alex_Usarov Ist fast schon zuhause hier





    Es ist kein Jazz. Aber es ist Saxophon in Protestmusik der Moderne.
     
  15. Alex_Usarov

    Alex_Usarov Ist fast schon zuhause hier

    Eines der wichtigsten Proteststücke der letzten Zeit für mich. Bläser sind jedenfalls dabei. Saxophon? Kann ich nicht feststellen.

     
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  16. Bb7

    Bb7 Ist fast schon zuhause hier

    Tja...die Erinnerungen, ich habe damals, ganz frisch in Berlin in einer Samba Rhythmusgruppe mitgetrommelt, waren sicherlich so um 50 Leuts und das Ganze wurde 1 x wchtl. unter professioneller ( so mein damaliger Eindruck) Anleitung geübt. Es wurde schon viel Wert auf exaktes timing gelegt.
    Wir spielten ziemlich oft auf Demos und linken Polit Veranstaltungen, die Anfragen häuften sich. Durch diese Sambagruppe bin ich zum Sax gekommen, denn eine Bläsersektion war auch dabei und das hat mich schon gereizt und ruckzuck hatte ich ein Tenorsax.
    Der einzige von uns gespielte Titel, der mir heute noch einfällt, ist african market , der ist ja auch bekannt.



    Wir wurden damals von der "Rennleitung" öfters mehr oder weniger nachdrücklich gebeten, die Musik doch bitte zu unterlassen, weil es die Stimmung enorm anheizt, im guten wie im schlechten Sinne und das haben wir auch manchmal hautnah mitbekommen.War nicht immer gut.
    Die Musik hat aber Spass gemacht und es war ne gute Gruppe, aber als politische Arbeit habe ich das nie gesehen, da reicht bisschen Musik machen auf Demos doch nicht, uns ging es doch eh allen ziemlich gut.
    Es gab in der Vergangenheit natürlich schon Verbindungen von Musik zur Politik, die durchaus wichtig waren und wo regelrecht "Kämpfe" begleitet wurden, aber zu unserer Zeit in den 80 iger Jahren war das iwie alles schon ein bisschen weichgespült. So meine Erinnerung.
    Heute bekomme ich eine wirkliche Verbindung von Musik zur Politik nicht mehr mit oder ich höre halt nicht mehr hin?
    "Ein bisschen Frieden" reicht da bestimmt nicht :) o_O

    Gerade gelesen....ja Alex, Fela Kuti, der Vater war schon iwie politisch motiviert , der mit seinem Staat in dem Staat....... ich hätte ihn damals in Ghana fast kennenglernt, aber letztlich war alles zu kompliziert mit Aufenthalt und was weiss ich.....uns wurde als band auch abgeraten, nach Nigeria zu reisen.
    Ich habe damals die Musik von Fela gemocht, seine Lebensweise war mir immer ein bisschen suspekt.
     
  17. Kohlertfan

    Kohlertfan Strebt nach Höherem

  18. JTM

    JTM Ist fast schon zuhause hier

    Tatsächlich habe ich noch irgendwo solch ein Sax mit einem eingravierten Hakenkreuz (leider),in den 80er jahren habe ich das sogar gespielt und das Hakenkreuz dabei abgeklebt. ,es hatte einen Arsch voll zusätzlicher Trillerklappen und war vernickelt. Aber seit den 90ern habe ich das nicht mehr angefasst. Müsste bei meinem Onkel in Hannover auf dem Dachboden liegen. Da hatte ich es damals hinverbannt.War eh kein tolles Sax
     
  19. Kohlertfan

    Kohlertfan Strebt nach Höherem

    "Das Saxophon in der Protestmusik" heißt der Thread. Und dann das Luftwaffenmusikkorps der Wehrmacht. Gegen wen oder was genau haben die protestiert?
     
    cwegy gefällt das.
  20. cwegy

    cwegy Ist fast schon zuhause hier

    *edit
     
    Zuletzt bearbeitet: 18.Februar.2026 um 12:25 Uhr
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