Moloko Saxophongurte mit Spreizer

Artikel in 'Tipps, Tricks & Tests', hinzugefügt von matThiaS, 4.Oktober.2019. Current view count: 9216.

Ein Testbericht von saxhornet

Moloko Saxophongurte mit Spreizer:

Es ist schon ein Weilchen her, da kam eine Schülerin zu mir in den Unterricht mit einem interessant aussehenden Halsgurt mit eingewobenen farbigen Lederstreifen. Der Gurt sah nicht nur toll aus, auch der Tragekomfort war sehr gut. Die Schülerin erzählte mir, dass sie diesen Gurt im Saxophonforum gewonnen hätte und die Person, die die Gurte herstellen würde, dort auch selber ab und zu als
Forumsmitglied aktiv sei. Das weckte meine Neugier, denn bis jetzt waren mir diese Gurte noch nirgendwo begegnet und ich versuche immer wieder neue Gurte in diversen Läden auszuprobieren, immer auf der Suche nach etwas, was man Schülern mit gutem Gewissen empfehlen kann. Nach kurzer Recherche erfuhr ich, dass es sich bei der Herstellerin des Gurtes um Anja Röhrig aka Moloko handelt.
Etwas später lernte ich dann auf einem meiner Workshops Anja Röhrig persönlich kennen, die sich als Teilnehmerin angemeldet hatte. So kam ich mit ihr ins Gespräch und konnte mir einen Eindruck machen von dem Enthusiasmus, mit dem sie sich der Gurtproduktion (und der Herstellung von Taschen) widmet. Als sie dann hier im Forum ihren neuen Gurt mit Spreizer vorstellte, dachte ich, es wäre mal an der Zeit, Ihren Gurt einem gründlichen Test zu unterziehen.

Eigentlich bin ich nicht so der große Freund von Halsgurten, zumindest nicht, wenn man viel übt und über viele Stunden unterrichtet, denn dabei ist die Belastung für die Halswirbelsäule nicht gerade gering. Insofern ist mir bei Halsgurten extrem wichtig, dass die Belastung optimal verteilt wird und der Gurt anatomisch so sinnvoll entworfen wurde, dass er die oberen Wirbel des Halses möglichst wenig bis gar nicht belastet.

Wer jetzt mit dem Begriff Spreizer nichts anfangen kann: manche Spieler haben das Problem, dass die Kordeln eines Gurts am Hals unangenehm drücken können (das hängt vom Gurt aber auch der Halsbreite oder generell der Anatomie des Spielers ab). Als Lösung gibt es Saxophongurte, wo die Ausführung des Verstellers für die Gurtlänge deutlich breiter als gewöhnlich ausfällt, dadurch vergrößert sich der Abstand der beiden Kordeln zueinander und die Kordeln drücken weniger oder gar nicht mehr auf die Seiten des Halses.

Ich habe mittlerweile mit einem Testexemplar von Anjas Gurt einige Zeit (einige Monate, sonst hätte es ja keine Aussagekraft) verbracht und darunter auch viel Rücksprache mit Anja gehalten und war dann vor kurzem überrascht, als ich ganz unerwartet eine weitere Version mit kleinen Veränderungen im Briefkasten fand. Ich werde hier im Test beide Versionen vorstellen.

Beide Gurte haben die Variante des Spreizers als Versteller, unterscheiden sich nur in der Gurtform, sprich im Schnitt des Leders. Der eine Gurt hat mehr eine V-Form vom Schnitt her (genau im Nackenbereich ist die Spitze des V, die Richtung Rücken zeigt), ähnlich wie der Just Joe Gelgurt geschnitten ist, während der andere in der Breite im Halsbereich unverändert ist.


Verarbeitung, Material und Polsterung:

Kommen wir erst einmal zu den Gemeinsamkeiten.

Das verarbeitete Leder ist laut Anja Röhrig zertifiziertes Öko-Leder und trägt sich sehr angenehm auf der Haut. Wie oft hatte ich schon Gurte in der Hand, die nagelneu erst einmal unangenehme Gerüche von behandeltem Leder absonderten. Dieser Chemiegeruch der einem bei manchem Produkt entgegen strömt, tritt hier nicht auf, dank dem Ökoleder. Dass das Leder so hochwertig ist, wissen diejenigen zu schätzen, die
einen Gurt auch mal direkt auf der Haut tragen, gerade auch während eines Auftritts, bei dem man viel schwitzt. Leder wird oft mit Chemie behandelt (bzw. mit schwermetallhaltigen Mineralien gegerbt), das kann dann direkt auf der Haut sehr unangenehm werden, wenn man z.B. auf die verwendeten Chemikalien reagiert. Manche der verwendeten Substanzen können auch gesundheitsschädlich sein. Insofern weiß ich es bei einem Gurt extrem zu schätzen, wenn das Leder nicht in Chemie ertränkt wurde, gerade auch weil ich bei so manchem Pop-Gig doch ganz schön schwitze bei den Showeinlagen und der Hitze auf der Bühne.

Die verarbeiteten Materialien wirken hochwertig und die Verarbeitung scheint sehr gut zu sein. In den Monaten, wo ich ihn genutzt habe, konnte ich in punkto Material und Verarbeitung nichts finden, was ich kritisieren könnte, und das sah bei manch anderem Gurt, den ich genutzt habe, schon ganz anders aus.

Das Leder ist angenehm weich. Der Gurt ist zusammengesetzt aus 2 unterschiedlichen Lederteilen. Der innere Bereich ist heller und ungefärbt und das äußere Leder ist dunkler und gefärbt. Es gibt von dem Außenleder verschiedene Farbvarianten zum Wählen. Ein Abfärben auf Hemden (weiß) habe ich nicht feststellen können. Im Bereich wo der Gurt hinten auf dem Hals aufliegt, gibt es auf jeder Seite ein kleines Polster, wodurch die direkte Belastung der Wirbelsäule in dem Bereich nochmals reduziert wird. Die Polster sind von der Größe so, dass sie im Schulterbereich nicht drücken. Der Spreizer ist aus eloxiertem Metall in gebürsteter Optik, der von Betrieben aus der Region im Umfeld von Anja Röhrigs Produktionsort nach ihren Vorgaben hergestellt wird. Den Spreizer hat Anja Röhrig zusammen mit Ingenieur Eduard Mesnjak entwickelt, der im Forum als „kokisax“ unterwegs ist (und auf dessen Initiative der Spreizer entstanden ist). Die Formstabilität ist, so die Aussage von Anja Röhrig, mit rund 200 kg berechnet, entsprechend der Reißfestigkeit der Kordel, die für die Gurte verwendet wird. Die Breite des Spreizers von ca. 10 cm ist in meinen Augen gut gewählt und selbst bei meinem breiten Hals angenehm.

Auch die Höhenverstellung macht keine Probleme und gibt nicht nach, was sehr wichtig ist und bei manch anderem Gurt ein Problem sein kann (es macht einfach keinen Spaß zu spielen, wenn dauernd beim Spielen das Saxophon nach und nach anfängt nach unten zu rutschen).

Der Karabinerhaken ist die von mir bevorzugte Variante aus glasfaserverstärktem Kunststoff (kein Problem mit durchgescheuerten Ösen oder brechenden Karabinern, zumindest habe ich das bei dem Material noch nie erlebt).

Zu beziehen ist der Gurt derzeit noch primär über Anja Röhrig selber. Die Gurtlänge kann auf Wunsch angepasst werden, was sehr praktisch ist, denn oft ist eine Größe nicht für alle Körpergrößen und –maße gleichermaßen sinnvoll. Ich persönlich bevorzuge auch oft bei Alto eine andere Länge als bei Tenor, wenn die Länge perfekt sein soll. Eine Länge für beide geht, ist aber oft dann doch ein, wenn auch sehr kleiner, Kompromiss. Auch kann bei einer Bestellung aus einer gewissen Anzahl von Farben gewählt werden und man kann sich auch für einen anderen Versteller entscheiden (z.B. einen „normalen“).

Tragekomfort:

Halsgurte und Tragekomfort sind immer so ein Ding. Die meisten Saxophonisten kommen oft erstmalig mit einem Halsgurt in Kontakt, wenn sie zum ersten Mal in ein Saxophon blasen und dabei den Gurt nutzen, der im Koffer liegt. Häufig sind das aber eher Folterwerkzeuge mit fragwürdiger Passform und mangelnder Ergonomie. Bei diesen Gurten sitzt der Gurt meistens sehr hoch auf dem Hals und drückt direkt genau auf die Wirbel, die in diesem Bereich langfristig nur wenig Belastung vertragen. Ein guter Halsgurt sollte, in meinen Augen, möglichst tief, Richtung Schultern, sitzen, so dass der mittlere und obere Bereich des Halses möglichst wenig bis nichts vom Gewicht trägt. Die Hauptlast sollte meiner Meinung nach eher der untere Teil des Halses Richtung Schultern tragen. Hierfür muss der Schnitt des Gurtes stimmen.

Wird hier der Passform zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, sitzt der Gurt zu hoch auf dem Hals oder schneidet in den Hals oder drückt auf die Brust.

Das Leder von Molokos (aka Anja Röhrig) Gurt ist sehr weich und passt sich der Halsform sehr gut an. Hartes Leder neigt gerne dazu, stärker im Halsbereich einzuschneiden, das passiert bei diesem Gurt nicht. Was ich bei diesem Gurt sehr schätze, ist, dass die Länge des Lederteils Richtung Kordeln sehr gut gewählt ist, denn in Verbindung mit dem weichen Leder passt sich der Gurt so gut meinem Körper an und die Enden, wo die Schnur befestigt ist, sitzt nicht so, dass diese Stellen auf die Brust drücken.

Ich hatte keine Probleme den Gurt von der Länge her einzustellen, um das Saxophon auf die richtige Höhe zu bekommen. Und viel wichtiger, einmal eingestellt, gibt der Gurt nicht nach, er hält die Höhe des Saxophons problemlos. Bei anderen Gurten mit Spreizer hatte ich schon mehrfach, dass sich die Höhe gerne leicht wieder verstellte.

Insgesamt habe ich den Tragekomfort als sehr angenehm wahrgenommen bei beiden Gurten.

Was macht der unterschiedliche Schnitt aber jetzt aus zwischen der geraderen Version und dem V-Schnitt. Oft ist es auch eine Frage des Geschmacks und des eigenen Körperbaus, was für einen Gurt man bevorzugt. Für mich war der normale Gurt schon sehr gut, der in V-Form aber war noch angenehmer zu tragen, weil er bei mir noch etwas tiefer saß. Er kommt für mich dem perfekten Gurt schon sehr nah.

Wenn ich viel unterrichte und übe nutze ich im Normalfall eher Gurte, wo der Hals gar nicht belastet wird und greife zu Halsgurten eher bei Auftritten, Bandproben oder wenn ich nur kurz übe. Ich habe für meine Übungs- und Unterrichtseinheiten zu Testzwecken einfach mal die Gurte von Anja Röhrig benutzt und musste gerade bei der V-Form feststellen, dass ich den Gurt fast gar nicht mehr wahrgenommen habe und auch die Belastung bei längeren Zeiträumen sich erstaunlich geringer anfühlte als ich angenommen hätte. Normalerweise merke ich dann nach 2-3 Stunden Unterricht schon den Hals deutlich, das war hier nicht der Fall. Ich habe darauf geachtet, den Gurt sehr tief im untersten Bereich des Halses, fast auf den Schultern, zu haben und fühlte mich dann mit dem Gurt pudelwohl. Aber auch der Sitz des „normalen“ Gurtes war über längeren Zeitraum angenehm.

Bei Auftritten macht der richtige Gurt für mich viel aus, je unwohler der Tragekomfort für mich ist, desto weniger kann ich mich beim Spielen fallen lassen und einfach nur noch spielen. Bei Konzerten habe ich beide Gurte teilweise gar nicht wahrgenommen, was super ist aber auch hier gefiel mir der mit V-Schnitt einen Ticken besser.




Optik, Auftritte, länger Proben:

Ich hatte bei Auftritten mit den Gurten nur gute Erfahrung. Tragekomfort und Anwendung ließen kaum Wünsche offen.

Beide Gurte ließen sich gut unter dem Hemdkragen tragen, die Poster von der Dicke her waren kein Problem. Auch optisch ist der Gurt in der Testausführung optimal, weil er nicht massiv auffällt, was ich bei vielen Auftritten bevorzuge, gerade wenn es Auftritte mit Anzug sind.

Ich habe den Gurt nicht mit einem Baritonsaxophon getestet, da ich generell Bariton nicht mit Halsgurt spiele und immer wieder erstaunt bin, wie andere das hinbekommen. Mir ist da die Belastung der Halswirbelsäule einfach zu hoch.

Am Tenor, Alto und Sopran war ich mit beiden Gurten sehr zufrieden und würde mir wünschen, dass in jedem Saxkoffer von Anfängern gleich am Anfang ein Gurt in dieser Qualität liegen würde.

Fazit:

Tragegurte für Saxophone, ob nun Halsgurte oder Schultergurte etc. sind immer eine sehr individuelle Sache was den Geschmack angeht. Das hat oft auch mit der unterschiedlichen Anatomie zu tun oder ob z.B. Schädigungen oder körperliche Probleme in irgendeiner Form vorliegen. Deswegen ist es immer wichtig Gurte auszuprobieren und einen zu nutzen, der vom Tragekomfort für einen selber ideal ist.

Den großen Vorteil bei den Gurten von Anja Röhrig sehe ich nicht nur im hohen Tragekomfort, sondern auch, dass man diesen Gurt in ein paar Dingen anpassen lassen kann, z.B. was die Kordellänge angeht, was für den einen oder anderen Spieler sehr hilfreich sein kann, da diese nicht für alle Körpergrößen gleich sein kann.

Für mich gehört Anja Röhrigs Gurt mit Spreizer in beiden Varianten mit zu den besten Halsgurten, denen ich bis jetzt so begegnet bin. Ich persönlich bevorzuge ganz leicht den V-Schnitt.

Preislich halte ich den Gurt für 69,90 Euro für sehr fair. Für den Preis von ungefähr 3 Schachteln (10 Blätter pro Packung) erhält man einen handgefertigten Gurt aus Ökoleder mit sehr gutem Tragekomfort, wo man auch noch die Gurtlänge und Farbe individualisieren lassen kann. Da kann man einfach nicht meckern.

Oft erlebe ich auf Workshops, dass Teilnehmer bereits einen von Anja Röhrigs Gurten nutzen und ebenfalls nur gute Erfahrungen gemacht haben.

Ich für meinen Teil bin froh, dass ich diese kennengelernt habe und werde sie auch weiterhin intensiv nutzen.
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