Die Bezeichnungen der Saxophon-Epochen

Dieses Thema im Forum "Saxophone" wurde erstellt von ppue, 15.April.2026 um 12:41 Uhr.

  1. ppue

    ppue Mod Experte

    Vor ein paar Jahrzehnten hatten wir kaum Schwierigkeiten, Vintage- und moderne Saxophone zu unterscheiden. Immer häufiger stellt sich dieser Tage die Frage, was denn überhaupt ein Vintage-Saxophon ausmacht? Und mir stellt sich die Frage, warum die Antwort darauf um die Jahrhundertwende so viel einfacher war als heute.
    Ein Grund dürfte der sein, dass z.B. das Selmer Balanced Action schon vor 90 Jahren entdeckt wurde und somit gefühlsmäßig heute zum alten Eisen gehört.

    Als ich Ende der 60er Jahre zum Saxophon kam, waren Selmer und Buffet Crampon Saxophone für mich Instrumente mit mordernster Technik und hoben sich stark von den Modellen ab, die, ja, man könnte sagen, eine Vorkriegsmechanik hatten.

    Der Ausdruck "Vintage" kommt von "vendage" aus dem Französischen und bedeutet die "Weinlese", die sich auf einen bestimmten Jahrgang bezieht. Grundlegende Neuerungen im Saxophonbau aber brauchen eine gewisse Zeit, bis sie sich durchsetzen und so wird eine zeitliche Einordnung auf einen bestimmten Zeitpunkt schwierig.

    Mit Recht schreibt @slowjoe

    Es ergibt also wenig Sinn, feste Zeitpunkte für die unterschiedlichen Begriffe zu definieren, da sie die grundlegenden Veränderungen nicht berücksichtigen.

    Berücksichtigt man aber eben diese Neuerungen, so ergibt sich ein Bild, das eine klare Einordnung zulässt. Grundlegend hat sich an den Saxophonen seit ihrer Erfindung gar nicht viel verändert. Form, Klappenanordnung, Mundstück, ... das sind alles Elemente, die heute noch ganz ähnlich gebaut werden.

    Es gibt aber zwei mechanische Innovationen, die aus den ständigen kleinen Veränderungen der Instrumente herausragen.

    Zum einen ist es die Oktavmechanik, die es erlaubt, mit einer Taste zwei verschiedene Oktavklappen zu steuern. Früher gab es für beide Oktavklappen eigene Taster, die man, entsprechend der Tonhöhe im oberen Register, selber wechseln musste. Das Patent für Evette & Schaeffer (Buffet Crampon) wurde 1888 eingetragen.

    Zum anderen ist es die Mechanik der Becherklappen, deren Bedienung im ersten Jahrhundert der Geschichte des Saxophons größte Mühe für den linken kleinen Finger bedeutete. Ich nenne es immer, die "obere Nockenwelle" und meine damit das Verlegen der Bechermechanik über die Taster für die rechte Hand Mitte der 30er Jahre.

    Wie gesagt, sind die Neuerungen nicht aufs Jahr, ja, noch nicht einmal aufs Jahrzehnt festzulegen, dennoch scheinen sie mir die beste Orientierung zu geben, die Epochen des Saxophons klar voneinander abzugrenzen und diese somit klar zu definieren und zu benennen.

    Einigermaßen parallel zu diesen Entwicklungen verlagerte sich die Herstellung des Saxophons in verschiedene Länder.

    Saxophon-Epochen.jpg
     
  2. slowjoe

    slowjoe Strebt nach Höherem

    @ppue
    Ja, aber...
    Seit 1936 baut Selmer die heute allgemein als "modern" bezeichnete Mechanik.
    Die Selmers dieser Epoche (Ba, SBA) werden allgemein unter der Rubrik "vintage"
    eingestuft. Dürfte nach Deiner Klassifikation nicht sein.

    Die SBA wurden bis 1955 gebaut. Die nachfolgenden MK VI unterschieden
    sich nach Deiner Einstufung nicht von den Vorgängermodellen SBA, trotzdem gehen da die
    Diskussionen "vintage oder nicht" los.

    SloowJoe
     
    giuseppe gefällt das.
  3. ppue

    ppue Mod Experte

    Lass es doch so unscharf stehen, wie ich es definiert habe. Meine Definition zu schärfen, bedeutete nur weitere Unschärfe.

    Für mich unterscheiden sich SBA und Mark VI nicht in wesentlichen Punkten. Und mir ist auch relativ egal, ob darüber diskutiert wird. Das Entscheidende an der neuen Mechanik war halt die Verlegung der Bechermechanik. Inline-Outline z.B. sind Resultate dieser Verlegung und wenig bedeutend.
     
  4. JTM

    JTM Ist fast schon zuhause hier

    Ist ein nagelneues Selmer Supreme in 100 Jahren nicht auch ein vintage Saxophon ? :rolleyes:
     
  5. Silver

    Silver Gehört zum Inventar

    Ja, aber nicht ganz…;)

    Die Balanced Action kam 1935, die wegen der Platzprobleme vorgenommene Drehung der rechten Hand 1946 mit dem Super Action und die Anpassung des Winkels des Kleinfingertisches in einem ersten Schritt 1955 mit dem Mark VI und in die echte „Moderne“ erst 1975 mit dem Mark 7.

    Wenn man also so argumentieren will, beginnt die Moderne 1975 mit dem Mark 7 als Vorbild für die diversen Kopien.
    Das Mark 7 hat den Korpus und das Tonlochnetz vom (späten) Mark VI.

    Der damals größte Herausforderer kam aus Japan, dessen YxS61 in den späten 1970ern als „billige Mark VI Kopie“ gescholten wurde. Der Nachfolger YxS62 kam erst sehr spät in den 1970ern oder Anfang der 1980er.
    Auch die Buffet S1 kamen erst Anfang/Mitte der 1970er auf den Markt. Bis dahin hatte auch Buffet keine „Balanced Action“ sondern die umgelenkte „SuperDynaction“ wie auch SML und alle anderen.

    Das könnte daran liegen, dass Selmer so schlau war, die Balanced Action patentieren zu lassen und das Patent erst in den 1970ern auslief.


    Das wären so ein paar Aspekte, die mich die @ppue sche Tabelle im Mittelteil etwas zu schlicht finden lässt.
     
  6. saxfax

    saxfax Strebt nach Höherem

    Ich frage mich gerade, ob in der @ppue schen Tabelle bei der Postmoderne statt Thailand nicht Taiwan gemeint ist? :rolleyes:

    Ansonsten kann man so eine Tabelle sicher beliebig ausdifferenzieren. Dann ist’s aber keine Übersichtstabelle mehr ;)
     
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  7. albsax

    albsax Ist fast schon zuhause hier

    Hallo,
    eine Unterscheidung, die mir noch einfällt, die sich eher auf die Produktion bezieht, und auch nicht so durchgehend und vor allem so relevant wie z.B. die Veränderung des Oktavmechanismus ist, ist die Bauweise mit aufgelöteten vs. gezogenen Tonlochkaminen. Hier war wohl der Kipppunkt Mitte der 20er Jahre des vorigen Jahrhundert.. Bei Selmer z.B. soll ab dem Modell 22 das Ziehen der Tonlochkamine Serie geworden sein.

    LG
    Albrecht
     
  8. cwegy

    cwegy Ist fast schon zuhause hier

    Der Begriff "Vintage" ist doch heutzutage nur noch ein Argument den Preis in die Höhe zu drücken. Genauso wie gerne von "Youngtimern" gesprochen wird, wenn das Horn, wie zB. mein YTS62 PL aus Anfang der 80er Jahre stammt.

    Frühe wurden Gibson Les Pauls mit "Mojo- Aufschlag" verkauft, wenn sie besonders schäbig aussahen, heute kann man fabrikneue Gitarren/Bässe in Feinabstufung von "mild Aging bis hardcore Aging" bestellen. Häufiger lese ich bei alten Bassverstärkern aus den 80ern "...schon fast vintage" und schwupps 200,- € draufgeschlagen.

    Die Einteilung in Epochen, bzw. technischen Neuerungen finde ich als "Nerd-Wissen" spannend, als Spieler interessiert es mich in erster Linie, wie gut ich technisch und soundlich ich mit dem Instrument klarkomme, denn desto besser klinge ich.
     
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  9. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Hattest du so einen Thread nicht schon mal eröffnet, @ppue?
    Wie auch immer. Die Aufstellung ist hilfreich, trotz der erwähnten Unschärfen in den Daten.

    Sie deckt trotzdem die für mich entscheidenden Punkte gar nicht so wirklich ab. Nach der Liste müsste sich ein Roy Benson, ein modernes Yani und ein SBA ähnlich verhalten und anfühlen. Tun sie aber nicht. Ob inline oder off-line, balanced oder traditionell, war für mich nie so wirklich entscheidend darüber ob eine Mechanik etwas taugt oder nicht. Es gibt in beiden Bauweisen jeweils gute und schlechte. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mit dem traditionellen Layout nicht zurecht kommen.

    Bei mir ist das aber nicht der entscheidende Punkt. Es sind eher Details. Haben die mit Roller verbunden Klappen das richtige Gefälle und die nötige Leichtigkeit. Sind C und Eb auf der gleichen Achse. Sind die Stacks schnell, gleichmäßig und „einladend“. Und da machen mich viele neue Hörner meist einfach nicht glücklicher als alte, oft andersrum. Ich sehe einen Trend, der in die falsche Richtung läuft, und sehe Vintage-Vorteile in Details, wo weniger mehr ist, aber meine Sample Size ist zu klein um zu entscheiden, ob das nicht zufällig ist (würde der Statistiker sagen).
     
  10. slowjoe

    slowjoe Strebt nach Höherem

    Muss ich wohl, denn ich hab ja auch nix besseres anzubieten
    ;)


    SlowJoe
     
  11. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Noch ein wesentliches Merkmal der Postmoderne ist die Bandbreite der Materialien. Heute gibt es neben Messing noch Bronze, Neusilber und sogar massiv Silber.

    Gruß,
    Otfried
     
  12. quax

    quax Gehört zum Inventar

    Sind die aus Kunststoff jetzt vintage oder eher postvintage?:cool:
     
  13. ppue

    ppue Mod Experte

    Sicherlich wird der Begriff dafür häufig benutzt, dennoch verwenden wir die Begriffe hier ständig im Forum. Deshalb geht es mir um die ganz normale Verständigung und darum, Missverständnisse zu vermeiden.

    Das genau ist ja der Effekt, dem ich entgegentreten will. Natürlich ist es auffällig, dass der Begriff "vintage", der ja allgemein für alte Sachen steht, mit der Zeit immer neu zu interpretieren ist. Genau deshalb möchte ich die verschiedenen Phasen der Instrumentenentwicklung klarer voneinander abgrenzen.

    Und deshalb benutze ich auch die zwei herausstechendsten Neuerungen im Saxophonbau zur Differenzierung.

    Und ich benutze diese beiden Innovationen, weil diese Technik sich in der Konsequenz bei allen nachfolgenden Modellen durchgesetzt hat.


    Na, die Vintage-Saxophone haben sich auch nicht ähnlich angefühlt. Das war wohl immer so. Aber du kannst gerne eine Liste der Begrifflichkeiten aufstellen, wo die verschiedenen haptischen Eigenheiten zwischen Roy Benson und was weiß ich eine Berücksichtigung finden (-;

    So sind auch gebördelte Tonlöcher, so einige Trillerklappen im Vintage-Bereich, C- und Es-Klappen auf einer Achse, Splitbell und, und, und keine hinreichenden Merkmale, die entscheidende Konsequenzen nach sich gezogen haben.

    Ein Punkt, den ich einfügen will. Danke.


    In den 21 Jahren, in denen ich mich hier auslasse, merken sich die Menschen leider nicht immer alle Threads, die ich eröffne (-;

    Ups, schon korrigiert:

    Saxophon-Epochen.jpg
     
    Zuletzt bearbeitet: 15.April.2026 um 15:35 Uhr
  14. visir

    visir Gehört zum Inventar

    Fällt das aber nicht eher unter Ausführungsqualität als unter technologische Phase?
     
  15. elgitano

    elgitano Ist fast schon zuhause hier

    Ich finde den Begriff "Vintage" sowieso total bekloppt. Hat für mich keinen Wert.
    Übrigens, Saxophone mit zwei manuellen Oktavklappen wurden bis iEnde der dreissiger Jahre gefertigt.
    Jedes Instrument sollte für sich definiert werden. Zeitliche Datierungen bringen da nichts.
    Auch wenn wir in der Lage sind, Tomaten zu klassifizieren, sollten wir als erwachsene Menschen es nicht dem Saxophon aufbürden.

    Claus
     
    gaga gefällt das.
  16. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Gute Frage! Grundsätzlich erstmal ja, meinem persönlichen Eindruck nach aber dann doch eher nein. Es könnte mit Moden und Fertigungsmethoden zu tun haben.

    Vielleicht wird so ein Schuh draus:

    Schlichtes funktionsorientiertes Design ist ein typisches Merkmal von technischen Gegenständen und Funktionsobjekten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Form follows function“ als Wahlspruch, eigentlich aus der Architektur, findet man eben auch bei alten Musikinstrumenten. Die möglichst einfach zu fertigen Bauteile wurden optimal balanciert und dimensioniert und manuell sorgfältig eingepasst.

    Heute leben wir in einer Zeit, in der die Fertigungsprozesse extrem fortgeschritten sind. Es kein Problem ist, komplexe Formen am Rechner zu designen und rein maschinell zu gießen, fräsen, stanzen. Hier noch ein Schlitz in den Palmkey, dort noch ein paar Stellschrauben, den Drücker breiter, da noch eine extra Achse, hier noch ne Wippe. Und obwohl die einzelne, nicht zwingend nötige und gut gemeinte Änderung keinen massiven Unterschied macht, summieren sich die Verbesserungen im direkten Vergleich mit den guten klassischen Designs dann doch zur klaren Verschlimmbesserung.
    Und dass die humane und entscheidende Komponente der Feinarbeit heute noch viel teurer ist als die Fertigung der Teile, verfestigt den Trend.
     
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