Timing

Dieses Thema im Forum "Saxophon spielen" wurde erstellt von slowchange, 23.September.2026 um 08:15 Uhr.

  1. slowchange

    slowchange Ist fast schon zuhause hier

    Als kurze Einführung - Ich hatte gerade mit einem Freund zusammen einen kleinen Auftritt, bei dem wir vor allem langsame Stücke gespielt haben. Ich hatte vorher ganz schön Sorge wegen meiner Intonation, weil ich von einem früheren Auftritt Aufnahmen von mir selbst gehört hatte und da bin ich insbesondere in der Höhe oft ganz schön daneben, meist zu hoch. Ich spiele ja Sopran und da zieht sich einem dann echt alles zusammen.

    Der Auftritt lief gut und wenn ich mir jetzt die Aufnahmen anhöre, dann ist meine Intonation prima. Leider kann man sehr deutlich hören, wie aufgeregt ich bin. Das klingt alles doppelt so schnell, wie es sich in dem Moment angefühlt hat und das ist bei Balladen nicht so gut. Außerdem treibe ich wie verrückt. In dem Moment habe ich das wirklich nicht mitbekommen, das muss das Adrenalin sein. Aber auf der Aufnahme hört man es nun mal sehr deutlich.

    Wie übe ich denn das? So kann das nicht bleiben - auch wenn ich aufgeregt bin, will ich in der Lage sein, den Beat zu halten. Auch bei Balladen und auch ohne Schlagzeug und Bass. Immer mit Metronom üben? Aber ich will auch ohne Metronom sicher sein. Das ist auch ein allgemeines Problem von mir, da bin ich auch früher drüber gestolpert, darum spiele ich auch nicht Schlagzeug oder Bass, obwohl ich beide durchaus in Ansätzen beherrsche. Aber ich bin in einer Real Life Situation in einer Rhythm Section ein echtes Sicherheitsrisiko, weil ich dauernd treibe oder schleppe.

    Ich will das ändern. Habt ihr Tipps?
     
  2. scenarnick

    scenarnick Admin

    Erstmal einen herzlichen Glückwunsch! Du nimmst Dich sehr deutlich wahr und konzentrierst Dich auf eine Sache. Das ist ein wichtiger Schritt. Dass der im Moment "hinterher" passiert, ist normal, denke ich.

    Adrenalin beim Auftritt ist ebenso normal und passiert überall. Selbst unter Leitung eines sehr erfahrenen Dirigenten im Chor haben wir es geschafft, bei einem Oratorium 10% schneller zu sein, als in der Generalprobe :) Ein Metronom hilft da schon, aber (aus meiner Erfahrung) nur begrenzt. Es geht nicht um das absolute Tempo, sondern darum, die anderen wahrzunehmen und und im Moment zu spüren, ob man treibt oder "laid back" ist. Ein Überezept habe ich dafür auch nicht, nur die Beruhigung, dass es allen so geht. Mit Routine und bewussten auf-die-anderen-Hören wird das im Laufe der Zeit besser, verschwindet nie.
     
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  3. gaga

    gaga Gehört zum Inventar

    Metronom hilft. Vor allem langsamer als im Wohlfühltempo, auch wenn das stokelig und wenig locker klingt. Metronom auf 2 und 4 ist eine enorme Erschwernis, die ich aber für sehr effektiv halte. Und zwischendurch dasselbe mit Bass und Drums zu machen, wenn du da schon Zugang hast, bringt sicher zusätzlich Sicherheit.
    Gegen Lampenfieber helfen vor allem Auftritte, auch mit ein bisschen Moderation. Jedes "sich präsentieren" ist da hilfreich.
     
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  4. altoSaxo

    altoSaxo Strebt nach Höherem

    Wenn dein Freund dich begleitet, höre bewusst auf seine Time, da sollte dir bereits auffallen, wenn es auseinander driftet.

    Sauber zum Metronom spielen zu können ist eine Sache. Das Gerät würde ich als Fortgeschrittener nur gelegentlich und als Kontrolle verwenden. Am Ende musst du deine eigene gute Time entwickeln und da wird das Metronom irgendwann hinderlich. Wenn du genau auf den Punkt spielen kannst, lerne Grooves mit Laid Back oder treibend zu hören, zu fühlen und selbst zu spielen. Von Dave Liebman gibt es ein Lehrvideo dazu.

    Ich werde in der Time vor allem dann ungenau, wenn es technisch schwierig wird, gerade bei Impros. Eine gute Technik ist also auch Voraussetzung für sauberes Timing.
     
  5. ilikebrecker

    ilikebrecker Ist fast schon zuhause hier

    Ja, das Metronom erzieht natürlich zum exakten Abarbeiten eines Stückes, hat aber Musik nichts zu tun.
    Höre Dir mal Aufnahme von Ben Webster an - der spielt häufig völlig losgelöst von Raum und Zeit, schwebt über allem, und klingt trotzdem total geil.
    Bei funkiger Musik ist out-of-time natürlich ein No-Go, aber vom Jazz kann das okay sein - allerdings nie "vorneweg", sondern eher "hintendran".

    Üben tust Du das, wenn Du mit vielen Leuten live zusammenspielst. Das hilft Dir, Dich im Live-Kontext zurecht zu finden, Musik zu machen und nicht Stücke abzuarbeiten und nimmt Dir auch das Lampenfieber.
     
  6. Werner

    Werner Strebt nach Höherem

    Um Treiben oder Schleppen zu kurieren, ist es ausserordentlich hilfreich, mit langen Abständen zwischen den klicks zu spielen.
    Die Timingabweichungen summieren sich dann, und man merkt überhaupt erst, wie man mit der Zeit umgeht. Dadurch kann man überhaupt erst korrigieren. Bei kürzeren Klicks gleicht man die Abweichungen gleich wieder aus, und merkt das ev gar nicht.
    (Also, man nehme irgendeine einfache Linie, ein leicht zu bewältigendes Tempo, Klicks auf die Viertel. Wenn das gut geht, die gleiche Melodie mit Klicks auf den Halben etc.)
    Ich habe mit diesem Ansatz innerhalb von 5 bis 10 Min bei Schülern deutliche und bleibende Verbesserungen erzielt.
    Viel Erfolg!
     
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  7. scenarnick

    scenarnick Admin

    YES - Teil unseres Bigband Warm-Ups. Metronom auf "ganz langsam" (also 15 oder 20 bpm) und unterteilen (also 4 auf einen Metronomschlag). Ggfs. noch Subdivisionen (Achtel, Triolen, Swing-Achtel, Phrasen). Herrliches Übemittel!
     
  8. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Ich denke @Werner ’s Vorschlag ist die beste Übung. Vielleicht noch konkreter:
    Stück spielen, Klick auf Viertel. Dann auf halbe (1/3 oder 2/4) bei gleichem Tempo des Stückes (d.h. Metronom halb so schnell). Dann klick nur noch auf den Takt (1,2,3 oder 4, alles enorm hilfreich). Wenn es das technische Tool und das Tempo hergibt, noch weiter runtergehen mit dem Klick.
     
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  9. Perlvatt

    Perlvatt Kann einfach nicht wegbleiben

    Hi!
    Wie man mit dem Adrenalin bei einem Auftritt umgeht, ist eine sehr persönliche und individuelle Angelegenheit.
    Was mir glaube ich am besten geholfen hat waren die folgenden zwei Dinge.
    Beim üben stelle ich mir ganz genau vor, ich würde jetzt vor Publikum spielen. Das ist Teil meiner Überoutine und hat noch dazu den Effekt, dass ich mich sehr gut konzentriere.
    Und, ich mache regelmäßig Videos von mir, in denen ich einen Auftritt "spiele". Das hilft, meine Wunschvorstellung mit der Realität abzugleichen und gibt ein gutes Gefühl.
    Und wenn ich während eines Auftritts plötzlich nervös werde, stelle ich mich so aufrecht und breitschultrig hin, wie ich nur kann. Das gibt mir Selbstbewusstsein und die Nervosität lässt nach.
    Ach ja, jede Gelegenheit nutzen, vor Leuten zu spielen.
     
  10. altblase

    altblase Strebt nach Höherem

    Man muss intensiv auf die Mitspieler hören!:cool:
     
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  11. slowchange

    slowchange Ist fast schon zuhause hier

    Vielen Dank für die vielen Anregungen! Die Übung von @Werner kannte ich noch nicht und die ist ja echt gut! Und macht auch noch richtig Spaß. Mein Metronom ist inzwischen natürlich eine App und da kann ich einzelne Taktschläge einfach muten. Zuletzt nur noch die vier hörbar und das macht richtig Freude, wenn der Klick dann im richtigen Moment kommt...

    Das mit dem Hören auf die Mitspieler stimmt natürlich grundsätzlich, wenn man Schlagzeug und Bass hat, die sicher im Rhythmus sitzen. Wenn der andere aber auch schwimmt, dann wird es manchmal ziemlich interessant.

    Und das mit dem Adrenalin kann man irgendwie schwer simulieren, finde ich. Vorstellen, da wäre jetzt ein Publikum, alleine reicht mir nicht, da hängt dann nichts von ab. Auf eine Aufnahme spielen ist schon ein bisschen spannender, weil dann ja jeder Ton aufs Band kommt. Oder Freunden einfach unverbindlich mal was vorspielen, das geht auch. Ist aber alles nicht dasselbe, als wenn man in Gefahr ist, sich richtig fett zu blamieren und da auch was von abhängt.

    Es ist immer wieder verrückt, wie anders man auf der Aufnahme klingt, als man das gedacht hat. Gerade das Tempo. Ich kam mir so langsam vor, dabei rase ich echt.
     
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  12. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

  13. slowchange

    slowchange Ist fast schon zuhause hier

    Überwiegend eigene Stücke, Klavier und Sopransax. Ein paar Standards und ein bisschen Filmmusik, aber sehr persönlich bearbeitet, eher stimmungsvoll, machmal auch einfach Klangflächen. Es hatte sowieso keinen knalligen Beat.
    Aber eben doch einen sehr klar verbindlichen Rhythmus. Und wenn ich ein bisschen den Pianisten treibe und der mich auch treibt, dann wird das immer schneller und klingt nicht mehr wie ECM sondern eher wie Jumpstyle.
     
  14. ppue

    ppue Mod Experte

    Vielleicht noch ein Tipp aus ganz einer andereren Richtung:

    Lebe die Musik stärker mit dem ganzen Körper. Zum einen erde dich, schlage Wurzeln im Boden. Und auf diese Basis setzt du deine Töne auf. Spiele immer nur so viele Töne, dass du ihnen selbst folgen kannst. Mache Pausen und lass die verklungenen Töne auf dich wirken. Inspiriere dich selber.

    Na, so ungefähr. Klingt etwas esotherisch, aber vielleicht hilft eine neue Körperlichkeit dir in deinem Tun weiter. Den Körper mehr in der Bewegung einzusetzen, hilft auch dem Zusammenspiel, denn man kann gegeseitig sehen, wann der nächste Ton, die nächste Phrase kommt und man synchronisiert sich viel besser.

    Schau dir mal Solopianisten an, wie die die Töne quasi vorbereiten, bevor sie erklingen. Oder ein Streichquartett, dass sich ausdrucksstark beim Spielen bewegt und sich gegenseitig immer des gleichen Tempos versichert. Dabei spielen die noch nichtmals in strengem Beat, sondern werden dabei im Schwarm schneller und langsamer.

    Mehr Bewegung schafft zudem mehr Ausdruck. Kann man auch wie Leo P am Bariton machen. Der tanzt sich regelrecht den Beat.
     
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  15. Silver

    Silver Gehört zum Inventar

    Ergänzend eine Idee:

    Wir alle neigen dazu, bestimmte Stücke (die wir kennen und eingeübt haben) in einem bestimmten Puls zu hören, zu fühlen und damit auch einzuzählen. Wenn man sich jetzt in der Aufführungssituation einen Augenblick zurücknimmt und bewusst ein vielleicht nur geringfügig anderes Tempo wählt, als man inklusive Adrenalin gerade fühlen würde, ist der Puls der Musik schon nicht mehr so stark an den eigenen, erhöhten Herzschlag gekoppelt - und damit aus dem unterbewussten Automatikbetrieb heraus genommen.

    Live noch einen deutlichen Zacken draufzulegen ist aber auch bei Weltstars nicht ungewöhnlich:
    Michael Jacksons „Wanna be startin‘ something“ wurde auf dem Album mit um und bei 110-120bpm aufgenommen.
    MJ hat das Stück auf allen Livemitschnitten mit mindestens 160 Sachen gespielt und in einigen Fällen sogar im Verlauf noch merklich gesteigert.
    Ist jetzt allerdings kein ECM und auch keine Ballade sondern brettharter Funk.
     
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  16. slowchange

    slowchange Ist fast schon zuhause hier

    Das stimmt auch irgendwie. Ich habe gestern erst bei youtube ein Interview mit Kinga Glyk gesehen, dieser polnischen Bassistin. Und wenn die mal eine Phrase vorspielt, dann sieht man förmlich, wie die körperlich in den Beat einrastet. Die tanzt jetzt nicht groß rum, aber die ist extrem klar und funky, selbst bei ziemlich abgefahrenen Phrasen, und das hat sehr mit dem minimalen Mitwippen zu tun, was die da macht.
     
  17. ppue

    ppue Mod Experte

    Wenn man stocksteiff dasteht, sind die Finger sind das Einzige, das sich bewegt. Die legen aber dabei keinen nennenswerten Weg zurück. Wenn man aber leicht oder auch mehr wippt, ist das wie eine Art Pendel, das ganz stabil in time bleibt. Nicht Kopf, Finger oder Zunge versuchen krampfhaft, das Tempo zu halten, sondern legen sich einfach auf den schwingenden Körper drauf.
     
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  18. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Zwei Tipps hätte ich dazu:

    Üben mit Metronom, und zwar mit Lücken. 1 Takt mit und 1 Takt ohne, dann 2 mit und 2 ohne, dann 2 mit und 4 ohne usw.

    Es gibt Apps, die können das.

    Das zweite ist, lerne ein Perkussionsinstrument.

    Gruß,
    Otfried
     
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  19. Peterchen

    Peterchen Nicht zu schüchtern zum Reden

    Transkribieren ist für mich das Mittel der Wahl für viele Aspekte des Musikmachens. Auch fürs Timing hilft es ungemein.

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  20. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Natürlich ist "stocksteif" nicht gut.
    Sich zur Musik zu bewegen - ich weiß nicht - ich hatte schon viele Schüler, die das komplett gehemmt hat (Synkopen). Wenn's "passiert" - beim Profi - ok, dann passiert's halt. Aber absichtlich - nö, glaub ich nicht, dass das gut ist..

    Jepp, ich schlage mal (iOS, gibt es sicher auch für Android) Time Guru, Time Trainer und SuperMentronome vor. Den Schwierigkeitsgrad kann man da einstellen. Time Guru ist das umfangreichste Tool. Ich hab viele Stunden mit Etüden und Löchern im Metronom verbracht. Das hilft aber IMHO für das Hören nach Innen. Beim Spielen mit Klavier sollte die Aufmerksamkeit ja nach außen gehen. Für mich sind das 2 Paar Schuhe.
    Oft ist es so, dass auch technische Passagen (wenn man nach Noten spielt) besser gelingen, wenn man sich "zwingt", seine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes als die Noten zu "verlagern".
     
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