Warum denkt man immer, man ist schlecht?

Dieses Thema im Forum "Saxophon spielen" wurde erstellt von Saxoryx, 29.Mai.2026.

  1. Saxoryx

    Saxoryx Strebt nach Höherem

    Ich weiß, dass ich viel gelernt habe, seit ich angefangen habe, Saxophon zu spielen. Und doch bin ich praktisch nie zufrieden. Ich beschäftige mich viel mehr mit dem, was ich nicht kann, als mit dem, was ich kann. Ist ja auch gut, denn ich will noch so viel wie möglich lernen, bevor ich zu alt dazu bin. Vor allem will ich aber schön spielen. Und das gelingt mir oft nicht so, wie ich es gern hätte.

    Andere Leute erzählen mir oft, das klingt doch gut, aber ich finde das genauso oft gar nicht. Durch Aufnahmen versuche ich mich selbst besser zu hören, aber dann höre ich natürlich auch die Fehler, die ich mache, sehr viel besser. Da sitzt mal ein Ton nicht richtig oder der Sound ist einfach nicht so, wie ich mir das vorstelle.

    Ich weiß, dass ich kein Sonny Rollins bin, und das ist ja auch gar nicht mein Ziel, aber manchmal frage ich mich, ob das allen so geht, dass sie sich immer nicht gut genug für die eigenen Ansprüche finden. Oder bin ich einfach nur so blöd?
     
  2. Dan

    Dan Ist fast schon zuhause hier

    Vielleicht hilft Dir meine Perspektive als Zuhörer / Konzertbesucher:

    Ob ich Musik gerne zuhören mag hängt nicht nur vom Ort und musikalischem Niveau ab. Bei einem Konzert mit hohem Eintritt habe ich andere Erwartungen und Maßstäbe als wenn mir jemand was Gratis (das ist dann das andere Extrem) vorspielt.
    Es gibt Musikstile und musikalische Darbietungen, die ich zwar Live mag aber nicht zu Hause aus der Konserve hören würde.

    Sofern Du nicht mit Musik Deinen Lebensunterhalt bestreiten möchtest, möchte ich Dir vorschlagen nicht so streng mit Dir zu sein. Wie Du schreibst ist das Niveau von Sonny Rollins nicht dein Ziel.
     
  3. visir

    visir Gehört zum Inventar

    Ich hab einmal einen Chor ganz naiv mit zwei relativ nahen Mikrofonen aufgenommen - mann, klang das grauslig... viel schlimmer als in Wirklichkeit.
    Studioaufnahmen werden ja z.T. hochgradig nachbearbeitet, was bei live gar nicht möglich und auch nicht nötig ist. Bei einer Aufnahme hat man viel mehr Ruhe und Zeit zu hören, da hört man viel mehr Details - eben auch Ungenauigkeiten.

    Selbst ist man immer am kritischten (abgesehen vom Lehrer ;)), vor allem, wenn man besser werden möchte, und da ist es ja gut, wenn man die eigenen Schwächen wahrnimmt. Nur bei den Schwächen hängenbleiben sollte man aber auch nicht. Vielleicht hilft, mal was nur zum Spaß zu spielen. Was halt auch schon gut genug geht, um es zum Spaß zu spielen.
     
  4. Saxoryx

    Saxoryx Strebt nach Höherem

    Ich spiele ja theoretisch nur zum Spaß. Ich werde demnächst 68 Jahre alt, also mehr ist das in meinem Alter nicht mehr. Vielleicht ist es auch das. Viele Leute werden mit dem Alter weiser und geduldiger, ich irgendwie nicht so ganz. ;) Dummerweise habe ich jetzt auch noch eine Taubheit im Daumen und Zeigefinger der linken Hand gekriegt, und das erschwert das Spielen zusätzlich. Also ich kann manche Sachen nicht mehr so gut, die ich vorher schon besser konnte. Das alles ärgert mich irgendwie, denn das Saxophon ist doch in den letzten Jahren so ein Teil meines Lebens geworden, dass ich nicht darauf verzichten möchte.
     
  5. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Aus Gesprächen mit Musikern aller Stufen vom Anfänger bis zu Virtuosen habe ich den Eindruck, dass die Wahrnehmung der eigenen Schwächen der zentrale Antrieb zum Weiterkommen ist. Irgendwann reden sie dann nicht mehr so sehr darüber, vor allem wenn sie davon leben. Ich glaube aber, das geht nie weg.
    Aber es ist was Positives. Denn wie soll jemand, der das nicht hat, vorankommen?
     
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  6. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Man muss eine gesunde Balance finden zwischen Kritik und Lob, vor dem Hintergrund einer realistischen Einschätzung, was bei den gegebenen Randbedingungen möglich ist.

    Zu viel Selbstkritik ist genau so wenig hilfreich wie bequeme Zufriedenheit mit dem Erreichten.

    Und ja, Aufnahmen sind oft ernüchternd. Auch da ist die richtige Einschätzung zu lernen, sonst kann man schon mal verzweifeln angesichts onnipräsenter perfekter Aufnahmen.

    Gruß ,
    Otfried
     
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  7. Badener

    Badener Strebt nach Höherem

    Sobald man (völlig) zufrieden ist, geht es nicht mehr weiter. Das wäre
     
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  8. ppue

    ppue Mod Experte

    Völlig normal. Das Besserwerden und die Ansprüche steigen in genau gleichem Maße.

    Das heißt aber auch: Wenn du heute kein Spaß am Spiel hast, dann hast du auch in drei Jahren kein Spaß am Spielen.

    Um weiterzukommen, muss man von daher einfach spielen und Spaß haben. Man kann sich allerdings auch grämen und üben, kommt man auch weiter, macht aber weniger Spaß.
     
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  9. visir

    visir Gehört zum Inventar

    Erinnert mich wieder an eine Anekdote, die ich sicher schon mindestens einmal gebracht habe: als wir neu als (guter) Hobbytänzer im Tanzsportclub waren und das erste Mal bei einer "Practice" (einmal durchtanzen wie bei einem Turnier) waren, sagte ich zu meiner Tanzpartnerin: ich komme mir hier vor wie ein Anfänger. Das hörte eine S-Klasse-Tänzerin und antwortete: so gehts dir in jeder Turnierklasse wieder, in die du aufsteigst.
    Besser geht immer... das heißt nicht, dass man nicht schon was kann.
     
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  10. Blofeld

    Blofeld Ist fast schon zuhause hier

    Ich habe mich früher nie aufgenommen. Seit ich das mache, kenne ich meine Schwächen besser, dafür ist die Lernkurve steiler geworden. Spaß habe ich eigentlich immer beim Spielen, ob mit oder ohne Wissen um die Fehler. Und was die Vergleiche mit anderen betrifft: Klar, da könnte man schon ins Grübeln kommen, wie weit man es überhaupt bringen kann. Aber das Leben ist ja kein Wettbewerb und Saxophonspielen kein Leistungssport. Vergleichen ist schon gut, aber sich dauernd mit anderen messen zu müssen hat für mich etwas Ungesundes. Solange ich in meinen Flow komme, fließen die Glückshormone. Da braucht auch kein Schwein zuzuhören. Wenn dann doch ein Publikum da ist und sogar applaudiert, ist das ein Häubchen obendrauf.
     
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  11. Nemo

    Nemo Ist fast schon zuhause hier

  12. Bb7

    Bb7 Ist fast schon zuhause hier

    gelöscht
     
    Zuletzt bearbeitet: 29.Mai.2026
  13. Blofeld

    Blofeld Ist fast schon zuhause hier

    Was stand denn drin? ;-)
     
  14. Saxversuch

    Saxversuch Kann einfach nicht wegbleiben

    Hallo in die Runde.
    Ich habe mich schon öfter mal beim üben aufgenommen (IPhone, IPad), daß klang alles schrecklich. Eigentlich wollte ich hier mal eine Aufnahme reinstellen, was ich aber nach dem Anhören der Aufnahmen wieder verworfen habe. Wenn ich so in den Raum reinspiele bin ich eigentlich nicht unzufrieden, aber die Aufnahmen haben mich ganz schön runtergezogen.
    Noch etwas zum Spaß am üben: Bei mir hat es in letzter Zeit so entwickelt, dass ich vor meine Übungszeit regelrecht nervös werde und mir vorher schon Gedanken mache, wie: hoffentlich klappt alles, komme ich mal ein bisschen weiter, ich spiele immer das gleiche, ich muss mehr Noten lesen üben, oder den Rhythmus klatschen. Irgendwie setzt mich das alles ganz schön unter Druck, warum auch immer. So war das eigentlich nicht gedacht.
    VG Jue
     
  15. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.
     
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  16. saxophönixx

    saxophönixx Ist fast schon zuhause hier

    Ich habe mich immer beim Üben aufgenommen. Seit einiger Zeit steht mein Saxophon in der Ecke. Während dieser Zeit habe ich mir meine Aufnahmen angehört, von der letzten bis zur ersten Aufnahme, die auf meinem Handy verfügbar ist. Während des Übens und des Spielens auf dem Saxophon habe ich auch dieselben Selbstzweifel wie ihr gehabt. Die Erfahrung, die ich gemacht habe, versetzte mich in erstaunen, denn je öfter ich meine Aufnahmen hörte um so mehr erkannte ich meinen Fortschritt und wurde sehr zufrieden mit dem Stand den ich jetzt habe. Vielleicht kann das ja eine Anregung sein: eine Weile pausieren und dann erfahren wie gut Mann und oder Frau tatsächlich ist.

    VG,

    Saxophönixx
     
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  17. Analysis Paralysis

    Analysis Paralysis Ist fast schon zuhause hier

    Ja.
    Der Unterschied zwischen Amateur und Profi ist aber, so glaube ich wenigstens, dass der Profi in seiner Kritik an sich selbst viel konkreter ist.
    Es nützt gar nichts, sein eigenes Spiel als "scheiße" zu bezeichnen - auch wenn es im Gesamten betrachtet stimmt, hehe.
    Vielmehr sollte man IMHO darangehen, messerscharf zu analysieren, was (einem selbst) nicht passt. Und natürlich auch, was am Spiel eigentlich gut ist.
    Dann kann man sich überlegen, was man verbessern will - und wie. Da kann ein Tutor natürlich hilfreich sein.

    Auch sollte man die Kritik an sich selbst in freundliche Worte fassen :)
     
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  18. Saxoryx

    Saxoryx Strebt nach Höherem

    Einfach nur schön. So etwas ist wirklich unabhängig davon, wie gut man selbst spielen kann, ein Vorbild, dem nachzueifern sich lohnt. Selbst wenn man es nie erreichen kann, was aber kein Grund ist, traurig zu sein, wenn man in meinem Alter ist und nur zum eigenen Vergnügen spielt.

    Gerade im Moment, weil ich große Probleme beim Greifen habe, aufgrund der tauben Finger, gibt es viele Töne, bei denen ich abrutsche und die nicht so richtig kommen, quietschen, absolut nicht so sind, wie ich sie mir wünsche, aber heute habe ich angefangen, alternative Griffe zu benutzen, und es geht gleich besser. Mit den Seitenklappen kann ich manche Übergänge wie den vom mittleren B zum H nun doch wieder sauber greifen. Bisher habe ich da einfach nur den Finger gerollt, aber da mir da jetzt das Gefühl fehlt, bin ich da oft abgerutscht. Ich konnte es nicht richtig kontrollieren. Nun mit der Seitenklappe bin ich gleich deutlich zufriedener. Manchmal sind es solche Kleinigkeiten, die viel ausmachen.

    Ich bin mal gespannt, wie lange es dauert, bis das automatisiert ist, denn ich habe vom ersten Tag an das Bb immer vorn gespielt, nicht mit den Seitenklappen. Gerade bei der Bandprobe merke ich, wie ich dann wieder in die alte Griffweise verfalle, und dann ärgere ich mich doch ein bisschen. Aber auch das wird sich legen, denke ich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31.Mai.2026 um 16:44 Uhr
  19. altoSaxo

    altoSaxo Strebt nach Höherem

    "schlecht", wie du im Titel schreibst, ist zunächst mal relativ und auch ziemlich negativ betrachtet.

    Ich weiß, dass ich kein typisches Bebop-Solo improvisieren kann oder dass viele oder vielleicht gar die meisten Hobby-Altsaxophonisten besser sind als ich. Bin ich deshalb schlecht? Zwar sind damit meine Möglichkeiten eingeschränkt, weil ich z. B. kein eigenes Quintett gründen könnte, das für solch eine Musik gebucht würde, aber die Betrachtung, ich sei nur schlecht, wäre zu einseitig, denn es gibt umgekehrt Dinge, die ganz gut laufen. Jazz-Jam-Sessions mit Freunden z. B. funktionieren, Themen zu spielen oder zu improvisieren, wenn das Tempo nicht zu hoch ist, habe ich auch schon vor Publikum gemacht. Damit geht also schon einiges und das reicht mir schon, dass ich von Anfang an Spaß an der Sache hatte.

    Mich mit anderen zu vergleichen, mache ich selten und das halte ich auch für schwierig, weil jeder individuelle Stärken und Schwächen hat. Außerdem wäre es für mich wenig sinnvoll, weil ich Musik nicht als Wettbewerb betreibe.

    Frust entsteht vor allem dann, wenn man zu viel erwartet. Daher sind realistische Ziele und Erwartungen wichtig. So können dann auch kleine Fortschritte, wie ich sie eigentlich bei jedem neuen Stück erlebe, motivierend wirken und es fällt gar nicht so sehr auf, wenn ich mal etwas vernachlässigt habe.

    So, wie es bislang lief, bin ich mit meinem Saxophonspiel zufrieden - egal, wo ich gerade stehe, wie gut oder schlecht ich bin - und dennoch auch bestrebt, mich bei den größeren Themen Impro, Sound und Technik weiter zu verbessern.
     
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  20. Silver

    Silver Gehört zum Inventar

    Wenn man oder Frau sich „schlecht“ findet, wird es schon daran liegen, dass man/frau „schlecht“ spielt.
    Sehr einfach, sehr klar, sehr unangenehm.

    Eine häufige „Strategie“ ist dann, Ausreden zu suchen.
    Die Finger! Der Rücken! Das Blatt! Das Horn! Die Mondphase!

    Alles Käse.
    Wenn ich „schlecht“ spiele, liegt es zu über 95% daran, dass ich das, was ich spielen will, nicht spielen kann.
    Warum kann ich es nicht? Weil ich es nicht ausreichend erlernt, geübt und verfestigt habe.

    Warum will ich es dann spielen?
    Weil ich mir nicht eingestehen will, dass ich vielleicht erst im fortgeschrittenen Alter angefangen habe und mir schlicht ein paar zehntausend Stunden am Instrument auf einen gleichaltrigen Berufmusiker fehlen…?
    Weil ich das Maul zu weit aufgerissen habe und jetzt eigentlich liefern müsste…?
    Weil Dunning-Kruger gnadenlos zugeschlagen hat…?

    Und wie geht’s besser?

    Dazu hilft es, sich klar zu machen, warum es „schlecht“ klingt.

    Hier meine Top 3:
    Time !!! Felsenfest im Puls der Musik und dann die genrespezifischen Eigenheiten bedienen. Swing ist keine Polka, Bebop kein Reggae.
    Sound !! Tonproduktion über den gesamten Umfang des gespielten Stücks - ohne Eiern, ohne dünne Höhen, mit vollen Tiefen, leise und laut.
    Phrasierung ! Immer deutlich aber nie überbetont. Gerade im Jazz ein ewiger Quell der Qual… wir haben hier Seitenlange Threads zum Thema.

    Wenn das im gespielten Tempo bombensicher sitzt, kann man sogar mal „falsche“ Töne spielen (nicht allzu viele und die Wahrnehmung was „falsch“ ist, ist auch abhängig vom Genre und dem eigenen musikalischen Horizont) und es klingt nicht „schlecht“.

    Wenn es bei meiner Top 3 auch nur ein bisschen wackelt, hilft auch kein Geschwafel von „Outside“ und „kreativ“ wenn die berühmten „gelben Töne“ angemerkt werden oder das Publikum eher höflich als begeistert applaudiert.

    Das sollten nicht nur Profis machen.

    Wenn ich mir selbst sage „boa, war ich heute schlecht“ hilft mir das: nichts.
    Wenn ich sage „Bei dem Versuch Doubletime zu spielen bin ich mit dem Tonmaterial aus der Kurve geflogen“ kann ich einfach ableiten: „langsamer spielen oder die HM5 Skala für G7b9b13 die nächsten drei Wochen noch je 30 Mal üben“ und dann die 11 weiteren x7b9b13…

    Die Idee mit dem Tutor ist insofern nicht schlecht, als man sich natürlich durch die schiere Masse der zu erlernenden und dann zu übenden Themen nicht alleine durchbeißen muss.
    Womit fange ich an, ohne mich zu überfordern? Was ist wichtig? (Das ist sehr individuell!)
     
    Peterchen und korfi62 gefällt das.
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