Die Akustik des Saxophons

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von ppue, 8.März.2026.

  1. ppue

    ppue Mod Experte

    Gut, eins nach dem anderen. Ich bin kein Freund des Zitierens, aber hier scheint es angebracht.

    Das Blatt schwingt unabhängig von der Luftsäule, genau, wie es ein solches (allerdings durchschlagendes) bei der Mundharmonika tut, oder auch der Grashalm, den wir zwischen die Daumen nehmen und darauf zwitschern.

    Nicht "ziemlich genau", sondern genau in der Frequenz, die wir wahrnehmen. WYHIWYG (-:

    Dabei haben wir mittels Andruckänderung die Möglichkeit, das Blatt leicht schneller schwingen zu lassen oder etwas bzw. recht weit langsamer schwingen zu lassen, als es die Eigenresonanz des Korpus gerne hätten. Wir können den Ton quasi verbiegen und haben so die Möglichkeit, mit verschiedenen Pitchcentern zu spielen. Ich kann das am Nachmittag mal demonstrieren, es ist nämlich fast die einzige Möglichkeit, in einem festgelegten System von Mundstück, Korpus, Spieler etc. (s.o.) den Ton wesentlich zu verändern.


    Das kann ich bestätigen. Aufnahmen einer Blattspitze in Slow Motion haben gezeigt, dass das Blatt recht chaotische Bewegungen ausführt. Nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, dass da ja noch etliche Teilschwingungen stattfinden müssen. So schwingt ein Blatt nicht einfach auf und ab, sondern auch quer zur Tip Rail.

    Mit Dynamik passiert da im Mund so wenig wie auf der Autobahn, wenn du im festgebacken im Stau stehst. Dynamisch wird es erst, wenn du am Unfall vorbei bist. Gut, im Mundstück gibt es keinen Gafferstau, dennoch gibt es im Mundraum kaum so etwas wie eine größere Strömung. Die Luftmoleküle wandern von allen Seiten Richtung Ausgangsspalt und müssen sich da eher in Geduld üben, bis sie in den Sog geraten.
    Man kann sich auch einen Stausee mit großem Volumen und somit großem Druck vorstellen, der einen kleinen Auslauf hat. Wirbel oder Nebenströmumgen sind da kaum zu erwarten, allenfalls ganz direkt am Ausfluss, wo wieder mal das Reißverschlussverfahren der Moleküle nicht klappt. Ansonsten wird es im gesamten Stausee kaum bedeutende Verwirbelungen geben.

    Diese Gedanken an Wirbel und Ströme werden immer noch aus der irrigen Vorstellung gespeist, dass ein Blasinstrument dadurch klingt, dass ein Strom von Luft hindurchgeblasen wird. Wie ich oben an den Strömungsgeschwindigkeiten zeigen konnte, sind Strömungen (außer am Spalt) völlig unbedeutend für die schönen Tönchen.

    Was die Anmerkung von @Analysis Paralysis betrifft, handelt es sich meines Erachtens um die Feinjustierung seines Rachenraumes, dessen Größe er den entsprechenden Tonhöhen anpasst. Wirklich wichtig wird dieses Voicing erst bei den Top Tones, aber auch ich führe den Mund-Rachenraum je nach Tonhöhe nach. Eher unwesentlich, denn die Töne kommen auch ohne diese Korrektur. Man ist aber über die Jahre empfindlich geworden und hat herausgefunden, was das Allerbeste für die jeweiligen Töne ist.

    Das Blatt wird an der Spitze tatsächlich schneller, weil es einen weiteren Weg zurücklegen muss. Die Schwingung bleibt (bis auf minimale Abweichungen) in konstanter Frequenz, die von der Länge des schwingenden Teils des Blattes abhängt. Das ist wie beim Pendel, man erinnere sich. Das kannst du anschubsen, wie du willst, die Pendelfrequenz bleibt einfach stabil.

    Mehr Luft => weiterer Ausschlag => lauterer Ton.
     
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  2. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Nein, tut es nicht, es schwingt immer innerhalb des gekoppelten Systems. Die Betrachtung der isolierten Einzelschwingung ist m.E. völlig sinnlos.
    Die Strömung ist genau so groß, wie die Atmung geht, hast du ja selbst ausgerechnet. Es geht ja eher darum, wie sich diese verteilt, also ein Geschwindigkeitsfeld.

    Aber ich denke, das müssen wir nicht weiter diskutieren :)

    Gruß,
    Otfried
     
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  3. JES

    JES Gehört zum Inventar

    Bei einem Feder-Masse-System ist die Frequenz von der Amplitude unabhängig. Hier wird die Frequenz des Tones von der Eigenfrequenz der Luftsäule bestimmt, und nicht vom Blatt. Das Blatt kann nur in der Frequenz schwingen, die die Luftsäule dahinter zulässt, ähnlich einem Bandpassdämpfer. Das muss so sein, weil es sonst keine stehende Welle im Korpus geben kann. Eine stehende Welle entsteht aber nur dann, wenn die Länge der Luftsäule im Korpus (bis zum ersten offenen Loch) einem vielfachen der Wellenlänge des Tones, der klingt, entspricht.
    Wenn wir den Ton mittels Beißen erhöhen, dann erzwingen wir quasi eine Schwingung etwas neben der eigentlichen Eigenfrequenz der Luftsäule. Das geht, weil der Bandpassdämpfer Luftsäule eine gewisse Bandbreite hat, macht sich aber akkustisch bemerkbar, weil der Ton zunehmend sch.. klingt.
     
  4. JES

    JES Gehört zum Inventar

    Nein, auf keinen Fall.
     
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  5. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Noch ein Wort zur Strömung:

    Es gibt eine schöne Übung von Joe Allard, die mir dazu einfällt. Er hat seinen Schülern gesagt, sie sollen mit offenem Mund vor einer Kerze versuchen, diese auszublasen.

    Gruß,
    Otfried
     
  6. ppue

    ppue Mod Experte

    Im Saxophon schwingt es natürlich nur mit der Luftsäule. Spielst du auf dem Mundstück, sieht die Sache aber anders aus. Das Blatt kann, alleine durch den Bernoulli-Effekt, in Schwingung geraten. Dafür braucht es keinen Korpus. Das war gemeint.


    Och Otfried. Dass der Spalt eine Düse darstellt und sich hier alles verändert, hat doch nichts mit der trägen Luftbewegung im Mund zu tun. Joe Allard zeigt das doch gerade eindrücklich, dass sich rein gar nichts tun, wenn man mit offenem Mund bläst, wobei beim Kerzenausblasen möglichst hastig in einer Sekunde ja schon sehr viel mehr Luft bewegt wird als bei den 2 Litern in 20 Sekunden. Das beeindruckt doch keine Wellen, die mit über 1200 Stundenkilometern durch Sax und Mund rasen.
     
  7. ppue

    ppue Mod Experte

    Ich hatte im Saxophonrohr eine Geschwindigkeit der Luft von 2 km/h ausgerechnet. Die Mundhöhle ist, na, sagen wir, 6 Mal so groß? Ergäbe für die Luftmoleküle dort eine durchschnittliche Geschwindigkjeit von 0,33 km/h hin zum Mundstückspalt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26.März.2026 um 15:07 Uhr
  8. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    Es sind bei mir eher 6 in 10 Sekunden, aber das macht es natürlich nicht. Aber immerhin erzeugen wir mit diesem sanften Lüftchen diese Wellen, die dann mit Schallgeschwindigkeit durch die Gegend sausen. Von daher sehe ich nicht ein, warum es da keine Effekte geben können soll.

    Oder mal anders:
    Es gibt ja Saxophonisten, die spielen mit aufgeblasenen Wangen, und es gibt welche, die legen die Wangen ganz eng an. Ich persönlich bevorzuge letztere Variante, und bilde mir ein, dass es einen besseren, voluminöseren, runderen Ton macht.

    Das kann jetzt daran liegen, dass der Resonanzraum der Mundhöhle sich verändert, es kann daran liegen, dass die Schallreflexion an einer gespannten Innenseite der Wange anders ist als an einer wabbeligen, oder es kann daran liegen, dass der Luftstrom weniger seitlich in das Mundstück blubbert, sondern sich eben genau eine etwas zielgerichtetere Luftströmung ausbildet.

    Alles pure Vorstellung, ich kenne keine Versuche dazu, vielleicht alles Quatsch, aber es macht für mich einen Unterschied. Und da gibt es körperlicherseits noch mehr Punkte, die für mich eine Variable darstellen, und mit der vielgerühmten, gepriesenen und oft völlig blödsinnig daher kommenden "Luftführung" zu tun haben.

    Gruß,
    Otfried
     
  9. ppue

    ppue Mod Experte

    Bei Reflexion und Resonanz bin ich bei dir, bei zielgerichteter Luftführung nicht. Ich habe schon einige Experimente auch mit der Luftführung gemacht. Bei mir passiert nur etwas, wenn ich mit der Zunge so nahe an Blatt und Mundstück komme, dass die Luftzuführung schon extrem beeinflusst ist. Kenne aber keinen Saxophonisten, der solch abstruse Zungenpositionen für sein Spiel benutzt.

    Aber lassen wir das mal so stehen. Ich glaube, in den Grundzügen der Tonerzeugung beim Saxophon sind wir uns einig.

    Damit gebe ich ab, an einen, der sich mit all dem bestens auskennt (-:

     
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  10. Woliko

    Woliko Strebt nach Höherem

    Ja, was spielt sich im Mundraum ab und was ist z.B. zutreffend: C. Tesorino lehrt in einem Seminar von Bemusico bezüglich Vokaltechnik, von Tief nach Hoch von O über U, A, E nach I zu gehen, meine Lehrerin unterrichtet das Gegenteil, damit die Tiefen strahlender klingen und die Höhen voller. Was geht physikalisch da ab?
     
    Zuletzt bearbeitet: 26.März.2026 um 15:41 Uhr
  11. giuseppe

    giuseppe Gehört zum Inventar

    Ich glaube, dass @ppue die Geschwindigkeit unterschätzt. Mittlere 1,0 x 16 mm Querschnittsfläche sind extrem schmal. Wenn das Blatt hart ist und man ordentlich pustet, kommt hier schon was zusammen. Ich hatte hier in alten Threads diese Rechnung schon gemacht, mit der Zahl aber nicht mehr Leute überzeugt als ohne, deshalb rechne ich nicht von vorne und suche auch nicht danach. So ist das halt mit den Fakten… :)

    Nichtsdestotrotz wird es schon relativ bald vor und nach dem Tiprail keine relevante Geschwindigkeit im physikalischen Sinne mehr geben, und jenseits des Tiprail beginnt eh die seltsame Paralleldimension der Oszillation mit ihren komischen Gesetzen was Strömungen und Impedanzen betrifft.

    Ob es im Mund eine Rolle spielt, in welche Richtung wir pusten, ob ein enger Raum zwischen Zunge und Gaumen physikalisch relevant wird, weil er bestimmte Resonanzen bedingt oder weil die Flussgeschwindigkeit etwas zunimmt, kann ich aus meiner Phantasie heraus nicht sicher genug beurteilen. Experimentell ginge das schon, wäre aber in Bezug aufs Saxophonspielen nicht besonders hilfreich.

    Fließt der Rhein eigentlich in den Bodensee rein und am anderen Ende wieder raus, oder fließt er durch ihn durch (jetzt von der Anfang bewusst geführten Strömung abgesehen)?
     
  12. Onkel D

    Onkel D Ist fast schon zuhause hier

    Um das mit der Strömung und der Strömungsgeschwindigkeit und der Klangerzeugung mal sauber abzuräumen:

    1. Die Strömungsgeschwindigkeit im größten Teil des Rachens ist vernachlässigbar, die Strömungsgeschwindigkeit im Rohr gering bis vernachlässigbar.

    2. Die Strömungsgeschwindigkeit im Mundstück, insbesondere an der Blattspitze ist nicht vernachlässigbar. Der „Bernoulli-Effekt“, von dem @ppue spricht, entsteht alleine aufgrund der Strömung. Die Strömung ist damit verantwortlich für die das Schwingen des Blatts und damit für die Klangerzeugung. Der Bernoulli-Effekt besagt einfach, dass durch den engeren Querschnitt und die dadurch höhere Strömungsgeschwindigkeit der Druck sinkt und damit das Blatt an das Mundstück gedrückt wird. Die Analogie zu den Tragflügeln und dem Auftrieb von Flugzeugen ist nicht so gut gewählt, das wird inzwischen in allen Lehrbüchern anders erklärt, spielt hier aber keine Rolle.

    3. Natürlich ist die Strömung NICHT für den Transport des Klanges verantwortlich, das hat wohl auch niemand behauptet oder geglaubt. Der einfache Vergleich von Strömungs- und Schallgeschwindigkeit zeigt das, dafür müsste man keine Luftballons aufblasen. Wer mal wissen möchte, wie sich (Über-)Schallgeschwindigkeit in einer Strömung anhört, ist herzlich in mein Labor an den Lavaldüsenversuchstand eingeladen. Ich habe Gehörschutz da. :D Es gibt sehr wohl den Doppler-Effekt, wo die Strömungsgeschwindigkeit dann doch wieder ins Spiel kommt, aber auch der ist hier wohl nicht relevant.
     
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  13. JES

    JES Gehört zum Inventar

    Nein, das war nicht gemeint. Dein Post zitiert ein Statement von @Otfried, und da spricht er explizit vom Saxophon.
    Aber mal klartext
    Ein einzelnes Blatt schwingt gar nicht, egal mit welchem Kompressor du das anbläst. Du musst eine Einspannung haben, die die Anströmung ausrichtet und das Blatt fixiert. Das ist aber unser Mundstück. Aber auch ein Mundstück hat schon ein Volumen, mit Luft gefüllt, die im Zweifel mitschwingt. Mitschwingen heißt, es sind gekoppelte Systeme und der eine kann nicht ohne den anderen machen, was er will.
    Falls, was völlig unsinnig ist, wenn wir ein Saxophon betrachten wollen, denn doch über ein physikalische Wunder, bspw kleben wir das Blatt mal mit Kleber auf ne Tischplatte und blasen es zufällig mit der passenden Strömung an, dann schwingt das Blatt genau mit seiner Eigenfrequenz. Das ist die gleiche frequenz, die du auch bekommst, wenn du die Blattspitze mit dem Finger auslenkst (Lineal...)

    Bzgl deiner Strömungsgeschwindigkeit hatte ich dir geschrieben dich mal mit Düsenströmungen zu befassen. Da gibt es einen Einlauf, und das Ergebnis hängt von geometrischen Randbedingungen ab. Mal eben Konti ansetzen... nicht immer ist es so einfach (Tipp:wer sagt dir, dass du im gesamten Querschnitt die gleiche Geschwindigkeit hast??).
     
  14. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    @Onkel D
    Es geht mir im Bereich kurz vor der Mundstückspitze im Mund weniger um die Strömungsgeschwindigkeit als um deren Richtung, also wie das Mundstück von dem lauen Lüftchen angehaucht wird.

    Die Höhe der Geschwindigkeit ist aber m.E. auch das falsche Vergleichskriterium. Wir bringen mit dem lauen Lüftchen die Energie in das schwingende System, die dann als Schall übertragen wird.

    Das ist sehr wenig, das menschliche Ohr ist eben extrem empfindlich, aber eben gleich hoch, im Mundraum wie auch im Korpus.

    Und von daher denke ich, dass Änderungen hie auch durchaus gewisse Veränderungen da bewirken können.

    Aber gerne lasse ich das im Weiteren auf sich beruhen, ist ja vielleicht tatsächlich nur meiner fantasievollen Einbildung geschuldet und objektiv im Moment weder veri- noch falsifizierbar.

    Gruß,
    Otfried
     
    Onkel D gefällt das.
  15. Onkel D

    Onkel D Ist fast schon zuhause hier

    @Otfried : Ja, passt. Ich hatte Deinen Post auch gar nicht so im Sinn. Mir ging es schlicht darum, den ganz grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Strömung, Klangerzeugung und Transport des Schalls zusammenzustellen, damit dieser Bereich mal sauber dasteht. Alles, was die Formung des Klanges angeht, ist ja wieder eine andere Baustelle.
     
  16. ppue

    ppue Mod Experte

    Das hatte ich allerdings schon getan. Danke, dass du es noch einmal bestätigst.
     
  17. Onkel D

    Onkel D Ist fast schon zuhause hier

    Ja, sorry. Ich fand Deine Erklärung ziemlich krude und unpräzise, zum Teil missverständlich. Das ganze Tragflügelding und der Transport durch das Saxophon und so, das hat meiner Ansicht nach da nicht zur Klärung beigetragen. Andererseits war Bernoulli da auch gar nicht wirklich erklärt und die Bedeutung der Strömung. Deshalb habe ich die relevanten Punkte ohne Ballast hier zusammengestellt.
     
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