Interessanter Nachruf

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von charly-5, 15.März.2024.

  1. charly-5

    charly-5 Ist fast schon zuhause hier

    https://www.zeit.de/kultur/musik/2024-03/just-music-berlin-schliessung-musikladen-online

    Und wieder meldet sich ein Store ab. Und mit justMusic wohl sogar eine Institution.
    Aus dem sehr schönen Nachruf in der Zeit und den Kommentaren lässt sich wohl recht gut ein weiteres Phänomen der Zeitenwende ablesen. Die einen werden etwas vermissen, was andere nie gebraucht haben.
    Der Instrumenten-Palast als Konglomerationspunkt unterschiedlichster Menschen, die nur eine Sache verbindet: das Interesse an einem Musikinstrument oder Zubehörteil. Und damit die Chance über alle sozialen Schranken hinweg ein Gespräch beginnen zu können. Dadurch vielleicht Erfahrungsaustausch, Ideenaustausch, lockeres Fachsimpeln. Und dabei auch etwas lernen können. Nicht nur über den Trick, für einen besonderen Sound einen speziellen Tonabnehmer in die Strat einzusetzen oder den Hals mit einer speziellen Schraube an diesem Sax zu befestigen, sondern auch darüber, wie der Profi/Amateur/Newcomer tickt.
     
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  2. Katzenmusik

    Katzenmusik Administrator

    Man kann es auch so sagen: Mit der Vermietung der Immobilie wird mehr und vor allem risikoloser verdient als mit einem Ladengeschäft mit seinen zahlreichen Risiken: Personalkosten, Warenbestand, Behördenauflagen und mehr. So veröden die Städte. Versandhandel ist preisgünstiger, dazu brauchts eine gut funktionierende Logistik, ein paar Büroräume irgendwo und einen elektronischen Online-Shop. Was wir gegen die Verödung tun können? Sicher weiterhin bei Thomann &. Co. bestellen, der Service ist erstklassig, die Ware schnell geliefert. Aber auch in den guten Musikgeschäften nicht nur gucken, sondern auch kaufen. Hier im Forum braucht man das sicher niemandem zu sagen. Interessant sind übrigens auch die Kommentare unter dem Artikel.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15.März.2024
  3. ilikestitt

    ilikestitt Strebt nach Höherem

    Ist schon bedauerlich. Der Laden war über Jahrzehte die Institution in Berlin. Problematisch wurde es als er immer grösser wurde, die Ladenfläche grösser wurde und mit Thomann nicht mithalten konnte was die Preise angeht. Aber dem Laden hat auch eine sehr fragwürdige Türpollitik das Genick gebrochen. Wenn du vor Ort im Laden was probieren oder dich beraten lassen wolltest, musstest du erstmal an Türstehern vorbei, die keine Ahnung von irgendwas hatten. Der Laden hatte Probleme mit Diebstählen, also durfte man Taschen und Rucksäcke (egal welche Grösse) nicht mit reinnehmen. Eigene Instrumente eigentlich auch nicht. Nur dumm wenn du dann Mikrofone mit deinem Instrument testen willst. In die abschliessbaren Schränke passte ein Sax auch gar nicht rein, das sollte man einfach in der Nähe vom Sicherheitsmann stehen lassen (natürlich ohne Haftung). Das habe ich mir dreimal angetan und habe danach den Laden nie wieder besucht, weil ich die Diskussionen an der Tür leid war. Die Bläserabteilung von denen ist schon vor über einem Jahr über die Klinge gesprungen, die Notenabteilung kurze Zeit später. Die Beratung wurde jedes Jahr schlechter. Wenn ich überlege wie gut die waren als es noch ein kleiner Laden in der Pariser Str. war. Da konnte man Musikgrössen antreffen, die ebenfalls dort kauften und man wurde egal wie alt oder wissend man war umfangreich beraten. In dem grossen Flagshipstore hatte man nur das Gefühl als Kunde nicht erwünscht zu sein. Ich hatte damals schon dem Sicherheitsmann versucht zu erklären, daß der Laden so Kunden verlieren und pleite gehen würde, tut mir fast leid, daß ich damit recht hatte aber das war hausgemacht.
     
  4. Dreas

    Dreas Gehört zum Inventar

    Ich finde es nicht bedauerlich. Nichts ist beständiger als der Wandel.

    Und wer im stationären Handel nicht verstanden hat, dass der mehr oder weniger einzige Wettbewerbsvorteil gegenüber Online die persönliche, kompetente Betreuung der Kunden ist (s. Beitrag von @ilikestitt ), darf sich nicht wundern, wenn der Markt ihn abstraft.

    CzG

    Dreas
     
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  5. Silver

    Silver Strebt nach Höherem

    In Hamburg schwankte die Interaktion der JustMusic Leute zwischen Ignoranz und Inkompetenz. Ausnahmen bestätigten nur die Regel.
    Als ich mal in Berlin drin war, war es nicht besser. An der Tür hatte ich den Eindruck, der Typ wollte sich fürs Berghain empfehlen und ich würde versuchen, meine Enkeltochter aus dem Techno-Tempel zu entführen…

    Wie @Dreas richtig schreibt, fehlt mir das Mitleid für stationären Handel, der seine Trümpfe nicht ausspielt.
    Das gilt genauso für Gastronomie. Ich war am Mittwoch bei einem Griechen in eher ungünstiger Lage in Hamburg und keineswegs „billig“ … sack-voll!
    Der „Italiener“ zwei Ecken weiter: gähnend leer aber ein Jammerplakat wegen der Mehrwertsteuer an der Tür.
     
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  6. slowjoe

    slowjoe Strebt nach Höherem

    Dazu ein persönliches Erlebnis:

    Bin mit einem Saxdoc befreundet der hier in der Gegend seinen Laden / Werkstatt hat.
    Ich habe mal mitbeobachtet wie er einen Kunden über eine Stunde beraten hat, wie er ihn
    unterschiedliche Instrumente hat anspielen lassen etc.
    Zum Schluss meinte der Kunde dann "Danke für die kompetente Beratung, ich werde mir
    das noch mal überlegen". und verabschiedete sich.
    Der Saxdoc dann: "Siehste Joe, der hat jetzt einige Alternativen betrachtet, die Haptik beurteilt,
    sich seine Meinung gebildet und jetzt setzt er sich zu Hause an den PC und sucht nach
    dem niedrigsten Preis in ganz Deutschland. Und ich putze jetzt die angesabberten Instrumente und
    räume den ganzen Krempel wieder auf...".

    SlowJoe
     
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  7. Otfried

    Otfried Gehört zum Inventar

    @slowjoe
    Und wenn dann was mit den im Netz erworbenen Kannen nicht stimmt, kommt er wieder und erwartet Kulanz

    Gruß,
    Otfried
     
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  8. Bernd

    Bernd Gehört zum Inventar

    @slowjoe: solche „Kunden“ gibt’s durchaus. Aber es gibt auch die anderen, die so einen Service zu schätzen wissen und dann beim Serviceleister kaufen.

    Ich finde es um jedes Musikgeschäft, das schließen muss schade. Da geht immer ein Stück Erinnerung und Musikerromantik verloren. Aber es bewahrheitet sich immer wieder die alte Weisheit: „wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“ Und es bewahrheitet sich auch immer wieder, dass nicht die Großen die Kleinen fressen, sondern die Schnellen fressen die Langsamen.
    Und wenn die Schnellen groß geworden sind und sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, kommt irgendwann mal wieder ein schnellerer um die Ecke.
    Thomann war sicher einer der ganz schnellen und ist es trotz seiner Größe immer noch. Just Music war auch einmal ein Großer. Wer nicht ständig die Antennen ausfährt und versucht, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen - oder besser noch: zu antizipieren oder gar Trends zu schaffen, wird es immer gegen die schnellen schwer haben.
     
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  9. giuseppe

    giuseppe Strebt nach Höherem

    Mann, bin ich froh, dass ich in der Provinz lebe. :)
     
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  10. Dreas

    Dreas Gehört zum Inventar

    Und? Die Alternative? Diesen Service einstellen? Dann kannst Du gleich zusperren.

    Yep. Selbst Jeff Bezos geht davon aus, dass Amazon irgendwann wieder vom Markt verschwinden wird.

    CzG

    Dreas
     
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  11. SaxPistol

    SaxPistol Strebt nach Höherem

    Der Musikladen (Familienbetrieben, keine Kette), der 300m von mir entfernt lag und wo ich immer gern Zeugs gekauft habe, musste schließen, weil ihm der Vermieter die Miete drastisch hochgesetzt hat. Da ist jetzt ein Fahrradladen drin. Endlich mal ein Fahrradladen in Pankow! :mad:
     
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  12. JES

    JES Gehört zum Inventar

    Der Musikladen bei mir ums Eck ist auch zu, einschließlich der zugehörigen Musikschule. Der Mann ist gestorben, der Frau war es alleine zu viel, Kinder hatten keinen Bock (da verdient man sein Geld woanders einfacher und risikoloser mit viel weniger Arbeit), Nachfolger extern gab es nicht... That's life.
    Mein Gitarrero ist Rentner, kein Nachfolger, er macht noch was privat aus good will,... Mmhh.
    Bleibt, der Große...
     
  13. Kohlertfan

    Kohlertfan Strebt nach Höherem

    Ist ja auch ein ziemliches Vermögen, das man sich in den Laden stellen muss.
     
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  14. Bernd

    Bernd Gehört zum Inventar

    Sicher. Wobei mich interessieren würde, ob die Instrumente und das Zubehör wirklich alles bezahlt ist.

    Ich war von 1979 bis 2006 in der Schmuck- und Uhrenbranche aktiv. Da war es nicht unüblich, dass mit Auswahlen gearbeitet wurde.
    Heißt: der Juwelier bestellt beim Hersteller oder Großhändler Ware für einen Betrag X. Für mindestens den gleichen Wert stellt ihm der Lieferant Ware in Kommission zur Verfügung, die nach Ablauf der vereinbarten Zeit abgerechnet wird.
     
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  15. Earlybird

    Earlybird Schaut öfter mal vorbei

    Das „Session“ in Frankfurt hat seine komplette „Blasabteilung wegen zu geringer Nachfrage geschlossen.
    Das muss wohl über den Jahreswechsel passiert sein.
    Sehr traurig
     
  16. Bernd

    Bernd Gehört zum Inventar

    Session in Walldorf hat eine beeindruckende Auswahl an Saxophonen. Wenn die Nachfrage sinkt, macht es Sinn, das Angebot in einer Niederlassung aufzulösen und in einer anderen zu konzentrieren. Die beiden Standorte sind gerade einmal 100 Kilometer voneinander entfernt.
     
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  17. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    JustMusic gehört der Stock-Familie (Immobilien, Musikgroßhandel …) und hatte damals versucht, von Berlin aus Deutschland-weit zu expandieren.

    In Dortmund haben sie das Traditionsunternehmen Jellinghaus aufgekauft, stark umstrukturiert und das Personal mit deutlichen Gehaltskürzungen übernommen. Nach meinen Informationen hatten sie hierdurch eine schwarze Null geschrieben, aber die Gewinnerwartungen nicht erfüllen können.

    Ein Teil der Mitarbeiter haben dann am gleichen Standort einen eigenen Musikladen aufgemacht.

    Mich würde sehr interessieren, ob der lokale Laden von Thomann alleine wirtschaftlich ist oder ob das Onlinegeschäft den Laden mitträgt.
     
  18. scenarnick

    scenarnick Administrator

    Verzichte auf die Vorsilbe "mit-". Ich bin mir sehr sicher, dass der lokale Umsatz das Geschäft nicht tragen würde. Der lokale Umsatz hat Hans Thomann in eine gute Position gebracht - damals. Jetzt würde ich auf 5% lokal und 95% Online tippen. Rein meine Vermutung.
     
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  19. Dreas

    Dreas Gehört zum Inventar

    Umsatz 2021: 1,2 Mrd
    Gewinn 2021: 91,3 Mill

    Der stationäre Handel dürfte bei der Größenordnung eine weit untergeordnete Rolle spielen.

    CzG

    Dreas
     
  20. Bereckis

    Bereckis Gehört zum Inventar

    @scenarnick @Dreas Ein Musikalien-Komplettanbieter ohne Onlinegeschäft würde dann nicht existieren können?
     
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