Jazz... auf verlorenem Posten?

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von lemon, 7.Januar.2012.

  1. ppue

    ppue Mod Experte

    Ich finde, der Mainstream stirbt aus. Gewagte Hypothese, ich weiß, hehe.

    Aber die Zeit der großen Musikstile ist vorbei wie auch die Zeit der Megastars abläuft. Das hängt mit den Produktionsmechanismen der Musikindustrie zusammen, die früher monopolartig den Markt beherrschten.

    Im Internetzeitalter kann jeder Musik zu Hause produzieren und in einer Sekunde weltweit veröffentlichen. Das zum einen, zum anderen kann die ganze Welt die ganze Welt hören. Noch nie gab es so eine Vielfalt an musikalischen Richtungen wie heute und die Begriffe Crossover oder Fusion zeigen den Trend klar an.

    Die eigenständigen Stile verwischen zusehends und alle beeinflussen alle. Auch die sozialen Unterschiede werden virtuell aufgehoben, so dass es nicht mehr die klaren Zielgruppen wie früher gab (-: z.B. Oberschüler).

    Das alles schreibe ich wertfrei. Die Sache hat zwei Gesichter. Einerseits schön, dass es solche Vielfalt gibt, andererseits gibt es weniger 'originale' Musikstile, die an Regionen (New Orleans, Reggae) oder soziale Bewegungen (Rap) geknüpft sind.
     
  2. prinzipal

    prinzipal Ist fast schon zuhause hier

    irgendwie scheint mir, die musik"stile" entspringen denjenigen lebenden menschen, die in ihrer umwelt reagierend leben.
    die kaputtmachmusik der späten 60er ging ja auch in etwa los mit der alabama- busbenutzerin- revolte ... und, ja: da hat sich was getan.

    da es keinen mainstream mehr gibt sondern alles durcheinanderwuselt, klingt der stilmix halt so.

    wobei die kleineren sub communities eher wieder auf vinyl und kompromißlose konzertgeherei stehen, als auf das daunlohden und dingsen.

    macht auch mehr spaß !

    oder es ist alles eine geheime musikindustrielle verschwörung !!!

    immerhin gibt es so viele jazzsudiengänge wie noch nie in schlant, alles amtlich und bätscholorisiert, und so viele bigbands an schulen wie noch nie.

    da frage ich mich: was machen alle diese musikerInnen in ihrer freizeit ?

    :cool:
     
  3. Kommissar-Speciale

    Kommissar-Speciale Ist fast schon zuhause hier


    Hallo Lemon!

    Ich lese hier zu viel: "Ich bin was besseres, denn ich gehöre einer Randgruppe an."

    Deswegen fällt meine Antwort auch knapp aus:
    Musik unterliegt ständiger Veränderung und muss das auch. Ansonsten würde sie stagnieren und dadurch wirklich "aussterben".
    Und die Aussage "Gute Jazzmusiker werden immer weniger." empfinde ich ebenfalls als hochmütig. Wer bestimmt wer ein guter Jazzmusiker ist? Vor allem: Guter Jazzer im Vergleich zu was oder wem?
    Mir sind jedenfalls viele sehr gute Bands bekannt, die interessante Wege gehen und sich kreativ ausleben. Ob das nun "gute oder schlechte" Jazzer sind, möchte ich nicht verallgemeinern.

    Im Allgemeinen stimme ich ppue zu. Die Zeit der "Megastars" ist abgelaufen - und das ist mal eine gute Entwicklung. Ich bin Freund der Vielfalt.

    So far.
     
  4. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Hallo!

    Naja, ich hab' mir meinen Musikgeschmack nicht bewusst ausgesucht. Wenn ich immer schon einfach nur 'Bravo-Hits NR. xxx' hören wollte - das wäre wesentlich einfacher gewesen!

    Heutzutage, YouTube und Co. sei's gedankt, findet man viele Inspirationen, tolle Musik und weiß, was man sich bestellen kann.

    Und ein ehemaliger Nachbar, der jedesmal Zustände bekam, wenn er mal vorbeischaute und eine CD lief, meint nur: "Mit *der* Musik krixe *nie* 'ne Freundin!" Da kann ich in der Retrospektive nur anmerken: "Weit gefehlt, junger Recke!"


    Gestern noch, passend zur Stimmung:
    http://www.youtube.com/watch?v=JUtnwNVMQhs

    Das muss nicht jeder mögen. Mir doch egal!

    Grüße
    Roland
     
  5. Mini

    Mini Ist fast schon zuhause hier

    @Roland

    Ich mag es.

    Gruß
    Mini
     
  6. cara

    cara Strebt nach Höherem

    @Roland

    Ich mag's auch, wunderschön :-D

    Gruß Cara
     
  7. HarryK

    HarryK Kann einfach nicht wegbleiben

    Hallo Gemeinde!

    Warum schließt die Liebe zum Jazz die Lust an Rockmusik aus?
    Ich höre genauso gerne Klassik. Sogar Volksmusik kann ich nicht ausschließen.
    Was ist "gute" Musik? Das ist doch eine individuelle Geschmacksfrage. Wie in der Kunst, Mode, beim Essen. Auch Mainstream kann wie Pommes mit Ketchup Spaß machen.

    @lemon: ich hab auch fast 30 Jahre gebraucht um den Jazz zu entdecken. Sei froh, dass du dieses Erlebnis schon in jungen Jahren gemacht hast.


    Grüße

    Harry


     
  8. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Es ist, was ist.........egal wie wir es nennen.
     
  9. lemon

    lemon Ist fast schon zuhause hier

    @Kommissar Speciale

    Ich fühle mich hier gerade echt persönlich angegriffen...

    Mit meiner Aussage: "gute" Jazzmusiker werden immer weniger, war eher gemeint, dass es mir sehr wahrscheinlich so vorkommt, weil es durch mangelndes Interesse der breiten Masse, deren Musik ja nicht schlecht sein muss, eine meiner Lieblingsbands (Name nenne ich jetzt mal nicht, das gäbe nur Streit) würde ich selbst als eher Mainstream bezeichnen, nur wenige Jazzveranstaltungen gibt... deshalb tätigte ich die möglicherweise Falsche Annahme das Jazzmusiker allgemein zurückgehen.

    Weiterhin, bin ich ein sehr großer Verfechter der Annahme, dass man Musik nicht bewerten kann oder es versuchen sollte.
    Trotzdem kann man in der Musik die Spreu vom Weizen trennen kann. Das ist meine Meinung.

    Im Rest deines Textes stimme ich dir in großen Teilen zu, dieses wie du es nennst:
    kann ich mich auch nur entgegen stellen... das war nicht das worüber ich hier reden wollte. Ich finde es zwar schön auf dieser Ebene ein "Individuum" zu sein, aber mich deswegen besser zu fühlen käme mir nicht in den Sinn.

    und jetzt mal:

    @Harry K Da muss ich dir zustimmen! Ich finde jeder sollte möglichst breit gefecherte Musik hören. Ich höre auch nicht nur Jazz, sondern auch wie oben geschrieben den zum Teil von mir geliebt bis gehassten Mainstream über Klassik bis Rock und darüber hinaus, aber ich denke jeder hat Musik, bei der sich die Haare streuben, dsa ist normal.

    Ich habe vielleicht meinen Wortlaut schlecht gewählt... aber ich lasse mich nicht defamieren ohne dazu Stellung zu nehmen.

    In diesem Sinne.

    MfG und nachdem ich meinem Ärger etwas Luft gemacht habe auch einem Friedensangebot an Kommissar Speciale.

    Lemon
     
  10. ppue

    ppue Mod Experte

    Genau wie beim Wein beurteile ich natürlich auch die Qualität von Musik. Beim Wein die Balance von Säure und Alkohol, die Länge des Abgangs, die Komplexität des Buketts und des Geschmacks, die Härte der Tannine und so fort.

    Beim Jazz beurteile ich Musikalität, Einfallsreichtum, Spannung, Kreativität, Authentizität, Technik, Zusammenspiel und anderes mehr.

    Wie beim Wein gilt auch hier, dass derjenige gut beurteilen kann, der sich lange mit der Materie auseinander gesetzt hat.

    Das heißt nun nicht, dass ein jeder nicht guten Wein oder gute Musik hören dürfte. Ein Laie auf dem Gebiet kann aber die Qualität nicht abschätzen, sondern nur sagen, schmeckt mir oder nicht.

    Das heißt sicher auch nicht, dass sich alle Experten in ihrer Beurteilung immer einig sind. Dann sollen sie da gerne darüber streiten.
     
  11. flar

    flar Guest

    Ppue schrieb:
    Zitat:

    „Das heißt sicher auch nicht, dass sich alle Experten in ihrer Beurteilung immer einig sind. Dann sollen sie da gerne darüber streiten.“

    Das kommt wahrscheinlich da her das auch Leute die die Qualität abschätzen können das „schmeckt mir/ schmeckt mir nicht“ im Kopf nicht abstellen können!

    Viele grüße Flar
     
  12. Thomas

    Thomas Strebt nach Höherem

    ja, schon, Wenn man in die Materie eingetaucht ist, hat man sich eingearbeitet in den Satz von Kriterien, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben. Du kannst als Experte dann auch den Wein anhand dieser Kriterien einordnen und klassifizieren. Und dann? Dann setzt jeder Experte den Wertebereich der einzelnen Kriterien in einen anderen, eigenen Gütefaktor um. Ist das so gewonnene (subjektive) Urteil des Experten über die Qualität des Weines wertvoller als das ebenso subjektive "schmeckt mir" des Laien?
     
  13. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Hallo!

    Wenn ich sage 'Ja' und Du 'Nein', dann können andere wieder beurteilen, wie wir die Beurteilung anderer beurteilen.

    Wenn ich drei Vögel wär', könnte ich sehen, wie ich hinter mir herfliege.


    Nee, im Ernst: Gibt zwischen 100%-Bauchgefühl des Uwissenden (Ich weiß, was mir schmeckt!) und Experten, die sich in feinste Feinheiten verstricken (der Triller im 3. Satz wirkt im Gesamtarrangement eine Spur zu forciert) , noch ein weites Feld dazwischen, wo ich sage: Erfahrungen und Kategorisierungen, um ähnliche Eindrücke oder halt verschiedene einzusorteiren, ist ja nicht verkehrt.


    Grüße
    Roland
     
  14. Thomas

    Thomas Strebt nach Höherem

    verkehrt sicher nicht, aber während ich Deinen Beitrag lese, goutiere ich mal wieder tbecks Tip "Smul's Paradise" mit einem ganz ordinären "schmeckt mir" :lol:
     
  15. lemon

    lemon Ist fast schon zuhause hier

    @ppue Das hast du schön gesagt... weder habe ich in meinem bisherigen Leben genügend Wein getrunken um da mitreden zu können. :-D

    Aber die Message stimmt.

    Noch möchte ich mir anmaßen über Musik zu urteilen.

    Aber die Spreu vom Weizen trennen, um mich selbst zu zitieren, sollte trotzdem jeder können.

    Mit freundlichen Grüßen Lemon
     
  16. ppue

    ppue Mod Experte

    @Thomas

    Die eigene Vorliebe spielt sicher auch eine Rolle und wir sind nie ganz frei davon, da hast du sicher Recht.
    Ich wollte nur dem alles aufweichenden Argument, es sei nur Geschmackssache, etwas entgegen setzen.

    Bleiben wir beim Wein: ich habe oft erlebt, dass ein guter Bordeaux einem Nichtkenner gar nicht schmeckte. Genau so können komplizierte Rhythmen oder Changes einen Laien schnell überfordern. Wenn etwas nicht schmeckt, heißt das eben nicht, dass das Produkt schlecht ist.

    Keine schlechte Idee, mal ein Frettchen aufzumachen, wo wir versuchen, verschiedene Aufnahmen zu kritisieren.

    Immerhin sind die Kritiken in den TotM-Threads auch oft fundiert. Es kommt eben darauf an, ob die Kritik aus einer Laune (schmeckt mir) heraus oder anhand vergleichbarer, übertragbarer Kriterien gemacht ist.

     
  17. jaaz47

    jaaz47 Ist fast schon zuhause hier

    ich habe bisher nur mitgelesen und finde es toll, wie es hier
    geschafft wird, den faden nicht zu verlieren!!!!!!!!!!!!!!

    ich habe vor ein paar tagen im radio einen interessanten bericht dazu gehört.

    hörgewohnheiten - musik - werden schon sehr früh initiiert. dadurch sind gängige musikstile - mainstream - für uns 'leichter' hörbar.
    wenn dann z.b. moderne musik gespielt wird, können die meisten menschen damit nur wenig anfangen. stehen der sache eher ablehnend gegenüber.

    'das passt nicht in das gängige hörschema'!

    es gibt dann die eine gruppe, da weckt das neugier und die andere, da kommt die totale ablehnung.

    mainstream (unterhaltungsmusik) kann man eben mal nebenher hören. wer sich mal spass gönnt und einen ganzen abend z.b. charlie parker oder john coltrane hört, wird auch schnell an seine grenzen stossen. da muss man sich drauf einlassen, zuhören!

    soll heissen, auch jazz ist nicht immer leichte kost.

    ich bin über die klassik zum jazz gekommen. bei mir war es neugier.

    ich war damals eher ein einzelgänger, eben vergleichbar mit den menschen, die sich mit moderner musik auseinander setzen.

    ein solcher abend ist anstrengend aber anregend!

    jazz wird aus meiner sicht nicht aussterben, aber immer nur eine randerscheinung bleiben. ist vielleicht auch besser so :)

    stellt euch doch man vor, die heutigen radiomoderatoren müssten sich mit jazzmusik herumschlagen und ihr würdet im laufe eines tages zum 10ten mal widerholt, ein stück von miles davis hören dürfen!

    jaaz47 :pint:
     
  18. magick

    magick Kann einfach nicht wegbleiben

    Wir hatten letztens in der Firma eine Diskussion über Musik. Während bei praktisch allem das Argument zugelassen wurde "Entweder man mags oder halt nicht, ist halt Geschmackssache" (Pop, Rock, Klassik etc.) kamen beim Thema Jazz sofort alle klassischen Vorurteile. Das ist nur Krach. Sinnlos aneinandergereihte Töne die Leute nur deshlab beklatschen, weil sie denken damit zu einer elitären Gruppe zu gehören (und das von jemandem, der zur Zeit ausschliesslich Wagner hört und alles andere als Mist bezeichnet :)

    Ich muss zugeben, das war bis vor kurzem auch meine Meinung. Zum einen waren mir viele Musikstücke, die ich mag, gar nicht als Jazz bewusst, zum anderen hatte ich nie wirklich viel Kontakt zu Jazz. Ich habe mich im letzten Jahr im Zuge des Saxophon spielen lernens auch mit Jazz beschäftigt. Eigentlich auch nur, weils sich halt fürs Sax anbietet und ich sowieso etwas ziellos bei der Sache war. Mir war klar, ich will Saxophon spielen, aber mir war nicht so recht klar, was eigentlich.

    Dadurch, dass ich mich sowohl auf theoretischer (aha, die Töne kommen garnicht zufällig, da steckt ganz schön was hinter) als auch auf praktischer Seite (eben durchs spielen) genähert habe, bekomme ich langsam ein Gefühl für die Sache. Habe ich mich anfangs noch gezwungen ab und zu Jazz zu hören, mache ich das inzwischen sogar freiwillig.

    Was will ich mit dem Schwall hier sagen? Wenn man mit Jazz nicht aufgewachsen ist, muss man sich Jazz häufig erhören. Da es mit den geprägten Hörgewohnheiten oft kollidiert, erschliesst sich Jazz häfig nicht von alleine. Ignorante Vorurteile helfen da auch nicht.

    Wobei ich da behutsam rangehe, eher klassischen Jazz höre und bei zuviel Skalengewusel auch die Lust verliere. Und Freejazz und ich werden niemals Freunde.
     
  19. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem


    Eine wunderbare Idee, ppue!

    Meist gehen ja Nichtgefallen und Herabwürdigen Hand in Hand, gleich ob es nun experimentelle Musik oder Kenny G ist.



    Liebe Grüße

    Chris
     
  20. Thomas

    Thomas Strebt nach Höherem

    sag niemals nie...einfach immer mal wieder reingucken... man hat ja nix zu verlieren aber vielleicht viel zu gewinnen...
     
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