Jazz... auf verlorenem Posten?

Dieses Thema im Forum "Eigene (musikrelevante) Themen" wurde erstellt von lemon, 7.Januar.2012.

  1. Roland

    Roland Strebt nach Höherem

    Hallo!

    Zitate:
    'das passt nicht in das gängige hörschema'!
    Das ist nur Krach. Sinnlos aneinandergereihte Töne

    Sach ich nur - Spruch ist nicht von mir, habe ich von meiner Freundin aufgeschnappt:
    'Musikalische Erziehung beginnt neun Monate vor der Geburt .... der Mutter!'

    Andererseits kenne ich einen Fall, wo sich die Person abgedrehte Sachen anhören kann und will, obwohl mit WDR4-Hörer als Mutter aufgewachsen. Man kann sich von den Konditionierungen befreien! :)


    Grüße
    Roland
     
  2. edosaxt

    edosaxt Strebt nach Höherem

    @roland
    Sehr kluge Freundin hast du!

    ist ja hoffentlich keine Konditionierung, sondern lediglich eine musikalische Sozialisation und dafür gelten die selben Regeln wie bei allen anderen zu erwerbenden Kulturtechniken

    lg
    edo
     
  3. 47tmb

    47tmb Gehört zum Inventar

    Aber ist das nicht Schablone, Schublade?

    Es sind "vergleichbare, übertragbare Kritereien" festgelegt(?), nach denen ich abhaken(?) kann, ob eine Musik gut (den Kriterien entsprechend) oder schlecht (den Kriterien nicht(!) entsprechend) ist.
    Sorry! Das wäre mir zu eindimensional.

    Gib mir die Checkliste und ich werde ein kurziger Musikkritiker! Ach nee, die Checklist gibt es ja nur im Studium :)oder wie war das jetzt :lol:

    Geschmackliche Güße
    tmb
     
  4. flar

    flar Guest

    Jazz47 schrieb:
    Zitat:

    mainstream (unterhaltungsmusik)

    Dem möchte ich für MEINE Person widersprechen. Wenn ich mir z.B.Frank Zappa anhöre fühle ich mich von seinen Aufnahmen mit dem London Sinfonie Orchester genauso gut unterhalten wie von Bobby Brown oder anderen „leichten“ Sachen die er gemacht hat. Ich habe extra MEINE Person geschrieben weil ich nicht weiß ob das allen so geht, aber wenn ich mir eine CD mit sogenannter „Neuer“ Musik auflege und mir Gedanken über die Musik mache unterhält mich das. Etwas anderes ist es wenn ich mich hin setze und aus einem Song eine Stimme heraus schreibe, das macht zwar auch Spaß, würde ich aber eher als Arbeit bezeichnen. Ist die Stimme aufgeschrieben und ich höre mir den gleichen Song wieder an und achte wieder auf alle Stimmen, den Song als ganzes, fühle ich wieder unterhalten.Wie gesagt, ist vielleicht eine sehr persönliche Sichtweise des Begriffs Unterhaltungsmusik.
    Viele Grüße Flar
     
  5. Saxhenry

    Saxhenry Ist fast schon zuhause hier

    magick schrieb:

    Ich muss zugeben, das war bis vor kurzem auch meine Meinung. Zum einen waren mir viele Musikstücke, die ich mag, gar nicht als Jazz bewusst, zum anderen hatte ich nie wirklich viel Kontakt zu Jazz. Ich habe mich im letzten Jahr im Zuge des Saxophon spielen lernens auch mit Jazz beschäftigt. Eigentlich auch nur, weils sich halt fürs Sax anbietet und ich sowieso etwas ziellos bei der Sache war. Mir war klar, ich will Saxophon spielen, aber mir war nicht so recht klar, was eigentlich.

    Dadurch, dass ich mich sowohl auf theoretischer (aha, die Töne kommen garnicht zufällig, da steckt ganz schön was hinter) als auch auf praktischer Seite (eben durchs spielen) genähert habe, bekomme ich langsam ein Gefühl für die Sache. Habe ich mich anfangs noch gezwungen ab und zu Jazz zu hören, mache ich das inzwischen sogar freiwillig.

    Was will ich mit dem Schwall hier sagen? Wenn man mit Jazz nicht aufgewachsen ist, muss man sich Jazz häufig erhören. Da es mit den geprägten Hörgewohnheiten oft kollidiert, erschliesst sich Jazz häfig nicht von alleine. Ignorante Vorurteile helfen da auch nicht.

    Wobei ich da behutsam rangehe, eher klassischen Jazz höre und bei zuviel Skalengewusel auch die Lust verliere. Und Freejazz und ich werden niemals Freunde.

    Ist bei mir eins zu eins genauso abgelaufen wie oben beschrieben. Zufälle gibt es :)!
    Möchte auf Jazz nicht mehr verzichten!!
     
  6. Mini

    Mini Ist fast schon zuhause hier

    Saxhenry schrieb:

    Da kann ich für meinen Teil "Jazz" durch jede andere Musikrichtung ersetzen, die für mich das Potential zu "guter" Musik hat.

    Anders herum: Jede Musikrichtung, für die dieser Satz nicht gilt, hat für mich wenig Potential zu "guter" Musik.

    Ich habe allerdings das starke Gefühl, dass viel Musik verbreitet wird, zu deren Rezeption weder aufgewachsen noch erhört werden muss, also keinerlei kulturelle Sozialisation notwendig ist.

    Gruß
    Mini
     
  7. Gast

    Gast Guest

    @Mini

    """
    Saxhenry schrieb:

    Zitat:

    Wenn man mit Jazz nicht aufgewachsen ist, muss man sich Jazz häufig erhören. Da es mit den geprägten Hörgewohnheiten oft kollidiert, erschliesst sich Jazz häufig nicht von alleine.



    Da kann ich für meinen Teil "Jazz" durch jede andere Musikrichtung ersetzen, die für mich das Potential zu "guter" Musik hat."""


    >>> DAS würde ich so ja nicht unbedingt unterschreiben wollen.
    Es gibt "gute" ( alias "Anspruchsvolle") Musik aus den verschiedensten Richtungen, - sei es Klassik, Latin, Rock, Afro, Folk , ..... die eben auch für "ungeübte" Ohren weitaus eingängiger ist als viele JAZZ-Interpretationen...und die man sich nicht erst von Null auf "erhören" muss, bevor sie einem gefallen.....auch wenn man evtl nicht gleich versteht, was die da eigentlich genau machen.
    Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Musik aus dem Senegal ist für viele Menschen auf Anhieb angenehm und sogar Tanzbar
    ......wenn ein Musiker jedoch das polyrhythmische Wirrwarr mal durchnotiert sähe, bekäme er vielleicht einen Schreck...
    denn das sind durchaus komplexe und durchdachte musikalische Gebilde der Sonderklasse....also "gute Musik"...aber dennoch per OHR erstmal leicht verdaulich.
    Beim JAZZ ist das halt nicht unbedingt der Fall....da gefällt auch mir bis heute ne ganze Menge nicht...obwohl ich mich auf gewissen Ebenen recht ordentlich damit befasst habe.

    LG

    CBP
     
  8. jaaz47

    jaaz47 Ist fast schon zuhause hier



    Ich habe vor einiger Zeit (Monate), das Vergnügen gehabt, das gesamte Orgelwerk von Bach zu digitalisieren (15 LP's).
    Dabei musste der Lautsprecher eingeschaltet bleiben! Am Ende war es nur noch ein Orgel-'Brei'.
    Die darauf folgende LP war dann Charly Parker und Dizzy Gillespie.
    Ich wusste gar nicht mehr, wie schön BeBop in seiner härtesten Form sein kann.
    Anmerkung: ich komme von der Klassik! :lol:

    Weiter kam mir in diesem Zusammenhang der Gedanke, dass es zwischen Klassik, z.B. Bach und Blues, Jazz, gar nicht so weit auseinander ist.
    Beides baut doch auf ganz strengen Mustern auf.
    Das mag vielleicht etwas vereinfacht sein.
    Wenn man dann im Jazz weiter geht, kommen im Swing die ersten Improvisationen dazu.
    Die haben die alten Meister auch gemacht, vielleicht in anderer Form, aber es hat sie gegeben.

    Was viele Menschen in meinem Umfeld von Jazz abgehalten oder verschreckt hat, sind Tonfolgen, die sich im oberen Bereich bewegen. Da sind können die dominierenden Instrumente: Saxophon und Trompete, für das ungeübte Ohr schon gemein werden! :hammer:

    jaaz47 :pint:
     
  9. Gelöschtes Mitglied 5328

    Gelöschtes Mitglied 5328 Guest

    @ CBP

    DEN Jazz gibt es halt auch nicht. Der Jazz der 20iger bis 40iger (Swing, Big Band, etc.) ist ja nun ganz anders eingängig und unkomplizierter zu hören als der "moderne" Jazz bis hin zum Freejazz.

    In meinem Freundeskreis habe ich auch Leute, die sagten "Jazz" wäre nicht ihr Ding, wäre zu anstrengend.

    Und dann spiele ich "Blue Moon", "My Way" oder "Satin Doll" und die sind begeistert und dann verwundert, wenn ich sage, das ist eben auch "Jazz".

    LG

    Dreas

     
  10. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Hallo Dreas,

    nein, das ist Tanzmusik...........


    Aber gute Musiker sind in der Lage sogar daraus noch Jazz zu machen. :cool:

    Liebe Grüße

    Chris
     
  11. Gast

    Gast Guest

    @Dreas

    Jaaa....schon richtig.
    Vielleicht muss ich mich präziser ausdrücken >
    Wenn ich von "DEM" Jazz rede, der eben NICHT eingängig ist,
    dann meine ich natürlich auch eher die """"Unangenehmen""" Ligen wie Free, Fusion, usw.

    Solche alten ""Kamellen"" z.B. wie meinethalben ein "Wildcatblues" oder auch "Take 5"....werden von den meisten Leuten heutzutage ja garnicht mehr als "JAZZ" erfahren....erst recht nicht irgendwelche Swingnummern....mit denen schon unsere Eltern aufgewachsen sind.

    Da haben DAMALS vielleicht die Leute die Köpfe drüber geschüttelt....heute laufen solche Melodien im Kinderfernsehprogramm.

    Umso mehr ein Beweis dafür, dass JAZZ lebt und sich entwickelt....und alles andere als auf einem verlorenen Posten steht.


    Ich selbst bin ja absolut kein ""Amijazzer"" sondern bekennender "AFROJAZZER" ...was weitaus mehr in Richtung Free geht...und extreme Rhythmen beinhaltet....das macht es halt "EINFACH" ....weil die Leute dazu tanzen können...auch wenn sie mein kreischendes und brummendes Gebläse dadrüber evtl nicht verstehen....Aaaaber es öffnet halt Türen ...oder Tore....die nicht erst erlernt werden müssen...sondern einfach mal erlebt...dann klappt das meist schon ;-) ;-)

    Davon abgesehen.....ich spiele Ska , Latin und Reggae....auf der Bühne....

    Afrojazz nur in einschlägigen Kneipen oder Bühnen....vor KLEINEREM Publikum....also meine Erfahrung mag nicht allgemeingültig sein...aber gelten tut sie dennoch ;-)

    LG
    CBP
     
  12. Gast

    Gast Guest

    PS

    Hier mal ein eher harmloses aber vielleicht erklärendes Beispiel:


    http://www.youtube.com/watch?v=ae3y99jsJuk




    Das ist noch echt brav....aber dennoch genial in meinen Ohren...und man muss sich da auch nicht gross reinhören.

    LG CBP
     
  13. Gast

    Gast Guest

    MIST !!!

    Jetzt habe ich den vorhergehenden Link schonmal editiert....es ist aber immer noch nicht der, den ich eigentlich haben wollte.
    Da mal wieder meine Surfgeschwindigkeit reduziert ist...bis zur nächsten Prepaidcard, kann ich in die Links nur bedingt reinhören.

    Wen s interessiert , der höre sich mal durch die Toure Kundas durch...oder google auch mal nach "Witchdoctors Son"....DAS ist schon etwas heftiger....nix für Oma und Opa....und DENNOCH werden sie dazu mit den Füssen wackeln ;-)

    LG

    CBP
     
  14. Jazzzzer

    Jazzzzer Ist fast schon zuhause hier

    Wobei Bach dem Barock zuzuordnen wäre, was aufgrund der Vorgehensweise der Komponisten so ziemlich das exakte Gegenteil zur Klassik (wie z.B. Haydn) ist.

    Viele Grüße
    Lukas
     
  15. lemon

    lemon Ist fast schon zuhause hier

    Irgendwie artet die Diskussion aus...
     
  16. ppue

    ppue Mod Experte

    Nein, ich sage nicht, dass man die Kriterien abhaken kann, quasi Punkte verteilen könnte, aber ohne Vergleiche zu ziehen gibt es keine Beurteilung.

    Mal ein Beispiel:

    Ein Kriterium wäre Dynamik. Würde ich dem Cool Jazz damit zu Leibe rücken, dann schnitte er schlecht ab. Das wäre, wie wenn man der monochromen Malerei die fehlende Perspektive vor würfe.
    Ich muss hier also andere Kriterien anlegen, um die Qualität beurteilen zu können. In der Kunst ganz wichtig ist die historische Einordnung. Ich kann ohne das Wissen um die Swing-Ära und Bebop den Cool Jazz nicht beurteilen.

    Die Musik ist nicht gut oder schlecht, wenn sie dynamisch ist. Der Bebop ist gut, weil er dynamisch ist und der Cool Jazz, weil er sie heraus nimmt. Das ist eine Trendwende, eine nötige, gewesen. Und doch bleibt das Kriterium Kriterium, das vergleichbare.

    Andere Kriterien sind stilübergreifend und gelten für alle Zeiten: z.B. die Originalität, eng mit der Authentizität verknüpft. Wird ein Stil abgekupfert oder kommerziell ausgebeutet, dann schrumpft der Wert. In der Wirtschaft nennt sich das Inflation.

    Heutzutage gibt es technisch bessere Saxophonisten als Charlie Parker. Sie kommen aber an seine Kunst nicht ran, weil sie nicht diejenigen sind, die damals diese Kunstform entdeckten.

    Adorno hat sich sehr über die Eindimensionalität der harmonischen Strukturen des Jazz aufgeregt. Die Bebopper haben die Harmonien zwar vertikal ausgebaut, aber nicht geschafft, von den alten Songstrukturen los zu kommen. 32 Takte, AABA, Recht hatte der Philosoph und das gibt Minuspunkte.

    Selbst politische und soziale Themen, die bestimmte Songs aufgreifen oder eben nicht, sind für mich ein Kriterium. Strange Fruit, gesungen von Billie Holiday schneidet da besser ab als der One Note Samba, dem wiederum eine sehr originelle, neue Idee zu Grunde liegt.

    Will sagen, verschiedene Stücke haben verschiedene Ansprüche und verlangen sicherlich nach verschiedenen Kriterien, dennoch kann ich sie nicht ohne diese und ohne zu vergleichen beurteilen. Ohne Vergleiche bliebe die Aussage: jedes Stück ist irgend wie anders.
     
  17. jaaz47

    jaaz47 Ist fast schon zuhause hier


    ein punkt, der m.e. für viele neulinge, den jazz so 'schwierig' macht: ist seine bandbreite, seine vielfalt, sein andauernder wandel. natürlich hat es das auch in der klassik gegeben, aber im jazz stellt sich das in einer sehr komprimierten form dar.

    als beispiel möchte ich hier nur eine aufnahme des modern jazz quartet's aus den frühen 60ern anführen:

    http://www.youtube.com/watch?v=PctrIaxXIF4

    das war damals eine kleine sensation. heute holt man damit keinen bären aus der höhle.

    ein anderer aspekt, der hier noch einfliessen sollte, jazz war in den 50 und 60ern in gewisser weise auch politisch. wer hat damals den jazz gehört? eine kleine intelektuelle schicht. die masse hat sich brav mit gerhard wendland, helmut zacharias und frey quinn begnügt. das ist heute nicht anders. warum auch!


    jaaz47 :pint:
     
  18. rbur

    rbur Gehört zum Inventar

    Drum ist es ja grade so wichtig, erstmal mit was "einfachem" wie Pentatonik und Bluesschema anzufangen. Dann kann man sich auch auf die Aspekte wie Dynamik ect. konzentrieren.

    Wenn man alle zwei Takte überlegen muss, wie denn nun die Cis-delta-minus-drei-neun-elf Tonleiter geht, bleibt für den Rest nicht mehr so viel.
     
  19. Gelöschtes Mitglied 1142

    Gelöschtes Mitglied 1142 Guest

    @ ppue - #56: Danke. Ich finde, Du hast ein komplexes Thema mal wieder einfach und leicht verständlich erklärt.

    @ rbur: Pentatonik und Bluesschema. Zu Anfang zumindest über die üblichen gebräuchlichen Tonarten mit bis zu 3 Vorzeichen. Da bist du bei 1 Stunde täglichem üben gut ein Jahr beschäftigt. Und das ist erst das Gerüst.....

    Gruß aus dem Schwarzwald
    Bernd
     
  20. Mini

    Mini Ist fast schon zuhause hier

    @CBP

    Ich meinte auch nicht, dass der ungeübte bei guter Musik laut schreiend davonlaufen muss. Das "Einhören" bezieht sich aus meiner Sicht darauf, Strukturen und Elemente in der Musik erkennen zu lernen. Dazu müssen diese halt vorhanden sein.

    1) Es gibt gute Musik, die eingängig und leicht zu hören ist. Das ist vielleicht die größte Kunst.

    2) Es gibt gute Musik, die nicht leicht zu hören ist. Daran entzünden sich die Geister.

    3) Es gibt schlechte Musik, die leicht zu hören ist. Mag ich nicht.

    4) Es gibt schlechte Musik, die nicht leicht zu hören ist. Zuweilen schwer von 2) zu unterscheiden. Huurz.

    5) Es gibt alle Mischformen. Z. b. gute Musik, die man durch Zumischung von schlechter Musik vermeintich leichter hörbar machen will. Ist ja von Bach bis Augsbuger Puppenkiste durchexerziert worden. Manchmal sind die Reste der guten Musik auch gar nicht mehr vorhanden, das heißt dann volkstümlich.

    Gruß
    Mini






     
  1. Diese Seite verwendet Cookies, um Inhalte zu personalisieren, diese deiner Erfahrung anzupassen und dich nach der Registrierung angemeldet zu halten.
    Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies.
    Information ausblenden