Muss Klassik sein ?

Dieses Thema im Forum "Anfänger Forum" wurde erstellt von Saxorg, 13.April.2010.

  1. Rick

    Rick Experte

    Hallo Sven,

    es kommt natürlich immer auf den Anspruch an.

    Für mich ist "klassische Ausbildung" das, was ich diesbezüglich Interessierten für ihr Musikabitur oder für eine andere klassisch orientierte Prüfung (Musikstudium, Orchester) zu vermitteln suche.

    Bei Jazz und Pop geht es mir ebenfalls um Aufnahmeprüfungen an Hochschulen sowie allgemein ums Coaching von Band-Saxofonisten.

    Insgesamt also um die stilistischen Besonderheiten, die ein überzeugender Musiker der jeweiligen Musikrichtung beherrschen sollte.

    Solch eine Vielseitigkeit ist beachtlich, dennoch sollte die Fähigkeit, all dies zu interpretieren, meiner Ansicht nach durchaus zur "Allgemeinen musikalischen Grundausbildung" gehören.
    Glücklicherweise sehen das meines Wissens auch die allermeisten Lehrer heute ebenso. :)

    ____________________


    Hallo Boo,

    warum findest Du das traurig?

    Als Lehrer, seit inzwischen dreißig Jahren Saxofonisten unterrichtend, finde ich es umgekehrt sehr interessant und oft auch hilfreich, was hier im Forum andere "Coachs" über ihre Unterrichtsmethoden sowie Schüler über ihre "Kundenbedürfnisse" äußern.

    Ob man dann alles so für sich übernehmen muss, bleibt dahingestellt, doch zumindest findet ein Austausch statt, der nur insgesamt fruchtbar sein kann!

    Generell enorm wichtig finde ich den Grundsatz des geschätzten Kollegen Peter Wespi, "Schüler" als Kunden und "Lehrer" als Dienstleister anzusehen.
    Diese Betrachtungsweise sei allen Lehrern, in der Musik wie auch nicht zuletzt an den allgemeinbildenden Schulen, wärmstens empfohlen! ;-)

    __________________________________


    Hallo viva-la-musica,

    so ist es - Danke für die schöne Zusammenfassung in Deinem Beitrag! :)


    Viele Grüße,
    Rick
     
  2. Saxorg

    Saxorg Ist fast schon zuhause hier

    Hallo Leute !

    WOW :idea:

    Ich hätte nie gedacht welche Lawine ich mit meiner kleinen Frage lostreten würde.
    Habt erst einmal alle und ich meine wirklich alle Dank für die Tipps und Anregungen.

    Wenn man alle Beiträge nimmt und die Essenz daraus zieht, ist es wie immer im richtigen Leben:
    Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, bzw. man nehme von allem ein Bisschen, würze das Ganze mit Freude an der Musik und genieße das ganze mäßig aber regelmäßig.

    Ich möchte hier stellvertretend einmal viva-la-musica zitieren:

    Oh, diese Klassiker. Sie glauben, man müsste unheimlich viel Leiden ertragen können, jede Tonleiter mindestens in 32tel spielen können, schließlich hat Mozart ja auch 64tel geschrieben. Erst dann wird man ein guter Mensch, ein erlauchter Musiker. Es heißt aber: ich spiele ein Instrument. Und wie ein Freund von mir sagte: Der Dreck in der Musik, im Sound, das ist die Seele.

    Ich habe in meinen „ersten“ Leben viele Organisten kennengelernt, welch stundenlang darüber diskutieren konnten ob der alte Bach in seinem Präludium in F-Dur als Register ein 4´Gedackt oder 4`Flöte benutzt hat.
    ( Der geneigte Zuhörer wird das kaum unterscheiden können)

    Heute habe ich Gelegenheit und Freude dabei ein tolles Instrument spielen zu können, ich übe jedenfalls daran und spiele mit Lust und Laune: Den Dreck in der Musik, im Sound, denn das ist die Seele. ;-)

    Vielleicht habe ich ja nach über 35 Jahren Kirchenorgel und Chormusik ganz einfach die Nase voll. :-x
    (Entschuldigt bitte die offenen Worte, aber man soll ja auf seinen Bauch hören)

    Fazit: Am Freitag (Unterricht) werde ich meinen Lehrer ansprechen, ob wir das Mengenverhältnis Klassik zu Jazz u.a. nicht verändern können. Natürlich unter Beibehaltung der Etüden, Tonleitern u.ä.
    Ich werde Ihn auch auf die Schule von Dapper ansprechen uns dann schaun wir mal.

    Also, Longtons, Stütze, Palmkeys und dann:

    Let`s Mozart swing and rock ! :cool:


    Bis denne

    Frank
     
  3. volkerkaufmann

    volkerkaufmann Ist fast schon zuhause hier

    Also über Saxophonschulen wurde ja hier schon viel Diskutiert. Was an der Dapperschule gut sein soll, weiß ich bis heute noch nicht.
    Aber wie sagt der Pfälzer?: Geschmachsach hat de Aff gesaaht, wie er Schmiersääf gefress hott.

    Zum Thema Klassik oder Jazz. Ich spiele beides und meine Schüler MÜSSEN im Laufe ihres Lebens bei mir auch beides spielen.
    Ganz einfach, weil beides voneinander profitiert.
    Würden Jazzer auch und vielleicht sogar gerade Profis, mal ab und zu eine klassische Etüde üben, in Verbindung mit Stimmgerät zum Beispiel, dann könnten sie auch mal über größere Intervalle spielen, ohne gleich vor dem heiligen Intonatius niederknien zu müssen.
    Und würden Klassiker mal ein Funk Playalong einlegen, dann könnten sie vielleicht auch in einem Zeitgenössischen Stück in Time die Synkopen spielen.
    Oder wäre es nicht schön, wenn ein Jazzer mal eine sinnvoll Melodie spielen würde?
    Michael Brecker ist einer der wenigen Virtuosen Saxophonisten gewesen, der sich seine Musikalität nicht wegtrainiert hat.
    Der konnte immer noch schön und musikalisch spielen.
    Der hat Jahrelang klassische Etüden und Lieder geübt.
    Diese ganzen Hardcorejazzer bzw Hardcoreklassiker sind doch echt intoleranter als Nazis, weil beide immer denken, das was sie machen ist das einzig Ware und genau das ist einfach völliger Blödsinn.
     
  4. bebob99

    bebob99 Strebt nach Höherem

    Ich habe einen Lehrer der keine strikte Trennung zwischen Klassik, Jazz, Moderne, Volksmusik, ... in seinem Unterricht macht. Er nimmt her, was auch immer nötig ist, um mir bestimmte Grundlagen zu vermitteln. Er ist Stabführer der Blasmusikkapelle und privat Saxophonist in einer Unterhaltungsband.

    Seit einem halben Jahr darf ich nun in der Musikkapelle mitspielen. Da spielen sie "Klassik", Jazz (Big-Band), Musical und moderne Stücke. Natürlich auch die unvermeidlichen Märsche und Polkas.

    Wenn's aber darum geht, meine Fortschritte zu testen, ist immer etwas klassisches am Zug. Da raunzt er dann, wenn ich das pp am Stück-Anfang nicht butterweich anblase, wenn die Dynamik nicht sauber rauskommt, die 16tel nicht sauber und gleichmäßig daher kommen,... Da ist's vorbei mit "freier Interpretation des Stückes".

    Weil es eben klassisch ist, wo der Sollwert genau vorgeschrieben ist, fällt jede Unzulänglichkeit gnadenlos auf. Bei Jazz kann ich mich immer "herausreden", dass diese oder jenes "Extra" eben mehr meinem Gefühl entspricht. Bei den klassischen Stücken kann ich keine "Extra Verzierungen" einbauen, nur weil ich die Klappen nicht gleichmäßig geschlossen kriege, kein grooviges Bend Up oder Down spielen, nur weil ich den Ton nicht auf Anhieb getroffen habe, oder die Achtel ein wenig swingen, weil ich mit dem Takt sonst nicht klar komme.
    Da gibt's auch keine Hintergrund Band, die für ein Grundlevel sorgt in dem kleine Fehler unter gehen.

    Ja, ich finde, es ist wichtig, auch solche Stücke zu spielen. Für mich persönlich sind beispielsweise Polkas und Märsche eine Qual, aber als Übung brauchbar und immer noch musikalischer als reine Fingerübungen.

    Ich fühle mich auch viel wohler, wenn ich die frei interpretierbaren Jazz, Rock und Pop Stücke und von mir aus auch die klassischen Stücke mit groove und feeling "verändere", weil ich es WILL und nicht, weil ich MUSS, nur weil ich den Ton nicht gerade hin bekomme*.

    Ach ja. Mein "täglich Brot" ist Paul DeVille "The Best Method For Saxophone". 320 Seiten Fingerübungen, Tonleitern und klassische Duette, Solostücke und Etüden. Laut meinem Lehrer wird mich das mindestens die nächsten 10 Jahre unterhalten. :-o

    *) Es geht hier nur um mein mögliches Unvermögen einen geraden Ton zu spielen. Ich will nicht behaupten, dass jemand ohne klassische Übungen das nicht auch hin bekommt.
     
  5. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Aha.......
     
  6. altblase

    altblase Strebt nach Höherem

    Hallo !
    Ich könnte jetzt nicht genau sagen, ob meine Spielweise eher klassik- oder jazzorientiert ist.

    Ich denke, das Spielen eines ambitionierten Amateursaxophonisten stellt sehr oft eine Mischform dar. Vielleicht in den verschiedenen Stilbereichen nur das Ankratzen einer Oberfläche ?

    Gestern irgendwo eine Mucke im Blasorchester, heute Big-Bandprobe, nächste Woche irgendwo im "dezenteren" Rahmen die Arie von Bozza, übernächste Woche in einer Tanzcombo aushelfen....

    Die hier im Forum benannte nötige musikalische Grundbildung für Saxophonisten aller Stilrichtungen kann ich nur unterstreichen.

    Die "Klassik" würde ich nicht verwerfen wollen. In etlichen Konzertstücken kann man sehr gut präzise Technik und Ausdrucksfähigkeit schulen, die z.B. im Big-Bandsatz und in den Soli angewendet werden können. Der 5 stg. Saxophonsatz in der Bigband muss an etlichen Stellen synchron wie an einer Schnur gezogen akkurat klingen (Spielweise ähnelt, wenn auch mit anderer Artikulation und Phrasierung, einem Instrumentensatz im Symphonieorchester). "Individualität" ist an diesen Stellen weniger angesagt.

    Für mich ist eine solide Technik wichtig, ebenso wie das schnelle VomBlattspielen. Darüberhinaus Sicherheit im Swingstil, nach ein paar Skalen improvisieren können, auf der anderen Seite auch ein paar leichte bis mittelschwere Konzertstücke spielen. :cool:
     
  7. Brille

    Brille Strebt nach Höherem

    Meinte einer:
    Meine ich:
    Ja, ich will auch möglichst alles gut können.

    Und da die Zeit nicht unendlich ist, muss man/frau priorisieren ;-)
     
  8. hanjo

    hanjo Strebt nach Höherem

    wie oftmals, kurz, schmerzlos, absolut treffend.

    priorisieren, wow.

    gruß
    hanjo
     
  9. chrisdos

    chrisdos Strebt nach Höherem

    Und Recht hat er.

    Es geht hier doch nicht darum, was ein Berufsmusiker können muss um praktisch jeden Job annehmen zu können.

    Wir sind immer noch beim Privatunterricht für Saxophonamateure und die Frage "Muss Klassik sein?".

    Da geht es zunächst um Spaß und Interesse. Wer sich für alles interessiert, schön. Wer eben "nur" Blues spielen möchte, auch ok.

    Alles können?

    Für Musikdienstleister gilt: Ja!

    Darüber hinaus gibt es sehr unterschiedliche Ansätze. Einer davon heißt: "Arbeite an Deinen Stärken!"

    Warum?

    Weil Du es bei Deinen Schwächen bestenfalls zu Mittelmaß bringst, und selbst das wird Dir unverhältnismäßig Energie kosten. Trotzdem wirst Du immer unbeachtet bleiben, weil Andere hier ihre Stärken haben.

    Also herausgearbeitete Talente statt mittelmäßigem Alleskönnen.

    Oder?

    Liebe Grüße

    Chris
     
  10. Brille

    Brille Strebt nach Höherem

    Bei und gibt es mehrere Musikschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die "klassische" würde nie zugeben, dass Jazz nicht ihr Metier ist. Allerdings hatte ich vor einiger Zeit einen Klassiker "jazzen" hören. Au Backe! Das war schlimm! Da wurde akademisch "geswungen".

    Die "popular-jazzige" hat eindeutig ihren eigenen Schwerpunkt und es ist dennoch möglich, klassische Stücke auf guten Niveau zur Aufführung zu bringen. Weil a u c h "klassische" Methoden zur Anwendung kommen....

    Und was die z.B. Ensemblearbeit angeht: Es ist gaanz klar einfacher, gerade junge Leute mit populäreren Tonsätzen anzusprechen und bei der Stange zu halten als mit verkopft-akademisch-klassischen. Über Spaß und Begeisterung kommen dann auch sehr gute Leistungen zustande. Und ohne nicht. Und da ist es m.E. wichtig, dass sich gerade "Klassiker" öffnen.

    So und jetzt übe ich mein Allegro "vivo" und folge dem Ruf der geraden Achtel und der Sechzehntel und 32stel im 5/8-Takt ;-)

    Brille
     
  11. Rick

    Rick Experte

    Man sollte vielleicht doch das Ganze noch etwas stärker nach Stilen bzw. Themen differenzieren:

    1. Musikalische "Grundausbildung" (Ansatz, Intonation, Dynamik, Grifftechnik, Rhythmik, Noten)

    2. "Künstlerische Grundlagen", aufgeteilt in
    a) Klassische Interpretation (Klangideal, spezifische Techniken, Agogik)
    b) Rock / Pop (Klangideal, spezifische Techniken, einfache Improvisation)

    3. Jazz (Entwicklung eines eigenständigen Stils, fortgeschrittene Improvisation über komplexe Strukturen)

    Intonation, Geläufigkeit, rhythmische Sicherheit, die Beherrschung des gesamten Tonumfangs sowie passables Blattspiel zählen dabei für mich noch zu den absoluten Grundlagen, ohne die man weder im Blasorchester noch im Bläsersatz eines Soul-Ensembles oder gar in einer Big-Band zurecht kommt.
    Das ist aber nach meiner Ansicht noch lange keine "Klassik", genau so wenig wie das Abspielen eines Dixie-Titels oder Swing-Hits essentiell etwas mit "Jazz" zu tun hat.

    Diese Grundausbildung kann man mit unterschiedlichem Material durchführen. Ich persönlich arbeite sehr gern - zumindest am Anfang - mit der Roth-Schule, weil sie für den Einstieg sehr systematisch und didaktisch sinnvoll aufgebaut ist. Doch spätestens ab Lektion 15 wandert sie ins Regal, dann gibt es andere Spielstücke (meistens Pop-Songs, Jazz-Standards oder auch mal kurze klassische Vortragsstücke), unterstützt durch spezifische Übungen unterschiedlicher Stilistik.

    Entscheidend ist für mich dabei immer, was der Schüler gerne spielen oder allgemein erreichen möchte.
    Wir definieren anfangs Ziele, die freilich auch im Lauf der Zeit modifiziert werden können - doch mir ist es wichtig, dass ein Schüler sich grundsätzlich klar macht, dass er da nichts für MICH tut, sondern dass er selbst seine eigenen Vorgaben umsetzt und ich ihn dabei lediglich unterstütze. :cool:

    Wenn natürlich ein Kind in erster Linie von den Eltern zum Unterricht geschickt wird und viel lieber Playstation oder Fußball statt Saxofon spielen würde, muss man eben zusehen, wie man die Zeit möglichst effektiv rum bringt, bis die Eltern ein Einsehen haben - oder möglicherweise doch der Funke überspringt... :roll:


    Schönen Gruß,
    Rick
     
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