Der Saxophonist Frank Tiberi hat zwischen 1960 und 1964 heimlich mit einem Diktafon John Coltrane aufgenommen. Diese Aufnahmen sind jetzt bearbeitet als CD erschienen. Kann ja sein, daß es den einen oder anderen interessiert.
Giant Steps als Live-Version. Das ist so etwas wie der Heilige Gral. Die Klangqualität ist aber vermutlich eher nicht berauschend, was sicherlich dem Equipment geschuldet ist.
Bin schon am Haken. Sehe ich es richtig, dass sowohl CD als auch Vinyl komplett erst ab November zu haben sind?
Ja, 6. November. Ich habs als Vorbestellung für knapp 100 Euro für 4 Vinyl-LPs gesehen. Gibt es wohl auch auf 3 CDs.
Bin schwach geworden und habe auch vorbestellt. Angesichts der zu erwartenden Bit-Tiefe habe ich mich mit der günstigeren CD begnügt.
Ich gestehe, dass ich sowieso kein Coltrane-Fan bin. Aber wenn die Tonqualität im Video das ist, was man dann auf den CD's hört: Nein, danke. Drei Stunden Diktaphon-Aufnahmen auf CD - und ich habe es nicht mal geschafft das 25min Video anzuhören.
Puhhh, gefällt das ernsthaft jemandem? Giant Steps der Tapes hatte ich eben im Auto gestreamt. Sicher nicht die beste Audioumgebung. Ich musste abschalten. Ich bin kein Coltrane Fan und es wird durch die gebotene Qualität nicht besser. Das hat eher historischen Wert. Offensichtlich lässt sich der echte Fan immer noch mit obskuren Aufnahmen melken.
Na, dann erkläre ich mal als jemand, der sich angesprochen fühlt und gestern den Kauf-Button gedrückt hat. Ich verstehe eure Aversion, die mit der Qualität der Aufnahme, vielleicht aber auch mit der Kombination mit dem Gespielten zusammenhängt. Da ist wenig Klangäshetik im Sinne einer hübschen Studioaufnahme mit hübscher Musik. Hier geht es um den Inhalt, wie bei einem Manuskript, das es nur auf losen Blättern gibt. Es ist es unhandlich, aber lesen kann man es trotzdem, und nur darum geht es. Coltrane ist für mein Empfinden am Extremsten abgebogen am Ende der 50ies mit ihrem Cooljazz und Hardbob. Vordergründig erscheinen die frühen Freejazzer zwar extremer, aber bei genauerem Hinsehen hat Coltrane das viel Krassere gemacht, indem er alle Grenzen sprengte und alles über Board warf, zunächst ohne den harmonischen Rahmen des Hardbobs zu verlassen. Das erforderte mehr Arbeit, mehr Konsequenz, mehr Umdenken und vielleicht sogar noch mehr Druck, noch mehr Drang, noch mehr Hingabe, als ein „von allem befreites“ Spiel ganz ohne Grenzen. Ich habe die Tage wieder die 1957er Prestige-Sammlung Relaxin-Steamin-Workin-Cookin im ÖPNV gehört und da hört man schon extrem, wie Coltrane den sicheren Hafen verlässt. Während Miles mit seinem Harmon-Mute völlig cool und melodisch spielt und Red Garland wunderhübsch ästhetisch, ändert sich bei Coltrane jedesmal komplett das Wetter. Das, was mich früher daran abgestoßen und gestört hat, berührt mich heute umso mehr. Und obwohl man Wirkungstreffer einsteckt, versteht man auch beim zehnten Mal nicht so ganz, wie er das jeweils gemacht hat, so jenseits der alten Regeln agiert er. Und dann sind solche Aufnahmen plötzlich interessant und man will sie halt hören…
P.S.: Vielleicht sollte ich für die weniger in der Materie steckenden erwähnen, dass die genannten Prestige Alben des klassischen Miles Davis Quintett zwei Jahre vor Giant Steps und etliche Jahre vor den wirklich Freejazz-Sachen entstanden. Mein Punkt ist, dass er nicht das althergebrachte über Board warf und sich der Grenzen entledigte, bevor er tapfer innerhalb der Grenzen ein Maximum rausholte, das niemand zuvor erreicht hatte. Keine Shortcuts, alles selber erarbeiten, alle Tassen selber leertrinken, bevor man eine neue holt. Und das hört man eben schon ein paar Jahre vorher, wohin die Arbeit geht. Und die Tiberi Tapes sind mitten drin in der Phase, wo es mehr neu wird als alt.
Ja, mir. Das gefällt mir sogar besser, als die Hochglanz-Version auf dem Album. Ich finde das was Trane bei Giant Steps spielt authentischer, als das Take, das auf dem Album gelandet ist - immerhin hat er damit nicht nur seine Mitmusiker überrumpelt sondern eigentlich die Exploration einer Idee aus dem Überaum ansatzlos ins Studio mitgenommen und ist hörbar an seine eigenen Grenzen gegangen. Hier ist bei allen Beteiligten schon eine gewisse Gelassenheit zu hören. Das Material wirkt gefestigt. Die Tonqualität der Tapes ist wie sie ist. Man hört alles, was man hören muss (das sollte uns allen zu denken geben, wenn wir das nächste Mal auf neues Spielzeug fürs Homerecording schielen oder die vermeintlich mangelhafte Qualität einer Handyaufnahme als fadenscheinige Ausrede dafür verwenden wollen, keine eigene Aufnahme einzustellen).
Es gibt so viele Aufnahmen von Trane, die ich trotz viel besserer Aufnahmequalität schon nicht höre. Deshalb sind die Tiberi Tapes nichts für mich. Ausgewiesene Coltrane-Fans mögen das anders sehen.
So berechtigt der Einwurf sein mag, so sehr hoffe ich, dass nicht alle, die Coltrane „eh nicht mögen“, jetzt lebhaft werden! Zur Aussage will ich aber gern anmerken, dass ich definitiv kein ausgewiesener Coltrane-Fan bin und er nur selten auf Plattenteller/Playlist ist, vor allem weil mir die Ästhetik seiner Phrasen gerade fürs nebenbei hören teilweise zu kontrastiert und schroff ist. Ich bin im Herzen ein alter Sack, was Jazz betrifft. Da holen mich Rollins oder Mobley im Alltag geschmeidiger ab und älteres sowieso. Das heißt aber nicht, dass ich ihn nicht mag. Manches ist geradezu unfassbar genial, Giant Steps gehört sicher dazu. Und wen „A Love Supreme“ nicht in irgendeiner Weise berührt (und sei es monumental negativ), der muss definitiv eine andere Wahrnehmung haben als ich oder begibt sich einfach nie in den Modus einer „erwartungsfreien Hörbereitschaft“, bei der man eben nicht im Takt wippend die tiefste Befriedigung verspürt, wenn die Dominante endlich wieder zur Tonika heimgefunden hat, sondern ergebnisoffen zuhört, was passiert, da draußen und in einem selbst. Dominant Tonika zu Back Beat ist genau mein Ding, aber ich versuche für das andere auch ein wenig Platz zu lassen. Bilde mir ein, es hält mich jung…
Vielleicht ist es für manche auch interessant zu verstehen, warum die Aufnahmen überhaupt entstanden sind. Frank Tiberi war ja nicht irgendein technikaffiner Fanboy mit Diktiergerät. Er war Profimusiker und unter anderem Teil von von Benny Goodman‘s Quartett gewesen, bevor Coltrane zu Miles stieß. Es war reinste Industriespionage, er wollte verstehen und analysieren können, wie Coltrane das macht, was er macht.
Danke für Info und @Nemo für den Link. Da ich es mir aus monetären Gründen nicht kaufen kann (muss für GÜ sparen was ein langer Weg wird), habe ich durch den Link und eure Info die Möglichkeit, etwas davon zu hören. Habe gerade nur einen kurzen Moment reingehört, und freue mich schon das frei verfügbare Tube-Material in Ruhe komplett zu hören
Ich gehöre zu denen, die Coltrane in seinem musikalischen Werdegang nicht mehr gefolgt sind, nachdem die Zusammenarbeit mit McCoy Tyner und Elvin Jones beendet war. Dies vorausgesetzt, ist es hoffentlich nur auf den ersten Blick verwunderlich, wenn ich nun das Folgende schreibe. Wäre ich nämlich Coltranes Freund und musikalischer Ratgeber gewesen, dann hätte ich ihm irgendwann in den Jahren zwischen 1960 und 1964 den Vorschlag gemacht, sich von Tyner zu trennen oder ihn zumindest davon zu überzeugen, diese Tyner-typische und meinem Empfinden nach die Stücke stark prägende Art und Weise, den Solisten Coltrane zu begleiten, zu verändern. Konkret meine ich damit u.a. das - später für andere Pianisten des modalen Jazz sehr stilbildende - häufig wiederkehrende Akzentuieren des 1. Taktschlags mit seinem donnernden Grundton-Quinte-Intervall. In der Literatur über Tyner ist zu lesen, dass dies an Elemente des Stride-Pianos erinnern würde, eine Einschätzung, die ich teile, ohne tieferes Wissen über diesen Stil zu besitzen. Coltrane selbst hat die wichtige Bedeutung Tyners für sein eigenes Spielen immer wieder betont, was natürlich nicht im Widerspruch dazu steht, die Zusammenarbeit mit ihm schließlich dann doch beendet zu haben und ihn durch seine Frau Alice Coltrane zu ersetzen. Um jetzt den Bogen zu Giuseppes schönem Bild von den leerzutrinkenden Tassen zu schlagen: Mich hätte die Musik Coltranes noch ein Stück mehr begeistert, wenn dieser innerhalb der musikalischen Grenzen, die er nach dem Weggang von Tyner und Jones so radikal überschritten hat, die Tasse vorher in Gänze ausgeleckt hätte, sprich einem freieren, weniger determinierenden Begleitpiano Platz geschaffen hätte. MyCoy Tyner schätze ich übrigens sehr in den Aufnahmen, die er mit Wayne Shorter und Joe Henderson in der ersten Hälfte der 60er Jahre gemacht hat. Und wie er bei "My Favorite Things" zusammen mit Coltrane spielt, gefällt mir auch nach Jahrzehnten immer noch sehr.