Wie konnte Charlie Parker so lange üben?

Dieses Thema im Forum "Saxophon spielen" wurde erstellt von Paul2002, 14.Juli.2019.

  1. Rick

    Rick Experte

    Richtig, aber ich wiederum habe nicht behauptet, dass Du es behauptet hättest.
    Wir sind hier ja in einem Forum, nicht in einem privaten Chat, deshalb schreibe ich nicht nur an Dich, sondern möglichst auch so, dass die anderen Mitleser etwas davon haben. Und es gab nun mal schon zu seinen Lebzeiten Musiker, die vermutet haben, für Parker sei Heroin eine Art "Zaubertrank" gewesen, und es deshalb selbst zu konsumieren begannen - das ist der Grund, weshalb ich das einfach klarstellen wollte.

    Wie Du selbst geschrieben hast, hat er dieses intensive Spielen nicht in seiner Anfangszeit gemacht, sondern erst später, als er schon über eine entwickelte Ansatzmuskulatur verfügte. Dass er zwischendurch eine zweijährige Sax-Pause eingelegt hatte, ist dabei nicht so wichtig, denn wenn man etwas schon einmal beherrscht hat, kann man es auch recht schnell wieder auffrischen.
    Richtig intensiv hat er also wohl erst nach ein paar Jahren Sax gespielt, als er bereits über einen gefestigten Ansatz verfügte, dann wird er sich auch nicht so schlimm etwas "versaut" haben, wobei man schon über seine Spielweise und auch seine harten Blätter unterschiedlicher Meinung sein kann - im klassischen Sinne hat er nicht "gut" gespielt mit den ganzen Ghostings, und um die 30 hat er wohl auch etwas leichtere Blätter verwendet, er hat also nicht ewig so "sportlich" weiter gemacht wie mit Anfang 20.
     
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  2. ppue

    ppue Experte

    @Paul2002 Wenn man viel spielt, bekommt man keine überspannte Ansatzmuskulatur. Was überhaupt soll das sein?
     
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  3. auge

    auge Ist fast schon zuhause hier

    Ich hab nicht jeden Post gelesen.
    2013 als ich keinen Lehrerjob bekam und den ganzen Tag zu Hause war hab ich es schon geschafft um die 8h (hptsl. Bariton) zu üben. Ich hatte einen Plan was zu üben ist und hab das ziemlich durchgezogen. Wenn nach 90min. der Ansatz schlapp macht stimmt sowieso was nicht. Alleine mein SaxSolo programm dauert öfters 2-3 Stunden und da hab ich nicht viele Pausen drinnen da ich alleine mit Playalongs spiele.
    Ich hab damals gemerkt wie diese viele Übezeit zuerst gar nix bringt aber dann plötzlich "einschlägt" leider (bzw. GSD) hab ich dann meine Stelle bekommen und hab das also nur etwa 2 Monate (und das nicht täglich) erlebt.
    So gesehen kann ich mir bei einem Profimusiker der damaligen Zeit ohne Internet und allen Ablenkungen sowas durchaus vorstellen.
    Hawedieehere
    Auge
     
  4. Rick

    Rick Experte

    Und welche Unterschiede sollen das sein?
    Meines Wissens gibt es kein spezielles Mittel zur Konzentrationsverbesserung, das dieser Behauptung auch wirklich entspricht, und alle gängigen Mittel in dieser Richtung - wie auch Benzedrin, ein gängiges Amphetamin, oder Ritalin, das sehr gerne von Schülern und Studenten zum "besseren Lernen" genommen wird - sind einfach "Wachmacher", für mich Aufputschmittel.
     
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  5. Atkins

    Atkins Ist fast schon zuhause hier

    Naja, ich würde mal behaupten, dass so paar Drogen eher die Wahrnehmung des eigenen Spiels oder eben der Band beeinflussen. Ich kenne das von vor 35 Jahren, wo gerne mal Gras und Anderes geraucht wurde, weil es ja angeblich motivierend ist. Ich habe mich da aus ganz anderen Gründen immer völlig rausgehalten, aber Fazit war oft, dass die gespielte Musik echt nicht besser war als sonst, eher oft schlechter, aber sich die Wahrnehmung geändert hat und man meinte, besser zu sein, was aber ein Trugschluss war. So jedenfalls meine bescheidenen Erinnerungen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15.Juli.2019
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  6. Rick

    Rick Experte

    Dann mal den typischen Tagesablauf eines "Cats", also Big-Band-Musikers, in New York um 1940:
    18 Uhr: Aufstehen, Frühstück
    20 Uhr: Beginn erster Auftritt
    0 Uhr 30: Beginn zweiter Auftritt
    5 Uhr: After Hours (Session oder Relaxen)
    8 Uhr: 2 Stunden Bandprobe
    10 Uhr: Schlafenszeit

    Das ergibt durchaus bis zu 15 Stunden Beschäftigung mit dem Sax, wenn man noch auf die Sessions geht, und das war unter den Jazzern allgemein üblich. Fürs Putzen und die Wäsche hatte man damals sehr billige Dienstleister, und mit der Körperhygiene nahm es nicht jeder sehr genau.
     
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  7. ppue

    ppue Experte

    Das hatte Parker auch mal fest gestellt.
     
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  8. Claus

    Claus Moderator

    @Rick

    Und so soll jeder Tag ausgesehen haben?
     
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  9. djings

    djings Ist fast schon zuhause hier

    Das ist ja fast wie beim Bäcker... :)
     
  10. mato

    mato Strebt nach Höherem

    Komisch, hat er mir nie von erzählt. :whistling:
     
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  11. gaga

    gaga Ist fast schon zuhause hier

    OK - soweit die Profis. Während Parkers Intensivkur mag ihn seine Mutter mit durchgeschleppt haben - aber sicherlich nicht ohne Mindestgegenleistungen wie Holzhacken, Hühner versorgen, Besorgungen machen usw. Die Mutter war ja selber eine solche Billigstdienstleisterin, wie du sie oben erwähnt hast, da wird sie den (fast) erwachsenen Sohn nicht nicht noch rundum versorgt haben. Auch von daher ist die Gesamtübezeit von 11 Stunden zu relativieren.
     
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  12. Dreas

    Dreas Gehört zum Inventar

    Wenn Du Berufsmusiker bist beschäftigst Du Dich den ganzen Tag halt mit Deiner Musik (plus Adminkram). Da sind m. E. acht Stunden täglich normal.

    Wenn Du engagiert bist, brennst, hohe Ziele hast, sind es schnell mal 10, 12 Stunden oder auch mehr.

    Ist doch in anderen Berufen nicht anders.

    CzG

    Dreas
     
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  13. Ton Scott

    Ton Scott Freak

    Ich frag mich wieviel sein Bruder wohl geübt hat.....

     
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  14. ToMu

    ToMu Strebt nach Höherem

    jepp, dem stimme ich zu ! einige foristen beweisen uns das dankenswerter weise. musik als offenbarung und tiefer liebe.
    da kommen wir dilettanten nur annähernd dran.
    aber wir haben ja auch einen beruf, ....familie, kinder, etc.
     
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  15. Jacqueline

    Jacqueline Ist fast schon zuhause hier

    So sehe ich das auch. 8h normale Arbeits(Übe)zeit + Überstunden. Ist doch ein heute gängiges Arbeitspensum.
     
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  16. mato

    mato Strebt nach Höherem

    So wie das quietscht, anscheinend nicht allzu viel. :duck:
     
  17. saxchrisp

    saxchrisp Ist fast schon zuhause hier

    Ich denke auch, dass das eine Fantasiezahl ist. Bei allem (berechtigtem) Hype, darf man nicht vergessen, dass Parker auch ein "klassischer" Junkie war.
    Übertreibung, Größenwahn, Lügen und alles was dazu gehört.
     
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  18. Pil

    Pil Ist fast schon zuhause hier

    Er wollte wohl sein Herz reparieren.

    Siehe zur gelungenen Operation auch: Abgestürtzt und wie geht es weiter...
    Er war mehr als ein MPC, ein Mensch!
     
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  19. gaga

    gaga Ist fast schon zuhause hier

    Das hat hier nie jemand bezweifelt. Er war ohne Zweifel ein Genie, aber er war auch ein Spielball der Verhältnisse, in die er hineingeboren wurde: alltäglicher politisch gewollter und regulierter Rassismus, eine ausufernde Drogenszene mit großer Nähe zum Showbusiness grassierender Alkoholmissbrauch sowieso - das alles als Teil einer fast durchweg bitterarmen schwarze Community weitgehend ohne den Halt fester Familienstrukturen.

    Seine Heilungsversuche und die vieler wohlmeinender Zeitgenossen sind alle gescheitert. Und nicht nur das: z.B. der junge cleane Trompeter Red Rodney, der als Nachfolger von Miles Davis zu Parker kam, war nach wenigen Wochen auf Heroin, was den Rest seines ebenfalls kurzen Lebens bestimmte.
     
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  20. Rick

    Rick Experte

    Ja, die Musiker hatten zumeist 7-Tage-Wochen, dafür aber natürlich zumeist kein nennenswertes Privatleben - die Bands waren die Familie, was man z. B. vom Bassisten Ray Brown (Ex-Cab Calloway, Dizzy Gillespie Orchestra usw.) aus etlichen Interviews weiß: Man kochte und aß gemeinsam, hing gemeinsam ab, oft schliefen sie auch zu mehreren in einem Hotelzimmer, wenn Platz knapp und teuer war.
    Allerdings spielten sie nur in der Hoch-Zeit und in großen Städten mehrere Shows pro Abend/Nacht (und das sogar noch in verschiedenen Ballrooms, davon erzählte auch der ehemalige Goodman-Drummer und spätere Bandleader seiner eigenen Orchestras, Gene Krupa). Und auf Tour waren wohl auch nicht überall Jam-Session-Lokale bis morgens um 8 Uhr geöffnet. ;)

    Anfang der 1940er Jahre, also genau als Charlie Parker nach New York kam, war das aber tatsächlich der typische Lebensrhythmus im "Big Apple", denn Jazzbands aller Art waren gefragt, vorwiegend zum Tanz in den verschiedenen, heute legendären Sälen wie dem Savoy Ballroom. Damals war zu jeder Tages- und Nachtzeit irgendjemand wach und wollte nach dem Job tanzen gehen oder Live-Unterhaltung genießen; in den Session-Lokalen zu für uns heute unvorstellbaren Zeiten wie 5, 6 Uhr morgens trafen sich die Arbeiter und Dienstleister nach ihrer Spätschicht und wollten noch etwas erleben, den Tag ausklingen lassen, dazu natürlich die reichen Nachtschwärmer, die "die Stadt, die niemals schläft" und ihr Unterhaltungsangebot bis zum Exzess auskosteten.
    Vormittags waren dann nur noch die "braven Bürger" wach, die einen normalen "9 to 5 Job" hatten, bis gegen Abend wieder das intensive Nachtleben begann, wo die Musiker ihrer Arbeit nachgingen.

    Meines Wissens war Parker ab etwa 16, 17 Jahren bereits als Profimusiker in Kansas City unterwegs, wo es ein ähnliches Nachtleben wie in New York gab.
    Seine Mutter scheint sich nicht sehr um ihn gekümmert zu haben, und umgekehrt.
     
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