Wie konnte Charlie Parker so lange üben?

Dieses Thema im Forum "Saxophon spielen" wurde erstellt von Paul2002, 14.Juli.2019.

  1. Juju

    Juju Strebt nach Höherem

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  2. ppue

    ppue Experte

    Nun ja, das sind zwei Aspekte. Die Gemeinschaft mit anderen Musikern, die Drogen nehmen, wirkt natürlich ansteckend, erklärt aber das Phänomen nur hinten heraus und beleuchtet nicht die Ursachen.

    Das Leben der Musiker damals hat @Rick ja schon skizziert. Auffällig daran ist der, gegenüber dem Normalbürger, völlig verschobene Tageslauf, der erst am Abend anfängt und bis in die frühen Morgenstunden geht.

    Der Abend geht los mit deinem Job in irgend einer Swing Band. Der Musikertag fängt da an, wo andere anfangen, sich zu vergnügen. Der Musiker lebt in einer Parallelwelt. Alle Welt tanzt, trinkt und feiert während der Musiker sein "Tageswerk" gerade beginnt.

    Nun macht der Musiker nicht irgend einen Job, sondern stellt sich als Person selber aus. Es ist immer ein Teil Prostitution, was der Musiker tut. Er verkauft seinen Körper, indem er sich selber ausdrückt (das darf man fast wörtlich nehmen). Ein Faust'sches Thema, denn es geht hier um den Verkauf der Seele.

    Was für viele das höchste Gut der Jazzmusik ist, nämlich das Individuelle, das Authentische, der eigene Sound, sprich die gesamten Attribute der künstlerischen Persönlichkeit werden auf der Bühne verkauft. Das wäre nicht tragisch, wenn darin nicht die Veräußerung seiner inneren Werte mit einher geht. "... und er blies sich die Seele aus dem Leib."

    Ich nenne es das "arme Dier", was mich beschleicht, wenn ich nach einem erfolgreichen Konzert einsam im Hotelzimmer sitze. Noch vor einer Stunde stand das Publikum vor dir und hat dich abgefeiert, jetzt sitzt du da und dich holt das nackte Elend ein. Du fällst in ein tiefes schwarzes Loch.

    Was dagegen tun? Man belohnt sich und geht, am besten mit seinen Mitmusikern, in die nächste Bar und trinkt ne Coca Cola. Ne, nicht im Ernst, oder? Es ist ja inzwischen nach Mitternacht, die Stimmung der Gäste sowie ihr Alkoholkonsum auf dem Höhepunkt. Nach zwei Bierchen bestellt der Kollege den ersten Schnaps und dann trinkt man gut und gerne, bis der Barkeeper einen raus schmeißt.

    Zurück zur Zeit der großen Swingbands. Viele der Musiker sind damals nach ihrem Brotjob direkt in die nächsten Jazzclub gefahren und habe da weiter gejamt, haben dort eben nicht die abgenudelten Songs, die sie in den Big Bands spielen mussten, gespielt, sondern eine neue heiße Musik entwickelt.

    Und das eben in Bars, die erst nach Sonnenaufgang schlossen, in den gefeiert und noch viel mehr getrunken wurde und wo die Aufputschmittel kursierten, die einen so herrlich wach hielten. Hier war sicherlich auch ein Gruppenzwang da, denn es wird sich kaum einer aus Vernunftsgründen um drei Uhr verabschiedet haben, weil er morgen ausgeschlafen sein wollte, das war uncool. Ende war sicher dann oft, wenn man merkte, es geht nichts mehr oder der Laden zu machen wollte.

    In solch einem Parallelleben nimmst du ganz schnell alles mit, was dich vermeintlich aufrecht hält. Und nimmst du ein/zwei Mal den Stoff, bist du schon abhängig. So verfällt einer nach dem anderen der Sucht.
     
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  3. Rick

    Rick Experte

    Genau, Alkohol ist eine ganz verheerende Droge (leider gesellschaftlich zu oft verharmlost gegenüber manchen bei uns illegalen Substanzen, die weniger körperliche und geistige Schäden verursachen - doch das ist ja nun ein ganz anderes Thema).

    Ich hatte die Ehre, wie ich es damals schon empfand, einen großen deutschen Jazzmusiker persönlich kennen zu lernen, den 1993 verstorbenen Pianisten Peter Kosch. Er spielte nicht sonderlich spektakulär, war kein "Tastenakrobat", sondern einfach nur gut, was seinen Swing und seine Voicings anging.
    Ein eigentlich sehr lieber Mensch, der jedoch in den 1970ern heroinabhängig wurde. Diese Abhängigkeit von einer illegalen Droge konnte er aber selbstständig bekämpfen - leider mit Alkohol. Als ich ihn um 1990 herum auf Heidelberger Jam Sessions traf, trank er ständig Schnaps. Seine Liebenswürdigkeit blitzte noch gelegentlich durch, aber der Alkohol verwandelte ihn in ein Wrack.

    Wir hatten schöne und skurrile Erlebnisse miteinander, ich habe ihn sehr gemocht, allerdings musste ich auch zur Entscheidung beitragen, ihn bei den Jam Sessions nicht mehr ans Klavier zu lassen, weil er dort regelmäßig einschlief, bis dahin, dass er mit dem Kopf auf die Tasten prallte. Andere Pianisten hätten gern gespielt, doch keiner wagte es aus Ehrfurcht, ihn vom Klavier zu zerren.
    Nur wenige Wochen nach seinem "Sessionverbot" starb er in seiner abbruchreifen Hütte - wenigstens friedlich im Schlaf. Er wurde nur Mitte 50, doch die Ärzte waren bei der Obduktion vom Zustand seiner inneren Organe entsetzt, ähnlich wie bei Charlie Parker...
     
    Zuletzt bearbeitet: 19.Juli.2019
  4. Rick

    Rick Experte

    Oh, das haben anscheinend viele versucht, Freunde, Kollegen, Herr Russell (der ihm angeblich sogar seine Tantiemen sicherte, woran Parker überhaupt nicht interessiert war), bis hin zu seinen Frauen, natürlich auch seine Mutter - doch vergeblich, er war und blieb stur.
    Man muss dabei bedenken, dass die Heroinabhängigkeit, die heute recht gut erforscht ist, damals offiziell nicht als Krankheit, sondern quasi als "Charakterschwäche" oder "kriminelles Fehlverhalten" galt, das man jederzeit freiwillig aufgeben könnte.

    Oder wie meine Mutter gern zu mir in meinen starken Raucherzeiten (bis zu 80 Zigaretten am Tag) sagte: "Jetzt lass das doch mal sein, das brauchst du doch nicht!"
    (Tatsächlich war ich nicht vom Nikotin, sondern von gewissen "Zusatzstoffen" in meiner Zigarettenmarke abhängig, die mit der Absicht, die Sucht zu verstärken, hinein gemischt waren. Ganz üble Methode der "Kundenbindung"!)
     
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  5. quax

    quax Strebt nach Höherem

    Nur aus pharmakologischer Neugier:
    Welche?
     
  6. Rick

    Rick Experte

    Habe keine chemische Analyse betrieben, sondern einfach gemerkt, dass ich nur von dieser einen Marke meinen "Kick" bekam, ich konnte nichts anderes mehr rauchen. Ein Freund von mir, der dieselbe Marke rauchte, berichtete mir von einem ähnlichen Effekt.
    Dass es nicht das Nikotin war, kann man daraus schließen, dass die Marke nur 0,1 mg davon enthielt (gängig: 0,9 bis 1,2).

    Vorher hatte ich unterschiedliche Marken geraucht, ohne auch nur ansatzweise diesen Effekt, und deshalb auch nicht so viele. Und morgens bekam ich schon fast Zitteranfälle, wenn ich keine Zigarette meiner Marke rauchen konnte, andere halfen nicht dagegen.
    Ich bin teilweise "meilenweit" gewandert, um meine Sorte zu bekommen, wusste genau, welcher Automat in der Umgebung sie führte - und wehe, der entsprechende Schacht war mal leer! :eek:
     
  7. Rick

    Rick Experte

    Wirklich sehr interessant (wenn auch sehr lang) und mit einer meiner Ansicht nach guten, weisen Zusammenfassung zum Schluss durch den Interviewer.
    Danke fürs Verlinken!

    P.S.: Zumindest hier stimmt es einmal, dass der Playboy mehr enthält als nur "unsittliche Fotos" - man kann ihn also tatsächlich ernsthaft und mit Gewinn lesen. :-D
     
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  8. Juju

    Juju Strebt nach Höherem

    Ich finde diese Talkrunde hoch interessant im historischen Kontext und wegen der Teilnehmer. Das waren ja überhaupt die Anfänge, wo Drogenabhängigkeit überhaupt als Krankheit gesehen wurde.
    Die Musiker, die damals das Problem hatten konnten ja auch nicht einfach in Rehab gehen und sich behandeln lassen, denn dann haben sie ihre Musiker-Lizenz verloren. Sie mussten versuchen, sich selbst zu helfen = kalter Entzug oder viele sind auch nach Europa gezogen, weil sie in den USA nicht mehr auftreten durften.

    LG Juju
     
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  9. Kohlertfan

    Kohlertfan Ist fast schon zuhause hier

    Im Film "Round Midnight" mit Dexter Gordon wurde die Problematik mit den Drogen ja auch sehr gut gezeigt.
    Ein Musiker hat mir mal erzählt, dass ein Set mit einem der berühmten Saxophon Giganten aus USA manchmal nur 20 min. lang sein durften, weil es dann Zeit für den nächsten Schuss war.
    Aber wenn man die Aufnahmen heute hört, dann spielt er einfach gigantisch.

    In meiner Jugend gab es auch einen sehr talentierten Gitaristen in der örtlichen Musikszene, der aber auch ein Heroinproblem hatte. Wenn er "drauf" war, hat er völligen Müll gespielt, allein in seiner Blase. Wenn er gerade mal clean war, dann hat er wirklich gut gespielt!
     
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